Sperlingsvögel stellen mit rund 6.500 Arten mehr als 60 Prozent aller Vogelarten. Ihre Gesänge sind äußerst unterschiedlich – von einfachen Pfeiftönen bis zu schnellen Trillern und komplexen Lautfolgen. Trotzdem konzentrieren sich diese Gesänge laut der im Fachmagazin „Science“ erschienenen Studie auf acht wiederkehrende akustische Motive: drei Arten von Trillern, drei Arten von Pfeifen sowie harmonische und „chaotische“ Laute. Die analysierten Tonaufnahmen stammen aus der frei zugänglichen Citizen-Science-Datenbank „Xeno-canto“.

Die acht Motive seien „ein bisschen wie ein Alphabet oder ein Werkzeugkasten“, sagt Erstautor Quentin Bacquelé vom Institut de recherche pour le développement (CNRS) im Gespräch mit science.ORF.at. Die Vögel kombinieren diese Motive zu ihren Gesängen. Im Schnitt nutzt eine Vogelart rund fünf Motive in ihrem Repertoire. Rund zwei Drittel der untersuchten Gesänge verbinden zwei oder mehr Motive.

Gesang hat für Vögel vor allem zwei Funktionen, erklärt Bacquelé: „Erstens geht es um die Paarung. Für die Männchen geht es darum, Weibchen anzulocken. Die zweite Funktion ist die Revierverteidigung“. Mit ihrem Gesang könnten Vögel Konkurrenten fernhalten, so Bacquelé.

Verschiedene Motive trotz enger Verwandtschaft

Überraschend ist, dass eng verwandte Sperlingsvogelarten oft unterschiedliche dominante Gesangsmotive verwenden. Die gemeinsame Abstammung präge den Gesang zwar mit, erkläre ihn aber nicht vollständig, sagt Quentin Bacquelé. Entscheidend seien auch andere Faktoren: „Ist der Vogel groß oder klein? Und wie ist sein soziales System? Kommuniziert er mit seinen Nachbarn über kurze oder lange Entfernungen?“

Größere Vögel verwenden häufiger einfache, langsame Pfeif- und Trillermotive. Kleinere Arten nutzen dagegen öfter schnell modulierte Pfeiftöne. Auch die Kommunikationsdistanz spielt laut Studie eine Rolle: Arten, die über größere Entfernungen miteinander in Kontakt stehen, setzen häufiger auf einfache und langsame Motive. Vögel, die eher im Nahbereich kommunizieren, nutzen hingegen öfter schnellere und komplexere Motive.

Sexuelle Selektion begünstigt komplexe Gesänge

Bei Arten mit polygynem Paarungssystem, bei denen sich ein Männchen mit mehreren Weibchen paart, sind komplexe Gesangsmuster häufig. Sie setzen besonders oft auf schnell modulierte Pfeiftöne. Der Grund sei stärkerer Konkurrenzdruck bei der Partnerwahl, sagt Bacquelé: „Die polygynen Vögel stehen unter sehr starkem sexuellem Selektionsdruck. Deshalb verwenden sie deutlich komplexere Gesänge.“ Monogame Arten verwenden dagegen häufiger einfachere Motive wie flache Pfiffe oder langsame Triller.

Lebensraum stark prägend

Auch der Lebensraum prägt den Gesang deutlich, wie eine Karte der geografischen Verteilung zeigt. „In tropischen Regenwäldern sind die Gesänge viel einfacher als in gemäßigten Klimazonen“, sagt Bacquelé. Das liege an einem Zielkonflikt: Einfache Signale transportieren weniger Information, bleiben im Wald aber besser verständlich. Komplexe Gesänge enthalten dagegen mehr Information, werden durch die Umgebung jedoch stärker beeinträchtigt.

In klimatisch gemäßigten Regionen kommen oft schnellere und komplexere Motive vor. Dort seien die Brutzeiten kürzer und die Reviere kleiner. Männliche Vögel müssten stärker um Partnerinnen konkurrieren und könnten auf kürzere Distanz miteinander kommunizieren. Die Forschenden vermuten, dass sich informationsreichere Gesänge unter diesen Bedingungen eher lohnen – auch wenn sie sich über weite Strecken schlechter ausbreiten.

Besonders überrascht habe ihn, sagt Bacquelé, dass sich in weit voneinander entfernten tropischen Regenwäldern ähnliche Gesangstypen finden: „Ob im Amazonasgebiet, im Kongo oder in Borneo – man hört denselben Typ von Gesang. Die Umwelt prägt also sehr stark, welche Gesänge man weltweit hört.“

Ansatz auch für andere Tiere

Für die Forschenden ist die Studie ein Ausgangspunkt für weitere Arbeiten. Der Ansatz könnte auch auf Amphibien, Insekten oder Säugetiere angewandt werden. „Wir wollen dasselbe bei anderen Tiergruppen versuchen“, sagt Bacquelé. Ob dort dieselben Regeln gelten wie beim Vogelgesang, sei offen.

Auch mögliche Folgen von Lebensraumverlust und Klimawandel auf die Vielfalt des Vogelgesangs wollen die Forschenden noch genauer untersuchen. Der tropische Regenwald sei klanglich besonders eigenständig, sagt Bacquelé. „Wenn wir einen Wald zerstören, verlieren wir möglicherweise eine einzigartige Klanglandschaft.“