Es gibt Dinge, die kann man so auch nicht erfinden. Ein Ding geht so: 2023 wurde das Acoustic Lakeside Festival in Sittersdorf, Kärnten, von der Finanzpolizei überprüft und zu einer hohen Geldstrafe verpflichtet. Der Vorwurf hat zu dem Zeitpunkt gelautet, dass das Festival viele Helfer:innen nicht (ordentlich) angemeldet hat, es war und ist aber so, dass das alles ehrenamtliche Vereinsmitglieder sind, die freiwillig und unentgeltlich beim Festival mitgearbeitet haben.
Letztes Jahr hat dann das Landesverwaltungsgericht entschieden, dass die Vereinsmitglieder weiterhin unentgeltlich mitarbeiten dürfen, woraufhin die Finanzpolizei Revision eingelegt hat. Diese wurde vom Verwaltungsgerichtshof abgewiesen, was in der Folge gute Nachrichten für Kulturvereine überhaupt sind, weil: Vereinsmitglieder sind demnach nicht zur Pflichtversicherung anzumelden, wenn sie eben freiwillig und unentgeltlich arbeitend dabei sind und „nur“ ihre Pflichten als Mitglieder erfüllen. Rudi Vouk, der Anwalt des Vereins, geht davon aus, dass das Verfahren in absehbarer Zeit beendet wird, auch angesichts der Kosten.
Von Dingen also, die man nicht erfinden kann, die man dann irgendwann auch wirklich nur mehr windmühlig-bürokratisch nennen mag, vor allem, wenn man mal dort war, beim Festival. Oder auf überhaupt irgendeiner ehrenamtlichen oder eben vereinsbasierten Kulturinitiative am Land in Österreich.
„Ich find es unglaublich wichtig und schön, dass es so etwas gibt. Dass sich Menschen ehrenamtlich zusammentun, in einer Welt, in der alles nur immer noch mehr kommerzialisiert und der letzte Cent rausgequetscht wird“, sagt Alexander „Cari“ Köck (wir nennen ihn ab jetzt liebevoll so), Stephanie „Cari“ Widmer (you know the drill) stimmt zu. Alex vergleicht das Acoustic Lakeside mit FM4, beide als Unterstützer der ersten Stunde, und meint außerdem, nachdem sie das erste Mal 2017 hier gespielt hätten, hätten sie gewusst: Wir sind eine gute Liveband.
Man vergisst manchmal fast, wie gut. Cari Cari spielen auf internationalem Spitzenniveau und sie sind selbstbewusst damit. Trotzdem nicken beide, Stephi und Alex, fast verlegen nach unten aufs Gras vor dem Kirchturm in St. Michael, wenn man ihnen die folgende Bilderbuchstory erzählt: Viele Menschen, ob jetzt Freund:innen oder nicht, haben nach der kürzlichen Show der Kings Of Leon in der Wiener Stadthalle gemeint, der Support sei besser gewesen als die Hauptband selbst. Cari Cari waren die Supportband.
In St. Michael, einem Nebenort von Sittersdorf, treffen wir uns, by the way, deshalb, weil Cari Cari hier im Pfarrhof für ihren Spezialauftritt am Freitagabend mit Ensemble und Männerchor proben. Endlich Lieder hören, die sie „sonst zu dritt live nicht schaffen“, wir hören das fantastische Lagerfeuerlied „Around The Bend“ inklusive Streicher, Bläser, Percussions.
Ein Reindling steht auch herum, ganz unglücklich unausgepackt, Alex hatte nämlich grad Geburtstag. Er meint, er sei „zu ehrfürchtig“ zum Anschneiden, wir glauben ihm fast. Versprochen wird uns ein Stück zum Kaffee, mit hinüber nach Sittersdorf, aufs Festival, nehmen wir aber vor allem noch solche klugen Sätze wie: „Kärnten ist Abwanderungsgebiet, normal müsste man sich freuen, dass Leute etwas auf die Beine stellen, in der Region und für die Region, nämlich so, dass es in ganz Österreich bekannt ist.“
20 Jahre Spatzen! Das Acoustic Lakeside Festival hat ungeachtet aller erwähnten Gerichtsspäße wie gewohnt stattgefunden, am vergangenen Wochenende, am Sonnegger See. Eindrücke: Hier ist alles zweisprachig, die Ortsschilder wie die Supermärkte und die Gespräche, bei denen man Mäuschen war. Wer nicht im Badeanzug herumgelaufen ist, hat sich overdressed gefühlt, wir sind den Gewittern ziemlich oft von der Schippe gesprungen. Menschen kommen hierher, lassen sich mit dem Traktor und ihrem ganzen Campingzeugs im Gepäck zum ausgewählten Zeltplatz bringen, dann bauen sie dort ein „Nest“. Ja, das Marketing ist super, alles ist in liebliche, vogelverwandte Sprache gewandelt (wir lesen die „Spatzenpost“ als Newsletter, wir hören „Vogal-FM“ als, sagen wir mal, FM4-Ersatz an diesem Wochenende). Menschen lassen sich kleine Piepser aufs Wadl tätowieren.
Einige Besucher:innen erzählen am Campingplatz davon, dass es für sie mehr darum geht, mit wem sie hier abhängen, als darum, welche Band spielt. Ein Festival als Alltags-Escapism und gleichzeitig als die Großfamilie, die man sich endlich selbst ausgesucht hat, beides haben wir oft gehört. Wir graben hier aber keine Erdlöcher für Gaskocher (sind die noch erlaubt?) oder bauen aus Bierdosen die Krone des Königs vom Nova Rock, es ist sogar so angenehm ruhig am Campingplatz, dass man beim Reel-Aufnehmen für die FM4-Socials gefragt wird, ob es da tatsächlich so leise ist. Dazu aber: Das war, bevor die beiden Bühnen am See bespielt worden sind. Und: Wir wollen es nicht „leise“, wir wollen es „angenehm“ nennen, beruhigend, entspannend, ganz so, als ob du dich tatsächlich trauen würdest, deine Zehen in den wohl viel zu warmen Sonnegger See zu halten. Kräuterwanderung, let’s go!
Für Zyniker:innen gibt es beim Acoustic Lakeside Festival keinen Platz, ihr habt es vielleicht erraten. Je später die Stunde, desto mehr werden aber natürlich auch hier viele Besucher:innen (vielleicht hat das auch mit diversen Kaltgetränken zu tun) gar nicht nur zum Ur-Kärntner, zur Ur-Kärntnerin, sondern zu Ur-Österreicher:innen. Hände hoch, wer noch nie ein schwül-klebriges Zeltfest genossen, furchtbar gern furchtbar schlechte Songs am Lagerfeuer geschmettert hat oder wer so viele Menschen auf einem Haufen echt auch nur an diesem einen speziellen Wochenende im Jahr erträgt. Auch deshalb ist ja vielleicht die Festivalversion von sich selbst die beste Version.
Neben großen Namen wie den erwähnten Cari Cari, aber auch etwa Wallis Bird, Alice Phoebe Lou, Kate Nash oder – tatsächlich, wir kommen drauf zurück! – Peter Doherty und seinen Babyshambles buchen die Menschen hinter dem Acoustic Lakeside vor allem viele homegrown Newcomer. Jo the Man the Music spielt heuer ihren allerersten Festivalsommer, stilsicher mit Cowboyhut aus Stroh sind wir die beiden einzigen Personen am Freitagabend, die sich die Affenhitze tatsächlich in langer Bluejean geben (Betterov macht es einen Ticken besser und trägt zumindest eine weiße).
Wir sprechen während des Betterov-Sets mit Jo, natürlich laufen wir aber bei „Dussmann“ kurz nach vorne. Jo erzählt vom Merch-Stand, weil ihr der zwar nicht lieber ist als die Bühne, er aber vor allem hilft, die Perspektive zu wechseln. „Es ist ja ein bissi eine einseitige Sache“, sagt Joey, das Performen, das erhöht da oben zu stehen. Es ist dann immer erfrischend, die Menschen zu treffen, die die Platten und das T-Shirt kaufen. Sie seufzt glücklich, ihre erste EP ist auf Vinyl komplett ausverkauft, sie kann es gar noch nicht glauben. Mit 25 Jahren sagt sie auf der Bühne Sätze wie „Das Leben wird besser, je älter man wird“.
Wir stimmen zu und drehen uns um zu einer Besucherin, die wiederum ihren Nachbarn fragt: „Wie alt isn die?“ Sie ist 17 Jahre alt, klären wir auf, sie ist unser neuer rising Star aus dem Burgenland. Die Bühne ist klein, luisa schweig ist groß.
Auch luisa spielt heuer ihren ersten Festivalsommer, aber das ist natürlich nochmal eine ganz andere Nummer. Die Schule macht sie gerade und sehr gut, weil sie sehr klug ist, nebenbei, es sind jetzt die letzten Sommerferien, dann noch schnell Matura. Mit „Wiener Tauben“ hat luisa gemeinsam mit Musikfreund CHURRO64 im Jänner bei uns angeklopft und die Charts-Nummer-1 gleich (mehrmals) mitgenommen, aktuell steht sie auf jedem gut gebuchten Festival Österreichs ganz oben auf dem Plakat. Rock im Dorf, Picture On, Popfest, you name it.
Für alle, die luisa nicht kennen, vielleicht hilft diese kleine Anekdote, ihren Schmäh, ihren Auftritt, ihr Selbstbewusstsein und die hinreißende Coolness zu beschreiben, die sie so mitbringt: Wir sitzen mit den Nikoläusen von Laurenz Nikolaus auf einem Heurigenbankerl, verkosten eine Jauntaler Hauswurst mit Bärlauch und besprechen ihre Setlist für ihren Freitagsauftritt (Pro-Tipp: Den Obstler-Song kann man nie zu oft live spielen!), da kommt luisa auf einmal daher. „Hat wer einen Stift für mich? Ihr kriegt ihn aber nicht zurück, weil ich muss ihn mir in den Mund stecken.“
Ahja, Fußball-WM ist auch noch. Das eher wurste Spiel um den dritten Platz hat am Samstagabend genau zu dem Zeitpunkt stattgefunden, als Babyshambles auf der Hauptbühne gespielt haben. Wir wissen nicht, ob Pete Doherty sich den Zwischenstand vielleicht übers In-Ear hat durchgeben lassen, gespielt haben immerhin Frankreich und England und er ist Fan. Während der Regen uns am Samstagabend dann doch eingeholt und England Frankreich sehr schön fußballtechnisch aus dem Weg geputzt hat, schauen wir vor allem Pete Doherty beim Zufriedensein zu.
Generationenwissen, natürlich, aber die Frage „Kommt er heute?“ war vor ein paar Jahren wichtiger als die, ob Weihnachten heuer passiert. Manche Dinge ändern sich, manche nie, Pete reist via Ljubliana an, schnappt sich eine Banane, seinen Hut und seine Hosenträger und schaut vom Bühnenrand noch ein bisschen Kate Nash live an. „Did you do the rain dance?“, fragt er uns auf dem Weg zum Frischmachen vor seinem Auftritt, na klar, nicken wir, „yeah, well, the trees and the plants need it!“
Pete (das „r“ dürfen wir aktuell offenbar nach Belieben wieder weglassen) hat mit Babyshambles schon viel mehr Spaß auf der Bühne als mit The Libertines, es sind halt auch seine Songs, von „Delivery“ bis „Albion“, das letzte sowieso eins, dem man songwritingtechnisch ein Schulfach widmen könnte. Gin in tea cups! Oder Whisky im schön grünstieligen Römerglas. Wir stoßen noch einmal an auf 20 Jahre Acoustic Lakeside, Pete hat davon natürlich keine Ahnung, und das ist auch sehr gut so.