Das Wiener Veranstaltungsgesetz ist seit 1. Juli um eine Novelle erweitert worden: bei Events ab 300 Personen ist nun verplichtend ein Awareness-Konzept vorzulegen und ein geschultes Team soll zusätzlich für das Wohl der Besucher:innen sorgen. Wie funktioniert das aber in der Realität? Wir haben uns das anlässlich der beiden Nina-Chuba-Konzerte in Österreich genauer angeschaut.

Security durch Awareness

Im Gegensatz zu den Security-Mitarbeiter:innen, die Taschen der Besucher:innen nach Waffen oder Wurfgeschossen durchsuchen, sind Awareness-Beauftragte Anlaufstellen für das Wohlempfinden der Gäste und für ein respektvolles Miteinander. Am Ende des Tages tragen aber alle Mitarbeitenden (wie auch die Besucher:innen!) eine Verantwortung für einen gelungenen und reibungslosen Abend – so strikt kann man diese Rollen also nicht trennen. Kommunikation eben. Und hier kommt Lea Bundt ins Spiel. Sie ist Projektmanagerin in der Wiener Stadthalle und hat schon vor zwei Jahren begonnen, das Awareness-Konzept für die Wiener Stadthalle zu entwickeln. Schon vor der Gesetzesnovelle hat die Stadthalle Awareness-Teams eingesetzt. Egal welcher Veranstalter die Acts nach Wien in die Stadthalle holt, die Besucher:innen werden vom Personal der Stadthalle empfangen: „Ticket-Scans, Garderobe wird von uns bestellt, wir sind in Kontakt mit den Sanitätern, mit der Polizei, der Security Firma, deshalb war für uns auch klar, dass wir das Thema Awareness zu uns nehmen!“

Wien als Vorreiter

Ein gutes Awareness-Team ist in Leas Augen ein diverses Team, das gut kommuniziert und bereit ist, sich weiterzubilden. Awareness-Teams absolvieren spezielle Schulungen, in denen es zum Beispiel um Kommunikation mit Betroffenen geht, um Deeskalation und Gewaltprävention, aber auch um rechtliche Grundlagen bei Veranstaltungen. Laut Gesetz ist ab Konzerten über 5000 Besucher:innen eine „verhältnismässige Anzahl an Awarenessbeauftragten zu bestellen“. Im Falle des Nina-Chuba-Konzerts sind das 12 Mitarbeiter:innen, die im Awareness-Outfit (lila T-Shirt und ein im Dunkeln leuchtender Awareness Badge) an Schlüsselpositionen in der Halle positioniert sind: das sind die Etagen bei den Sitzplätzen und auch der Stehplatzbereich. Stadthallen-Mitarbeiter:innen, die ein Awareness-Training absolviert haben, werden ebenfalls mit einem Badge ausgestattet und können von den Gästen angesprochen werden. Lea Bundt meint, dass die Resonanz auf Awareness bei Konzerten bisher sehr positiv verlaufen ist. Besucher:innen zeigen Interesse und stellen Fragen. Wien hat mit der Gesetzesnovelle eine Vorbildfunktion im deutschsprachigen Raum übernommen.

Dass Achtsamkeit bei Konzerten zu einer erfolgreichen Show-Produktion beiträgt, das finden auch cute concerts, die Veranstalter der Nina-Chuba-Shows in Österreich. Zusätzlich zu den Mitarbeiter:innen der Stadthalle gibt es auch das von cute concerts engagierte Team rund um Astrid Plank und ihre Firma „L’ Awareness – A New Culture of Care“.

Ohropax, Traubenzucker und Fidget Spinner

Vor der Stadthalle treffen wir Astrid und sehen, wie ihr sechsköpfiges Awareness-Team Wasser an die wartenden Fans verteilt, ebenso wie „Find mich“-Bändchen, auf die die minderjährigen Gäste die Telefonnummer ihrer Bezugspersonen schreiben können, sollte man sich während dem Konzert in der Menge verlieren. Zu Astrids Ausrüstung gehören auch Ohropax, Traubenzucker und Periodenartikel, aber auch ein Fidget Spinner, der bei sich anbahnenden Panikattacken beruhigend wirkt. Auch K.O.-Tropfen-Tests hat das Awareness-Team dabei, um im Verdachtsfall Drinks testen zu können.

Awareness-Beauftragte sind Teil einer Rettungskette und in Kontakt mit Securitys und Polizei. Im Notfall sind sie eine unterstützende Anlaufstelle für die Besucher:innen. Das beginnt eben bei Wasser oder Ohropax und geht bis hin zum Melden von übergriffigem Verhalten oder der Anwendung von K.O.-Tropfen-Tests. Im Awareness-Konzept ist auch ein Ruheraum vorgeschrieben, in den sich Besucher:innen zurückziehen können.

Die Musikfans von morgen

Nach dem Konzert erzählt Awareness-Team-Mitarbeiter Stefan, dass der Nina-Chuba-Konzertabend sehr friedlich verlaufen ist. „Eine tolle, schöne und sehr respektvolle Crowd!“ Am meisten hat das Team Ohropax, Traubenzucker und Wasser verteilt. Auch Besucher:innen berichten, dass die Crowd beim Konzert sehr angenehm war. Kinder, die mit einem Elternteil gerade ihr erstes Konzert erleben, zum Beispiel. Eine neue Generation von Musikfans, die in 10 Jahren gar nicht mehr glauben werden, dass es „früher“ Veranstaltungen ohne Awareness-Teams gab.

Das friedliche Miteinander als Grundprinzip

„Ich bin super froh über die Präsenz von Awareness-Teams“, meint eine andere Besucherin. „Ich habe prinzipiell das Gefühl, dass sich die Leute weniger erlauben! Es ist dann richtig krass, mal wieder auf Veranstaltungen zu gehen, wo es das nicht gibt, weil da passieren dann wieder Situationen, wo es so richtig ein Flashback zu früher ist – wo du dir denkst, ahja, das ist passiert!“ Zu wissen, dass es eine geschulte Ansprechperson vor Ort gibt, die man bei sexuellen oder rassistischen Übergriffen zu Hilfe holen kann, das alles verstärkt das Gefühl von Sicherheit bei einem Konzert.

Ein Awareness-Team unterstützt, wenn das eigentlich selbstverständliche Grundprinzip eines friedlichen Miteinanders ignoriert wird. Dass es gesetzliche Rahmenbedingungen für verstärkte Sicherheit von Konzertbesucherinnen gibt, ist begrüßenswert – aber auch in der Euphorie der Nacht sollten wir als Konzertbesucher:innen nicht auf unsere eigene Verantwortung unseren Mitmenschen gegenüber vergessen.