„Was geht hier ab, bist du deppat!“ schreit Bibiza gestern von der Bühne der ausverkauften Wiener Metastadt. Wir stehen davor und denken uns so ziemlich dasselbe. Ein weißer Vorhang fällt, dann steht da eine ebenfalls sehr weiß gekleidete Rockband inklusive Backgroundgesangsmenschen, Keys, Bass, Drums und Gitarren, Gitarren, Gitarren. Gleich mal vorweg gibt’s den Opener vom neuen Album (es erscheint nächsten Freitag), „Rocknrollstar“. Das ist alles die Masche und das Ziel, groß am wirklich argen Level wird heute niemand mehr mit Cloudrap oder Bedroom-Indie. Bibi will ganz nach oben, mit und ohne Schnapsideen.

Vor dem Konzert schauen wir uns ein bisschen am wunderbar rotbeziegelten Gelände um, wir beobachten Bibiza-Merch (auf den Socken steht „No Sex“, die Kollabo-Pullis mit der Österreichischen Post gibt’s immer noch) und wir reden mit den Fans. Wir treffen sehr junge Menschen, die sehr alte Musik hören, und dann aber eben auch Bibizas Lieder, weil er das, was ihnen an dem eben Früheren gefallen hat (Rock’n’Roll und Attitüde), zurückbringt. „Ich lauf’ durch die Stadt und werd’ überall erkannt“, richtig!

Wir hören von Menschen, die ihn am liebsten gleich heiraten wollen, wir hören von Menschen, die ihn in Deutschland kennen- und in Österreich dann lieben gelernt haben (wir wissen, es war nicht so, aber wir stellen uns vor, besagte Person wäre extra wegen der Wiener Schickeria in die Hauptstadt gezogen). Wir hören davon, wie Bibiza-Konzerte dahingehend unbeschreiblich sind, als dass man schon mal dabei gewesen sein muss. Fan-Lingo, eh klar, beschreiben lässt sich am Ende aber eh alles: Es war genau die große Rock’n’Roll-Show, die Franz Bibiza angekündigt hat. Sie war genau deshalb phasenweise ein bissi altmodisch, dann aber mit sehr guten Rave-Einsätzen aufpoliert (für immer „Blau“!) und Ikkimel als Feature-Gast dann halt einfach vom Bandl zugespielt. Mit einem Live-Cover von „Narcotic“ von Liquido erobert er sich alle Feuerwehrfestherzen der Welt.

„Weniger Wien“, kündigt Bibiza mit seinem neuen Album an, drei Jahre lang war er jetzt Nostalgie- und Mozartkugelbotschafter, das habe jetzt auch mal ein Ende. Immerhin denkt man ja auch dann, wenn man auf Deutsch textet, irgendwann mal über die Landes- bzw. in dem Fall sehr spezifisch Stadtgrenzen hinaus. Bibiza borgt also ideell ab jetzt auch international bei denen, die die Plattitüden zu Lederjacke, Angeberei oder übertriebenem Konsum diverser Substanzen aufgestellt haben.

Man muss dabei aber natürlich nicht jedes gesungene oder auch zwischendurch auf der Bühne gesagte Wort für bare Münze nehmen. Bibizas Humor balanciert im Gespräch wie in seinen Texten immer am schmalen Grat von „Was geht sich tatsächlich noch aus“. Wir trinken zwar also weiterhin ur-wienerisch Soda Zitron, grölen aber dabei wie die ganz Großen, manchmal sogar wie die Gallagher-Brüder. Auch die haben verstanden, dass man, je größer das Hinaufwollen auf die allergrößte Bühne ist, musikalisch sehr breit denken muss. Wenn Bibiza gestern Zeilen singt wie „Es ist so schön bei dir“, muss man nicht zum ersten Mal an diesem Abend an Marco Wanda denken.

Menschen beim Leiternklettern zusehen, Bibiza-Edition: Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, dabei zu sein, bei allen kleineren und größeren Karrierestopps. 2023 etwa in der Arena Wien vor gut 1000 Fans, es war grad „Wiener Schickeria“-Zeit, die Hochblüte aus schwarzem Lack, Samt, Leder und Schweiß als Accessoire numero uno. 2025 dann: erstes Mal ausverkauftes Wiener Gasometer für Bibiza und seine 4000 Fans. Der Weg ist klar, der führt in die Wiener Stadthalle, der Zwischenstopp Metastadt ist die schönste Möglichkeit, auszutesten, was denn da alles geht. Es geht sehr viel.

Bühnenfigur und Marketing-Genie

Bibiza ist eine Bühnenfigur und ist eine Geschichte, Bibiza ist ein bisschen Franz und ein bisschen mehr noch die übersteigerte Version eines Menschen, der sich die Energie über die Live-Auftritte hereinholt. Das neue Album wird so klingen, weil eingespielt mit der Band, die mit Bibiza auf der Bühne steht. Sie haben ihren Spaß, sie werfen sich gegenseitig die Tschick zu, der Schmäh rennt mit. „Hat wer a Feuer?“, ruft Bibiza, da flackert auf einmal die Pyro auf der Bühne nach oben. Wir stellen uns vor, wie das zuständige Feuerteam im Räumchen dahinter sitzt und kichert.

Franz Bibiza ist außerdem ein Marketing-Genie. Ob er’s will oder nicht, ist die andere Frage. In Interviews muss er sich mittlerweile oft über Dinge unterhalten, die ihm gar nicht so taugen. Einerseits der ewige Falco-Vergleich (auf den er eh völlig richtig antwortet, dass ihn das halt auch immer nur Journalist:innen fragen; die, die ihm zuhören, haben wohl in ihrem ganzen Leben noch nie „Jeanny“ gehört), andererseits das Social-Media-Game, um das kein Act herumkommt. Selbstpromotion war noch nie so schlimm, schnell und schnell verschlissen wie sie jetzt gerade ist, und alle machen mit.

Wer Bibiza auf seinen Socials folgt, muss zu Releasezeiten schon starke Nerven haben oder die Entfolg-Impulse in Frühlingsgefühle umzuwandeln fähig sein. Wenn er eins kann, der Franz, dann ist das die absolute Gabe, keinen Hass auf sich zu ziehen. Er muss tatsächlich meist nur einmal grinsen, und die Verspätung zum Interview, die vielleicht mal nicht allerbeste neue Single oder eben dein geflutetes Postfach sind vergessen.

Wer aktuell überhaupt supersteil gehen will, der folgt ihm nicht nur auf seinem mittlerweile über 70.000 Follower zählenden Hauptaccount, sondern noch auf einem zweiten, der nennt sich schlicht „Opernringblues“. Angekündigter Content auf dieser Seite, wo wir ganz intim mit nur 9000 anderen Einblick in Bibis Gedankenwelt kriegen, bezieht sich locker-nonchalant auf „so wie er wirklich is“, Typo natürlich inklusive. Es hat ihm getaugt gestern, das wissen wir dank besagter Kanäle.

Vielleicht feiert er tatsächlich nicht mehr so viel wie noch vor Kurzem, es ist halt auch nicht so leiwand, dortzupicken, wenn man ja eigentlich für die geplante Karriere funktionieren sollte. Bis dahin aber: „Man bringe mir ein Glaserl Sekt!“ Auf Bibiza.