„Hung Up“ von 2005 war Madonnas letzter großer Hit, der sich bis heute im kollektiven Gedächtnis der Popgeschichte gehalten hat. Das Album dazu hieß „Confessions on a Dancefloor“ und begann mit einem gefilterten Abba-Sample.
Eskapismus, Eifersucht und Euphorie
Jetzt, 21 Jahre später, veröffentlicht Madonna „Confessions 2“, ein Album, das – wie sein ideeller Vorgänger – der Clubkultur und dem Nachtleben ein popmusikalisches Denkmal setzt. Gleich geblieben ist ihr musikalischer Partner, der britische Produzent Stuart Price (unter anderem Killers, Pet Shop Boys oder Dua Lipa), der auch diesmal die elektronischen Beats beigesteuert hat. Sein europäischer Blick auf die Clubgeschichte hat schon den Sound der ursprünglichen Confessions geprägt. Statt dem queeren New Yorker House und Ballroom Underground (Vogue!) waren es die mechanisch pulsierenden Euro-Disco-Extravaganzen von Giorgio Moroder und die bunte Autodrom-Melancholie von 80er-Jahre-Italo-House, die die musikalische Basis für Madonnas Erkenntnisse über Eskapismus, Eifersucht und Euphorie bildeten.
Das neue Album von Madonna ist ihr zwingendster Popentwurf seit Langem. So musikalisch und inhaltlich konsistent wie „Confessions 2“ war ein Madonna-Album tatsächlich zuletzt beim ersten Teil der Confessions vor 21 Jahren. Durch die Produktion weht ganz viel 90er Jahre Dance Music. Madonna sind auch wieder packende Pop-Refrains gelungen. Stimmlich kann Madonna – samt aller elektronischen Verfremdungseffekte – glänzen. Erst gegen Ende des Uptempo-Albums wird das Licht heruntergedimmt und das Tempo gedrosselt. Das vorletzte Lied heißt „The Test“ und beginnt mit den Zeilen: „Little Star, I tried to put you on a pedestal. You didn’t ask for all the flashlights“. Mit dem „Little Star“ ist ihre erste Tochter Lourdes Leon gemeint und dieses Duett, das Madonna mit ihr gemeinsam singt, geht tatsächlich ans Herz. Beim Rausschmeißer-Lied „L.E.S. Girl“, einer fast schon akustisch gezupften Erinnerung an Madonnas Tage an der Lower East Side in New York, öffnen sich die Türen des Clubs. Es ist früher Morgen, die Vögel zwitschern. Auch diese Clubnacht hat ein Ende.
Die 16 Songs von CONFESSIONS 2 als Tribut an die DJ Kultur nahtlos ineinander gemischt und bieten jetzt wieder mehr Club und weniger Pop, mehr Bassmusik und weniger Abba. Und das steht der Madonna von 2026 ganz ausgezeichnet. Die Songs sind weniger auf Radiohits hin getrimmt und wenn die Acid-Basslinien zischeln und die Filtereffekte in vollem Einsatz sind, fühlt man sich tatsächlich wie am schwitzigen Dancefloor, und zwar definitiv nach Mitternacht. Es stellt sich nur die Frage, ob die Tracks von „Confessions 2“ auch die Gen Z dazu verführen werden, statt auf TikTok im richtigen Club zu tanzen. Hat nicht eine andere visionäre Popkünstlerin, Charli XCX, vor wenigen Wochen auf ihrer Single „Rock Music“ den Tod des Dancefloors verkündet? Madonna will jedenfalls unbedingt ein Player in der zeitgenössischen Popwelt bleiben und nicht als sogenannter „Legacy-Act“ auf ewige Nostalgie-Tour gehen.
Der Roll Out
Für das neue Album ist Madonna wieder bei ihrer alten Plattenfirma Warner untergekommen. Und dort hat man sich sichtlich bemüht, Madonna wieder im aktuellen Popgeschehen sichtbar zu machen. Ihr Gastauftritt beim Coachella-Konzert von Sabrina Carpenter war der Auftakt. Dort fand die Livepremiere des neuen gemeinsamen Songs „Bring Your Love“ statt. „CONFESSIONS II – The Film“ ist ein fast 15-minütiges Musikvideo, in dem mehrere Songs des Albums in futuristischem Ambiente samt jeder Menge Celebrity-Cameos visualisiert werden. Unter anderem tanzen dort Benedict Cumberbatch, Arca, Honey Dijon, Kate Moss, Richard E. Grant oder Madonnas Tochter Lourdes Leon durch eine fiktive Clubnacht.
Die Premiere des Songs „Love Sensation“ wurde dann am 4. Juni 2026 via der schwulen Dating-App Grindr global gestreamt. Der Überraschungsauftritt am Times Square sorgte nicht nur für verstopfte Straßen, sondern auch für die Fortsetzung der nie endenden Diskussion, ob Madonna „sowas“ noch machen sollte, „in ihrem Alter“. Bei der Pariser Fashion Week hat man sie dann noch rauchend und partymachend mit Charli XCX fotografiert, auch so eine generationsübergreifende Celebrity-Freundschaft, mit der man nicht unbedingt gerechnet hat.
Madonna hat die Popkultur der 1980er, 1990er und 2000er Jahre geprägt wie keine andere Frau. Jeder, der in jenen Jahrzehnten Pop-Fan war, hat eine Lieblingsversion von Madonna. Eine davon könnte das ambitionierte Rebel Girl aus ihren Anfängen in der New Yorker Downtown Club Bohème der 1980er Jahre sein. Mit dem Song „Danceteria“ auf „Confessions 2“ feiert sie den gleichnamigen legendären Club, in dem sie ersten Auftritte absolvierte. Wer sich in diese Zeit hineinversetzen möchte, dem sei dieses charmante Fundstück einer „early Madonna Performance“ empfohlen.
Madonnas Weg von der belächelten Disco-Sängerin zum globalen Superstar samt Kunstanspruch, war kurz und damals einzigartig, insbesondere für Frauen im Pop. Mit ihrer Mischung aus New Yorker Street-Smartness, herzhafter F***-You-Mentalität und ganz viel Ambition wurde sie zur Ikone eines neuen Feminismus, in dem Selbstbestimmung und Sex, Intelligenz und die Solidarität mit anderen marginalisierten Gruppen zueinander fanden. Ihr Einsatz für die queere Community am Höhepunkt der Aids-Krise war zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit im Mainstream Pop.
In ihrer „imperial phase“ von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre beherrschte sie für ein paar Jahre den globalen Popdiskurs wie niemand sonst. Mit dem introspektiveren „Ray of Light“-Album, ihrem Umzug nach London und der experimentelleren „Music“-Phase erfand sie sich gleich mehrmals neu. Spätestens mit Acts wie Lady Gaga oder Katy Perry wurde offenbar, wie ikonisch und einflussreich Madonnas Songs, Looks und ihre Attitude geworden waren. Ihre jeweils neuen Alben der 2010er und 20er Jahre wurden allerdings weniger freundlich aufgenommen. In der Presse und auf Social Media unterhielt man sich die längste Zeit lieber über ihr Gesicht und ihre Figur als über ihre Musik. Man übersieht vielleicht, dass sie in diesen Jahren einige der finanziell erfolgreichsten Stadion-Tourneen aller Zeiten gespielt hat.
Wenn man „Confessions 2“ aus Sicht dieser langen und singulären Karriere betrachtet, ist das sicher eines ihrer besten Alben. Ob sie damit das Zentrum eines aktuellen Pop-Mainstreams erobern wird, ist allerdings fraglich. Madonna muss, ob sie will oder nicht, gegen ihre eigene Geschichte anspielen – und dieses Match ist kaum zu gewinnen. „Confessions 2“ ist eine hochinteressante Meta-Platte über Clubs und Clubmusik. Ob sie selbst in den Clubs zu hören sein wird, bleibt abzuwarten.