„Vielleicht ist das adulthood. Weniger Rausch, mehr Dauerausstellungen.“ So gut formuliert denkt Jerome Daimler, Webdesigner Mitte 30. Er spaziert gerade durch ein naturhistorisches Museum mit einem Freund und dessen Tochter, der Freund plant seine Hochzeit, Jerome plant eher nichts.

Auf der besagten Hochzeit wird der Trauzeuge eine Rede halten, in der Harmony Korines Film „Spring Breakers“ hochgehalten wird, ein Lieblingsfilm von Leif Randt.

Leif Randt ist der Autor des Bestsellers „Allegro Pastell“, und früher oder später wird jeder Bestseller verfilmt. Randt, der in Interviews viel lieber über Filme als über Bücher spricht, hat auch das Drehbuch zum Film „Allegro Pastell“ geschrieben.

Bestsellerverfilmung als Zeitgeist-Zeitreise

Das Buch ist Anfang März 2020 erschienen, es spielt im Jahr 2018 und für viele war es vielleicht das letzte Buch, das sie noch gelesen haben, bevor die Coronapandemie die Stopptaste und den Alarmknopf gleichzeitig gedrückt und die jüngere Vergangenheit in ein Vor und Nach der Pandemie eingeteilt hat.

Auf die Figuren Jerome Daimler und Tanja Arnheim blicken wir jetzt vielleicht noch zärtlicher und verklärter, weil sie noch nicht wissen, was bald auch auf sie hereinbrechen wird.

„Allegro Pastell“ ist auch eine Zeitgeist-Zeitreise. Auf Nostalgie hat es Randt nie angelegt, aber das Weltgeschehen hat dafür gesorgt, dass man jetzt nicht umhin kann, mit leichter Sehnsucht zurückzublicken. Ich erwische mich bei einem leichten Anflug von Nostalgie, als mir einfällt, dass im Juni 2018 die letzte Ausgabe des NEON-Magazin erschienen ist. Man kann sich gut vorstellen, dass Jerome mal ein Abo davon hatte.

Im Gegensatz dazu will Jerome (Jannis Niewöhner) im Film eigentlich gar nicht zurückblicken, das erinnere ihn dann an Tanja. An sein erstes Treffen mit der Autorin Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) erinnert er sich dann doch auch im Film mal: „In deiner allerersten E-Mail hast du unser Kennenlernen als ziemlich passablen One-Night-Stand bezeichnet. Ein halbes Jahr später weiß ich, dass du es schmeichelhaft gemeint hast.“

Aus dem One-Night-Stand wird eine, ja, wie soll man das jetzt nennen? Daran scheitern auch Jerome und Tanja, man will ja nicht gleich superspießig in eine klassische Zweierbeziehung schlittern. Im Roman beklagt Tanja die Tendenz, dass Leute in Berlin wieder feste Beziehungen suchen. Man versteht sich eh gut mit den eigenen Eltern, will sich aber doch mit Lebensentscheidungen – also eben keine klassische Beziehung – von ihnen absetzen.

Wenigstens ist die Beziehung zwischen Tanja und Jerome eine Fernbeziehung zwischen Berlin und dem Maintal, geprägt von Abschieden, Sehnsucht, Abholen vom Bahnhof und vor allem: vielen E-Mails. Schreiben können beide richtig gut, da gibt es auch keine Missverständnisse, Telefonieren können beide nicht, wie Tanja später mal feststellen wird. Millennials eben. Im Roman schicken die beiden einander auch noch ihre sogenannten Rauschprotokolle, wenn das nicht mal ein ordentliches Oxymoron ist.

Als der Roman „Allegro Pastell“ erscheint, wird er als Porträt einer Generation gefeiert, ähnlich wie Douglas Couplands „Generation X“ und Florian Illies’ „Generation Golf“. Nur widmet sich Leif Randt eben den Millennials und somit auch seiner Generation. Wobei das eigentlich schon zu weit gegriffen ist, blickt doch „Allegro Pastell“ auf eine Bubble urbaner und recht privilegierter Millennials.

Es ist auch ein bisschen eine comedy of manners zwischen Club, Kebabstand, Altbau, ein bisschen Rausch und ein bisschen Teezeremonie. Von außen wirkt alles proper, ein kreativer Job – auch die Bedrohung durch KI ist noch kein Thema –, keine Geldsorgen, ein Freundeskreis. Doch als das Jerome mal Tanja alles ebenso aufzählt, reagiert sie genervt, so einfach ist das alles doch nicht.

Vorauseilende Wehmut

„Vorauseilende Wehmut“ ist der Begriff, der im Roman fällt und im Film den Weg in einen Zwischentitel gefunden hat, gefolgt vom crazy Gespenst, dem liebsten Emoji von Jerome.

Eine Wehmut, deren Ursprung nie ganz geklärt werden kann, zieht sich auch durch die Verfilmung von Anna Roller. Auf die Bezeichnung allegro, also „heiter beschwingt“, pfeift der Film und geht es gemächlich an – und stylish. „Allegro Pastell“ schaut aus wie ein Film, der beim Sundance Premiere gefeiert hat, dabei tut er das auf der Berlinale. Doch die ruhige Kamera, wie sie immer wieder Blätterrauschen einfängt oder einen hübsch rosa eingefärbten Himmel, das erinnert alles mehr an US-amerikanisches Indie-Kino als an deutsche Produktionen. Ausgenommen vielleicht Filme von Jakob Lass. Die sind zwar ungleich rauer, aber ebenso stylish und die Popkulturreferenzen und Darstellungen sitzen hier wie dort wie angegossen.

Die Melancholie und die Nonchalance in „Allegro Pastell“ formen sich zu etwas, was man aus französischen Filmen kennt. Es würde einen nicht wundern, wenn hier Louis Garrell um die Ecke spaziert und mal eine raucht. Und bei schickem Ennui ist natürlich auch die Welt von Autorin Françoise Sagan nicht weit, in „Bonjour Tristesse“ schreibt sie von strange melancholy, vorauseilende Wehmut hätte ihr sicher auch gefallen.

Kein „Millennials für Dummies“

Wer bei „Allegro Pastell“ auf eine Geschichte über Ursache und Wirkung wartet oder wer glaubt, dass „Allegro Pastell“ sowas wie „Millennials für Dummies“ ist, wird enttäuscht sein. Der Film wabert vom Verliebtsein zum Unsichersein und wieder retour, wir begleiten Jerome und Tanja bei dem Suchen nach der richtigen Kombination aus Nähe und Distanz.

Der Film liefert keine Antwort, woher die Unsicherheiten und Neurosen kommen. In einer Review wird der Film als Röntgenaufnahme einer Generation bezeichnet, aber ein Röntgen würde ja klare Antworten liefern. Der Film ist viel eher eine freundliche Privatärztin, die nachfragt, wo es denn jetzt eigentlich weh tut. Die Kindheit ist nicht an allem schuld. Es ist auch mal ganz angenehm bei einem Film, dass die nicht als Erklärung für alles herhalten muss.

Permanente Selbstreflexion ist ermüdend, permanente Interpretation jeder Geste und jedes Wortes von anderen auch. Kein Wunder also, dass man den Millennials oft eine gewisse Lethargie unterstellt. Auffallend ist natürlich auch die Abwesenheit von Politik, geradezu paradox, dass 2018 ausgerechnet „Bella ciao“ zum Sommerhit geworden ist, ein Partisanenlied als Mitgrölhit. Für Jerome und Tanja gilt meistens: Bloß keine Zugeständnisse. Es fällt ihnen ja sogar schwer, mit einem Hochzeitsgast anzustoßen, als der „Auf NOFX, die beste Band der Welt“ sagt.

FOMO, Weltschmerz und auch die Realität eines Hangovers mit über 30 zeichnen die Handlungen und die Mimik von Tanja und Jerome. Die Gegenwart sei eh voll ok, das ist das höchste der Gefühle. Die Wette aus „Faust“, bei der Faust wettet, dass Mephisto es niemals schaffen wird, ihn durch Genüsse völlig zufriedenzustellen, hätten die beiden vermutlich gewonnen. Glücklich lächeln sieht man Jerome mal im Taxi, als Mo-Dos „1, 2, Polizei“ aus dem Autoradio eines Taxis wummert. „Nostalgia is a weapon“, hat ja schon Douglas Coupland festgehalten.

„Allegro Pastell“ ist ein ungewöhnlicher Film, weil er von einer Liebe erzählt und dabei auf die Zutaten, mit denen sonst von der Liebe im Kino erzählt wird, verzichtet. Überschwang und Unvernunft haben hier mal Verschnaufpause. Die Kombination von Rationalität und Leif Randts herrlich formulierter ironischer Distanz macht den Reiz des Films aus. Zusätzlich ist das Kostümbild herrlich, immer wieder mal Mohair und Wolle, flauschiges Außen für rationale Innenleben. Hellblauer Lidschatten, ein silbernes Top, ein „Wikipedia“-Editor-T–Shirt, ein Ohrring mit dem Schriftzug „Love“.

Der Film „Allegro Pastell“ ist auch eher eine famose Dauerausstellung als ein Rausch. Und das meine ich als Kompliment.