Vier Jahre ist es jetzt her, da hat der in Berlin-Moabit aufgewachsene Rapper Apsilon seine erste EP „Gast“ rausgebracht. Schon damals war sein Programm relativ klar: Rap der geradeaus geht und die Augen nicht verschließt vor rechtsnationalen Tendenzen, generationsübergreifenden Traumata und tiefsitzendem Weltschmerz – und das alles so versiert und deutlich, dass man gar nicht anders konnte, als hinzuhören.
Seither ist viel passiert: Kriege sind ausgebrochen, die Welt ein bisschen schwerer geworden. Apsilon hat sein Debütalbum „Haut wie Pelz“ rausgebracht und darauf seinen Sound perfektioniert, er hat gratis Club-Shows in Deutschland und Österreich gespielt und der deutsche Vize-Kanzler ist ihm auf Instagram gefolgt. Vieles von dem Erlebten bearbeitet der 29-Jährige auf Album Nummer zwei, „Glanz Null“ – und blickt dabei noch tiefer in sich hinein. Es geht ums Erwachsenwerden in einer kalten Welt, um Kriege auf unseren Handys und darum, was das mit uns macht, wenn uns ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Im FM4-Interview gibt er Einblicke in den Albumprozess, erzählt über die Zusammenarbeit mit Ikkimel und Bazzazian und er beschreibt, was das eigentlich für ihn bedeutet – den Glanz zu verlieren – und wie man wieder zu neuem Glanz findet.
Radio FM4: Wie geht’s dir gerade? Du hast ein ultra schönes Album gemacht, wow. Bist du stolz darauf?
Apsilon: Dankeschön. Ich muss sagen, mir geht es gut gerade. Ich war eigentlich nie jemand, der Kaffee trinkt, aber mittlerweile bin ich schon ein Koffein-Addict geworden. Der ganze Album-Stress war sehr intense und in den letzten Monaten gab es auch Momente, die nicht ganz so gesund waren, sag ich mal. Aber ja, ich bin auf jeden Fall stolz drauf. Das war jetzt nicht so – zwei Wochen ins Studio gehen und zack, Album fertig – sondern wir waren da schon eineinhalb, zwei Jahre dran. Shoutouts an mein ganzes Team und insbesondere an meinen Bruder Arman auf jeden Fall, mit dem wir das alles zusammen machen. Am Ende haben wir das Album gemacht, das wir machen wollten und nicht, was wir dachten, was andere Leute hören wollen. Darauf bin ich stolz.
Der musikalische Grundstein von „Glanz Null“ ist auf einem Albumcamp in Frankreich gelegt worden, der Sound schließt an dem des Vorgängers an: Sanfte Elektronik, geschichtete Vocals und viel Klavier – Bausteine, die immer wieder die Namen Bon Iver oder James Blake evozieren – aber eben auch nach vorne treibende Beats und wummernde Synthesizer, auf denen die seltener gewordenen, aber doch vorhandenen druckvollen Flows von Apsilon gut aufgehen. Das Kern-Team ist gleich geblieben: Sein jüngerer Bruder und Executive Producer Arman Yolci, der deutsche Komponist und Multiinstrumentalist Ralph Heidel, und Bazzazian – der Kölner Produzent, der Haftbefehls Sound geprägt hat wie kein anderer. Dazu gekommen ist dessen Sohn Bijan und Valentin Hansen.
Radio FM4: Wie war diese Zusammenarbeit diesmal für dich? Vor allem mit Bazzazian, der ja schon auch ein Vorbild für dich war, oder?
Apsilon: Total. Wir sind mit Haftbefehls Musik aufgewachsen, haben ihn immer auf dem Weg zur Schule gehört und so. Bazzazian war immer ganz oben auf meiner Liste von Leuten, mit denen ich zusammenarbeiten will. Bevor ich das erste Mal überhaupt im Studio war, als ich einfach nur zu Hause in meinem Zimmer die ersten Rap-Texte geschrieben habe, war der Name schon on top of my list. Und mittlerweile ist das wirklich ein sehr familiär-freundschaftliches Verhältnis geworden. Wir nennen ihn auch immer Abi, also großer Bruder. Ich glaube, auch wenn er jetzt nur noch schlechte Musik produzieren würde, würde man immer noch sehr viel Kontakt haben und befreundet sein. Aber zum Glück macht er ja keine schlechte Musik (lacht). Das ist so wie mit dem Wein, der wird auch nur besser mit dem Alter.
„Wir waren nur Kids mit Zahnlücken-Lächeln“
„Glanz Null“ handelt im Kern vom Verschwinden eines Gefühls, der Sorglosigkeit und Zuversicht, mit der wir als Kinder auf die Welt blicken, dieses Gefühl, dass alles gut wird, dass man in das Leben vertrauen kann – das ist irgendwann weg. Auf dem Album spürt Apsilon diesem Gefühl immer wieder nach, sowohl bei sich selbst als auch bei anderen.
Radio FM4: Kannst du dich erinnern, wann du das erste Mal das Gefühl hattest, dass dir dieses Kindsein genommen wird?
Apsilon: Das war gar nicht so ein bestimmter Moment. Ich glaube, das ist bei jedem Menschen auch sehr unterschiedlich, wann dieser kindliche Glanz in den Augen, diese Sorglosigkeit, dieses Gefühl: wenn ich hinfalle, fängt mich jemand auf – dass dieses Gefühl irgendwann nicht mehr da ist. Wenn man ein Kind ist, das in einem Kriegsgebiet aufwächst, ist es viel früher weg. Das kann aber auch etwas Familiäres sein, es kann Herzschmerz sein oder vielleicht auch einfach die Erschlagung mit all dem, was in der Welt passiert, Tag für Tag. Diese Konfrontation mit einer sehr ungerechten Realität einfach.
Ich habe es jedenfalls in den letzten Jahren sowohl bei mir als auch in meinem Umfeld in mehreren Momenten gemerkt, die eigentlich sehr schön sein sollten, wo man auch gelacht hat. Aber dieses Lachen hatte diesen Glanz dann einfach nicht mehr. Man hat gemerkt: Ey, irgendwas ist da gerade noch da. Innere Unruhe, Ängste oder Sorgen, die in diesem Moment trotzdem einen gewissen Schatten werfen. Das war ein bisschen die Inspiration, die in das Album eingeflossen ist. Und rückblickend war in den letzten sieben, acht Jahren auch eine gewisse Suche nach diesem Glanz – vielleicht auch an Orten, wo man dann gemerkt hat: Ey, das tut mir vielleicht doch nicht so gut.
Am brutalsten deutlich wird dieses Rausreißen aus dem Kindsein auf der bereits vor Monaten erschienene Single „Sommermärchen“. Ausgehend von seinem neunten Geburtstag und eingebettet in den WM-Sommer 2006 erzählt Apsilon darauf die Geschichte von Mehmet Kubaşık, einem Dortmunder Familienvater, der am 4. April 2006 vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet wurde. Die Idee dazu kam ihm vor Jahren, als er gemerkt hat, dass Mehmet Kubaşıks Todestag auf denselben Tag fällt wie sein eigener Geburtstag. Letztes Jahr hat er dann auf einer Gedenkveranstaltung in Hanau Mehmets Tochter Gamze Kubaşık kennengelernt.
Radio FM4: Ist das alles wirklich so passiert, so wie du es im Song erzählst?
Apsilon: Ich würde sagen, der Song ist an einigen Stellen auf jeden Fall so halb-fiktiv, da musste ich mich künstlerisch ein bisschen rantasten. Bei dieser Gedenkveranstaltung in Hanau hatten Gamze Kubaşık und Semiya Simsek, deren Vater auch vom NSU ermordet wurde, ihr Buch vorgestellt, das sie gemeinsam geschrieben haben. Dieses Buch kann ich übrigens jedem ans Herz legen. Wir haben uns an dem Abend wahrgenommen, Gamze und ich, aber wir haben nicht wirklich gesprochen. Das Gespräch im Song war dann eher das, was sich in meinem Kopf abgespielt hat. Nachdem der Song fertig war, habe ich ihn ihr geschickt und war auch sehr aufgeregt, weil wir ja noch nicht wirklich Kontakt hatten bis dahin. Sie fand ihn dann aber sehr schön tatsächlich, und sie hat auch einen Text geschrieben wie sie das alles aus ihrer Sicht wahrgenommen hat, in unserem Magazin zum Album.
Radio FM4: Du erzählst in dem Song davon, wie Gamze in diesem imaginären Gespräch zu dir sagt: Bitte hör nicht auf, solche Songs zu schreiben. Wie geht es dir eigentlich damit? Also hättest du manchmal auch Bock, diese heavy Topics einfach wegzuschieben und zu sagen, keine Ahnung, ich mache jetzt einfach Lifestyle Rap?
Apsilon: Es stimmt schon, dass diese Partybanger jetzt nicht so locker aus mir rauskommen. Das Ding ist aber auch: Wenn ich versuche, solche Songs zu machen, die einfach locker sind, wo ich komplett loslasse von all den Problemen, die es gibt in der Welt und in mir drin und um mich herum… Und btw, ich fühle mich ja auch gut! (lacht) Also ich fühle mich ja oft gut, ich hab ein sehr erfülltes Leben, ich habe Menschen, die mich lieben, Menschen die ich liebe. Aber in der Musik kommen mir diese schweren Themen irgendwie leichter von der Lippe. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber ich habe Tage, an denen ich mich sehr gut mit mir fühle und Tage, an denen ich mich dann nicht so gut mit mir fühle. Und an den Tagen, an denen ich mich sehr gut mit mir fühle, mache ich wahrscheinlich einfach nicht so viel Musik.
Vielleicht ist das aber auch ein Skill, den man lernen muss als Songwriter, auch diese anderen Seiten von sich selbst in Songs zu zeigen, ohne dass es platt oder kitschig wird. Vielleicht ist das aber auch ein kulturelles Ding, weil ich auch viel mit türkischer Musik aufgewachsen bin. Da spielt Melancholie eine große Rolle. Denen ging es ja auch nicht die ganze Zeit so, aber dieser Teil findet sich in der Musik dann einfach wieder.
Radio FM4: Fair enough. Aber jetzt, wo ich drüber nachdenke – ich finde so ein paar Lines auf der Platte schon sehr lustig. Was sagst du auf dem einen Track, wo du so ausholst gegen die Techno-Rap-Szene? „Mein Bro bricht dir die Jawline, das ist Looksmaxxing, du Opfer“? Das ist schon sehr gut.
Apsilon: Ja, das macht auch Spaß. Shoutouts an Levin, der da auch draufgekommen ist auf den Song. Aber ja, ein Tape mit nur solchen Songs wäre auch bestimmt mal lustig. Keine Ahnung. Wir haben auch überlegt, ey, passt der jetzt überhaupt aufs Album? Weil er schon rausbricht. Aber im Endeffekt bin ich glücklich, dass wir den raufgenommen haben. Der bringt auch ein bisschen Lockerheit rein.
Radio FM4: Vielleicht kommt ja nochmal eine Apsilon Freestyle EP. Aber hey, das Ikkimel-Feature hat mich ein bisschen überrascht. Das habe ich nicht erwartet. Wie ist das zustande gekommen? Das ist auch krass, von ihr eine ganz andere Seite zu hören, die du vielleicht auch ein bisschen rausgeholt hast?
Apsilon: Ich will mir da gar nicht den Credit geben, das kam schon selbst aus ihr raus, als sie den Song gehört hat. Wir hatten den Song schon – mit Hook, mit meinem Part und ich hatte sogar schon einen zweiten Part. Dann kam aber tatsächlich von Bazzazian die Idee: Ey, vielleicht einfach Ikkimel da drauf? Und ich hatte schon mal überlegt, dass das cool sein könnte. Ich mag es immer, andere Artists aufs Projekt und damit dann auch in die eigene Welt reinzuholen. Weil natürlich feiere ich die für das, was sie machen, und ich respektiere das. Aber ich finde es immer interessant, sie dann auch in einen anderen Kontext zu setzen und zu gucken, wie das dann klingt. Das war bei Mel auch so. Sie ist sehr spontan, ich glaube am nächsten Tag nachdem ich ihr den Song geschickt habe, ins Studio gekommen, hat direkt Text geschrieben, aufgenommen, alles an einem Tag. Das war schon sehr, sehr cool und extrem korrekt. Einfach so auf menschlicher Ebene. Ich mag den Song sehr. Und auf ihrem Album, zumindest auf der Vinyl, sind ja auch ein, zwei Songs, die ein bisschen aus der Richtung, die sie normalerweise macht, ausbrechen. Sie hat, glaube ich, auch Lust darauf, solche Sachen zu machen und ich finde, das funktioniert sehr, sehr gut auf dem Song.
„Harte Zeiten machen harte Leute“
„Glanz Null“ ist definitiv kein typisches Sommeralbum. Es ist eher der Typ Album, das man an einem langen Sommerabend hört. Dann, wenn man zu viel nachgedacht hat, wenn einem die Schwere der Welt wieder einmal erdrückt und man Trost braucht. Von jemanden, der auch strugglet, der dabei aber die Hoffnung nicht verliert. Auch, wenn sie fast nicht mehr zu greifen ist.
Radio FM4: Viele sagen ja immer: Musik ist ihre Therapie. Ich kenn es von mir selbst, dass Therapie erst notwendig war, um mich selbst zu verstehen. Ist dir das immer leichtgefallen, in dich reinzuschauen?
Apsilon: Ne, gar nicht. Ich habe früher viel Basketball gespielt, sehr viel Leistungssport gemacht. Und auch viele Jungs, mit denen ich sehr eng befreundet bin, meine Besten sozusagen, sind so aufgewachsen – in einer Kultur, wo es nicht so viel Raum dafür gab, in sich selbst reinzugehen und zu schauen: wie fühle ich mich heute eigentlich? Musik hat da geholfen auf eine Art, aber ich glaube, man muss auch aufpassen. Es kann auch sein, dass man wegen der Musik Therapie braucht (lacht). Musik alleine reicht glaub ich nicht aus, um mit seinen Problemen komplett ins Reine zu kommen – wenn das überhaupt geht. Deswegen auch Shoutouts an meine Therapeutin!
Radio FM4: Vielleicht eine letzte Frage noch. Gibt es Momente, wo du diesem Gefühl, das du als Kind hattest, dieser Leichtigkeit ein bisschen näher kommst?
Apsilon: Ich finde es schwierig, das in ein paar Sätzen zu erklären, weil es darum ja auch viel auf dem Album geht, um diese Frage und diese Widersprüche. Am Outro „Null“ zum Beispiel. Vielleicht ist das nicht die gleiche Form von Glanz, die man als Kind gespürt hat, aber eine andere, vielleicht eine neue Form. Ich glaube, dass es für mich einerseits die zwischenmenschlichen Verbindungen sind, diese Liebe untereinander, die einem diese Kraft und diese Hoffnung geben kann. Und gleichzeitig dieses gemeinsame Träumen von einer anderen Welt, das gemeinsame Kämpfen für eine andere Welt.
Aber das Album ist jetzt auch keine Anleitung oder eine ganz klare Antwort, was jetzt das Richtige ist, was es zu tun gilt, sondern es ist eher ein Prozess. Und ich glaube, alle können, wenn sie das Album hören, etwas anderes daraus ziehen, andere Schlüsse fassen für sich selbst und andere Gefühle dabei fühlen. Manche werden das wahrscheinlich optimistischer und hoffnungsvoller deuten und andere eher pessimistischer. Es kommt auch immer darauf an, wie man sich selbst in dem Moment fühlt.
Apsilon in Wien