Dass man sich über die Körper anderer Menschen kein Urteil anmaßen sollte, ist eines der letzten hartnäckigen und im Grunde vernünftigen Überbleibsel der 2010er-Body-Positivity-Bubble. Für viele Frauen ist es die oberste Regel, weder eine Gewichtszunahme noch -abnahme zu kommentieren, immerhin wisse man nie, was zu dieser Veränderung geführt habe, ob psychische oder körperliche Probleme eine Rolle spielen, ob man die Person mit einer Aussage zu ihrem Gewicht vielleicht triggert.
Das alles ist grundsätzlich erst mal richtig und wichtig. Dieser durchaus empathische Zugang hat aber auch eine Kehrseite: Er bringt uns zum Schweigen, weil er es beinahe unmöglich macht, die besorgniserregende Entwicklung des popkulturell normalisierten Schönheitsideals anzusprechen, ohne als frauenhassende, unsolidarische, unsensible Cunt dazustehen.
Aktuell erleben wir in Echtzeit, wie sich dieses Ideal weg von der relatable „Du bist schön so, wie du bist“-Midsize-Frau hin zur auffällig dünnen, in einigen Fällen sogar abgemagerten, zerbrechlich wirkenden Frau wandelt. Abnehmspritzen wie Ozempic tun ihr Übriges. Sie kreieren die Illusion, dass schneller, extremer Gewichtsverlust die Norm ist, haben die Anzahl von Promis, die plötzlich erschreckend erschlankt aussehen, in die Höhe schießen lassen. Auch solche, die vor einigen Jahren noch gerne darüber gesprochen (und in manchen Fällen auch gesungen) haben, dem Magerwahn bewusst zu trotzen, scheinen heute nichts mehr davon zu wissen.
Die Debatte rund um die Frage, ab wann wir einen Körper kommentieren dürfen und vielleicht sogar müssen, spitzt sich gerade im Fall von Ariana Grande zu. Schon seit Längerem spuken besorgte Kommentare rund um ihr Gewicht durchs Netz, immer direkt gefolgt von zeigefingerschwingenden „Body Shaming“-Anschuldigungen. Mit Beginn ihrer aktuell laufenden „Eternal Sunshine“-Tour fluteten Bilder von Ariana das Netz, auf denen jeder Knochen ihres Brustkorbs deutlich zu erkennen ist, und immer noch hieß es von vielen, dass die Debatte darüber übergriffig sei.
Mit dem Release ihres Albums „Petal“ am 31. Juli und dem dazugehörigen Video scheint sich der Wind ein wenig gedreht zu haben: Zu extrem die Bilder, zu eindeutig die Botschaft. Eigentlich sollte das blutrünstige Video eine Abrechnung mit ihren Kritiker:innen sein, hat ihnen aber nur noch mehr Stoff gegeben, genauso wie den besorgten Fans, die gerade immer lauter werden.
Eine von ihnen ist die Autorin und Schauspielerin Jameela Jamil, die selbst Erfahrungen mit Anorexie machen musste, und in einem Insta-Kommentar schreibt, dass die Outfits in Ariana Grandes neuem Musikvideo geradezu dazu designt seien, ihren Körper zu betonen und somit für viele Fans in ein glamouröses Licht zu rücken. Jamil schreibt weiter in einer Instagram-Story, dass Bilder von Ariana gerade haufenweise „Pro-Ana-Foren“ fluten, also Websites, auf denen sich vor allem junge Mädchen zu ihren Essstörungen austauschen und gegenseitig weiter anstacheln. „Goals“, heiße es da zum Beispiel.
Nach der Debatte rund um das Video verkündete Arianas Team nun, dass sie sich bald erst mal aus der Öffentlichkeit zurückziehen werde – unter anderem wegen der ständigen Kritik an ihrer Person. Die Tour werde Ariana aber sowohl „glücklich als auch gesund“ abschließen. Man kann nur hoffen, dass Letzteres mehr als eine PR-Worthülse ist.