Einmal im Quartal ist er fällig, der leidigste aller Pop-Diskurse: Kann, darf oder muss man Kunst und Künstler:in trennen? Wie wörtlich soll man Songtexte nehmen? Und darf Kunst wirklich alles, zum Beispiel auch aus der Sicht eines Pädophilen sprechen?
Bei kaum einem Thema scheiden sich die Geister so sehr wie bei diesem. Die einen finden, dass Kunst mit Provokationen aller Schweregrade spielen kann, denn würden Artists nur über ihre eigenen Biografien singen, würde ihnen schnell der Stoff ausgehen. Außerdem: Nicht jeder Schauspieler, der einen Mörder spielt, ist selbst einer. Kunst lebe doch vom Ausloten von Grenzen, vom Erforschen des Abgründigen, heißt es da. Auf der anderen Seite stehen die, die finden, dass die Inhalte eines Musikers auch immer etwas über ihn als Person verraten.
Ich finde es wichtig, dass wir heute kritischer auf Artists wie Kanye blicken und sensibler für Text-Bild-Scheren wie im Fall von El Hotzo sind. Ich finde es richtig, die Inhalte, die insbesondere männliche Künstler uns vorsetzen, auch mal wörtlich zu nehmen und weniger wohlwollend zu interpretieren – wie im Fall von Christian Ulmen. Besonders spannend wird es aber, wenn diese Logik auf Kunst angewendet wird, die zu einer Zeit entstanden ist, als Cancel Culture und Unwörter wie „Empörungsmaschinerie“ noch niemandem ein Begriff waren. Als andere Popkultur-Regeln galten und die Grenzen des Sagbaren noch ganz anders verortet waren. Diesmal hat es den Austropop erwischt, das offenbar heiligste aller österreichischen Kulturgüter, geht man nach den Reaktionen auf ein Insta-Video der Künstlerin Rahel.
Darin fordert sie, dass wir aufhören müssen, die großen Austropop-Legenden zu „verklären“, und bezieht sich insbesondere auf Ludwig Hirsch mit dem Song „Spuck den Schnuller aus“ und auf Georg Danzers „Vorstadtcasanova“. Neben „Danke“-Kommentaren häufen sich darunter zum einen ellenlange Analysen zu Ludwig Hirsch, zum anderen Ragebait-Vorwürfe an Rahel. „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk antwortete in einem Video, dass Ludwig Hirschs Werk hier ganz klar aus dem Kontext gerissen wurde, weil dieser nicht wie vorgeworfen „Pädophilie zelebriert“ habe, sondern sie im Gegenteil „angeklagt“ habe. Es gehe bei genannten Beispielen nicht um die „Tarnung von sexuellen Übergriffen als Kunst“, sondern um Kunstfreiheit.
Ohne an dieser Stelle verhandeln zu wollen, wer Recht oder mehr Ahnung von Musik und Satire hat, muss zur Verteidigung der „Empörungsmaschinerie“ eines gesagt werden: Debatten wie diese waren in der Vergangenheit so gut wie immer angebracht und oft überfällig. Es gibt viel zu viele Beispiele von Songtexten oder übergriffigem Verhalten abseits von Lyrics, die Kritiker:innen und Feminist:innen in der Vergangenheit Recht gegeben haben.
Dennoch müssen wir differenzieren: Wofür steht ein Künstler? Haben seine Abgründigkeiten System? Halten seine ekligen und aufwühlenden Texte der Gesellschaft einen Spiegel vor oder dienen sie als Spielwiese seiner persönlichen Gedanken? Letzteres ist von außen und Jahrzehnte später am allerschwersten zu beurteilen. Noch ein banaler Gedanke zum Schluss: Egal, wie gesellschaftskritisch oder doch problematisch er gemeint ist – vielleicht könnte man auf einen Songtext aus der Sicht eines Pädophilen auch einfach ganz verzichten. Nicht jeder menschliche Abgrund muss in Songform erforscht und vor einem Massenpublikum wiedergegeben werden.