Der gestrige Abend in der Wiener Open Air Arena beginnt mit einer guten Geschichte und einem unerwarteten Gast. „I bin da Oskar, Oskar Haag“, ruft jemand von der Bühne, die Gitarre hat er, wie er uns kurz vor seinem Spontan-Auftritt erzählt, schnell aus dem Backstage geborgt. Die gute Geschichte, die geht so: Vorgestern Abend haben Babyshambles, die aktuell auf Reunion-Tour sind und ihre ersten Konzerte nach elf (zumindest in der Konstellation) spielfreien Jahren geben, am Poolbar Festival in Feldkirch gespielt. Genauso wie Oskar Haag, dessen Musik ihnen beim Zusammensitzen nach dem Festival so sehr gefallen hat, dass sie noch gemeinsam gesungen haben. „Morgen fahr’ i nach Wien“, hat Oskar dann gesagt, Babyshambles haben genickt und meinten „Wir a“ (oder eher: „same“). Ob er nicht vorbeikommen wolle, bei ihrer ausverkauften Arena-Show, und nach dem eigentlichen Support Anda Morts noch ein paar Lieder spielen wolle.

Wir laufen in Oskar Haag hinein, während wir auch gerade dabei sind, Peter Doherty fürs FM4-Interview zu treffen, er ist ein bisschen außer Atem und erzählt uns von diesem ganzen Abenteuer. Sicher ist er sich zu dem Zeitpunkt nicht, ob’s wirklich klappen wird, es könnten ja auch alle ob der späten Stunde am Vortag – und einiger klarer und auch roter Getränke – das meiste ja schon wieder vergessen haben. Und dann steht er plötzlich oben, auf besagter, großer Bühne, unser Oskar, und spielt mit Peters Gitarre. Der Bogen ist lang und er soll eine Kleinigkeit beweisen: Menschen sind schon auch immer dann verlässlich, wenn ihnen etwas an der Sache liegt, die Sache heißt Musik.

War’s früher noch die Frage von „Taucht er eh auf?“, ist es heute eher ein schulterzuckendes „Ach Pete“, wenn die Sprache auf ihn kommt. Menschen sagen das mit einem augenrollenden Schnauben, als wären sie mit ihm auf der Schulbank gesessen, als wäre er jemand, dem man Dinge nach wie vor nicht zutraut, dabei ist es ja eigentlich ganz genau anders herum. Die Vor- und Umsicht, mit der man heute Menschen entgegentritt, die den ganzen Spaß und Nichtspaß am Rampenlicht nicht ganz so einfach wegstecken, die hat Pete nie so ganz erfahren. Wir wollen es verbieten, das blöde „Ach, Pete“, und das hat mit Zuneigung und Wohlwollen, das hat aber vor allem mit Respekt zu tun.

Im Nebenraum zum Oskar-Gespräch jedenfalls findet das FM4-Interview mit Babyshambles statt, fast alle sind da, wenn die meisten von ihnen auch eher dafür, sich ein bisschen ächzend in die abgewetzten Ledersessel fallenzulassen. Im aktuellen Band Line-Up treffen wir neben Pete Doherty auf Mick Whitnall (Leadgitarre), Drew McConnell (Bass) und Adam Ficed (Schlagzeug). Sprechen, oder murmeln, wie er’s so gerne macht, tut Peter, und dann immer so, als wäre er im 19. Jahrhundert aufgewachsen. Worte wie „alas“ oder „forlorn“ findet man nicht nur in den Lyrics, er sagt tatsächlich Sätze wie: „We’re washed up in the tide of broken dreams.“ Ein Striezi ist er schon auch und noch immer, tut euch den Gefallen, und googelt „cobbled bubble on your plum“ nicht.

Der wichtigste britische Songschreiber seiner Generation

Da sitzt er, der wichtigste britische Songschreiber seiner Generation und darüber hinaus. Sein Auftreten, sein Schreiben, vielleicht sogar die sanfte Verpeilt- und Verträumtheit hat viel mit Liebe zu Literatur, mit altenglischen Kulturschätzen und Worten, das hat aber vor allem auch mit Empathie, die man so im Leben nicht und deshalb umso wichtiger in den Songtexten findet, zu tun. Rührung steckt bei Pete Doherty sehr oft in den kleinen Zwischenzeilen und Beschreibungen, den Gin trinken wir aus Teacups, weil einfach nichts anderes bei der Hand ist; wir feiern den 32. Dezember auch dann, wenn es ihn nicht gibt. Kleine Einladungen, kleine Aufforderungen, kleine Beweise dafür, dass niemandes Leben geradlinig und schon gar nicht nach Wunsch verläuft, dass jeder ein bisschen Verständnis und genügend Versteckplätze nötig hat.

Französischer Käse (Peter verrät uns, sein Lieblingskäse heißt Pont-l’Évêque), Rotwein und ein Spazierstock: der schwingt an seiner Seite, so, wie man es machen soll, wenn man die aktuelle, neue Single von Babyshambles hört, sie heißt „Dandy Hooligan“. Der Rest der Setlist stückelt sich auch am gestrigen Abend großteils aus den beiden ersten Alben zusammen. Peter hat die Zeit, in der er Setlists gehasst hat, hinter sich gelassen, oder aber er tut’s seinen Mitspielenden zuliebe, die Reihenfolge der Lieder gibt’s ganz übersichtlich überall im Internet nachzulesen.

„Down in Albion“, das Debütalbum, das auch rechtzeitig zur Rückkehr zwanzig Jahre Geburtstag feiert, steht natürlich im Mittelpunkt. Der Spazierstock bleibt im Backstage-Bereich liegen, die Hosenträger zupft Peter im Takt zu ein paar angedeuteten Hüpfern, die Socken sind rot. So steht er aktuell auf der Bühne, vor einer Band, die nicht länger oder wie früher oft seinen Improvisationen nachläuft. Ja, sie haben geprobt, die große Kunst ist aber nicht das Richtige-Noten-Spielen, sondern es immer noch so wirken zu lassen, als würde hier eins unbemerkt ins andere fließen.

Auf den Studioaufnahmen zu „Down in Albion“, wenn wir schon beim Jubiläum sind, war noch der ursprüngliche Gitarrist Patrick Walden zu hören, der letztes Jahr verstorben ist. In manchen Interviews, die man so liest, steht, dass auch das ein Grund für die Gruppe war, sich noch einmal auf- und zusammenzurappeln, das Beste aus den vergangenen Jahren zu nehmen und damit noch einmal die große Runde zu drehen. Patrick Walden widmen Babyshambles gestern Abend auch die erste von zwei Zugaben, „Pipedown“.

Von The Libertines zu Babyshambles

Gegründet 2003, weil Peter da gerade bei The Libertines rausgeflogen ist, schreibt er mit Babshambles als Neben- und Gegenprojekt das Album seines Lebens (siehe oben, siehe „Down in Albion“). Wir alle erinnern uns daran, als Peter Doherty in die Wohnung seines Damals-nicht-aber-sonst-schon-Bandkollegen Carl Barat eingebrochen ist. Neu gelernt: Der Abend, an dem er dafür verhaftet worden ist, war der, an dem das erste Babyhambles-Konzert hätte stattfinden sollen. Was früher tragisch war, finden die meisten aktuell nur noch witzig, aktuell laufen die Späße in eine andere Richtung, es geht ums Verschwinden.

Vor Jahren hat Peter uns seine beiden Huskys im Backstage des Wiener WUK gelassen, um stundenlang Platten kaufen zu gehen (was er natürlich davor niemandem gesagt hat); zuletzt haben wir Peter Doherty vor zwei Jahren am Lido Sounds Festival in Linz gesucht, weil die ausgemachte Interviewzeit schon etwas überschritten war. Peter hat sich bei einem Würschtlstand eine Bockwurst geholt, die ihm nicht so bekommen hat, deshalb war das Gespräch dann auch leider gestrichen. Als er gestern Abend kurz verloren geht, wird er eh kurz darauf wieder aufgestöbert, er war nur kurz im Arena-Beisl, bisschen anstoßen mit den Fans und ein paar Autogramme verteilen.

Er ist aufgetaucht, zum Interview und auf der Bühne, Peter Doherty wirkt, wie schon vor gut drei Wochen am Acoustic Lakeside Festival in Sittersdorf, Kärnten, gut drauf. Sie haben Spaß, egal, wo sie gerade spielen, sie spielen füreinander. Er erzählt von „tremors, terrors, paranoia und horrors“, wenn er kurz abschweift und über die Welt jetzt bzw. seinen State of Mind von früher nachdenkt, jetzt wäre da einfach „more smiles“, und: „Maybe it’s possible for man to just find union in music and melody and ensemble.“

Peter wirkt genauso verträumt, wie wir ihn kennen und schätzen, der Begriff „social anxiety“ umgibt ihn schon länger, als eure coolen Freund:innen online damit herumwerfen. Die Frage war und ist immer noch, ob das nicht auch alles eine Art Schutzschild ist, eine mögliche Form des Dableibens, wenn man eigentlich weg will. Erfolg und alles, was er mit sich bringt, stellt oft seltene Dinge mit den Menschen an. „There’s nothing nice about me and almost everyone agrees“, ruft Peter bei „Back From The Dead“ von der Bühne und die Menschen rufen’s ihm zurück. Stimmt ja gar nicht, wir wollen ihm eine Zeile zurückgeben, die er ebenfalls im FM4-Interview gesagt hat: „Life can be saved by a song.“

Pünktlich Schluss gestern in der Wiener Arena, Peter war dann noch, aus dem Hemd und den Hosenträgern geschält und mit einer The-Simpsons-Decke bekleidet, im Arena Beisl und hat mit seinen Fans gefeiert. Heute geht’s für Babyshambles ab nach Hause, was für Peter aktuell Frankreich bedeutet. Für uns bedeutet’s das Bett, am Sommerspazierheimweg singen wir, wie es sich gehört, laut und falsch, und diesmal ist auch das Lied und der dazugehörige Text ganz sicher: „I’m so clever / but clever ain’t wise.“