Das Universum von Franz Bibiza erweitert sich schrittweise. Zum Beispiel live: Vor drei Jahren noch vor knapp unter tausend Menschen in der Wiener Arena, dann einen Schritt größer ebendort als Open Air, letztes Jahr dann im Wiener Gasometer – und zuletzt spielte er ein ausverkauftes Konzert in der Wiener Metastadt vor 8.000 Menschen. Es war seine größte Soloshow bis heute und eine Besucher:innenanzahl, von der viele österreichische Musiker:innen nur träumen können. Trotz der zunehmenden Größe ist das ein bedächtiges, fast konservatives Booking und wohl der Test für den Weg zur Traumdestination Wiener Stadthalle. Die Brücke dorthin soll das neue Album „Rocknrollst★r“ legen: eine neue Ära, ein neuer Sound, eine zugespitztere Attitüde.
Im Jahr 2023 feierte Bibiza mit seinem Album „Wiener Schickeria“ den nationalen Durchbruch, wurde mehrfach für den Amadeus Austrian Music Award nominiert und kreierte ein neues österreichisches Selbstbewusstsein zwischen Wiener Schmäh und Beislgrind (ein Stil, der dann ziemlich schnell – mal halbgut, mal schlecht – von anderen kopiert wurde). Rot-Schwarz war der Farbcode auch beim Nachfolgealbum „Bis einer weint“, ein Album mit erweitertem Horizont. Auf Bibizas Introspektion und Partygschichtln folgten Lieder über Geo- („Luxusparese“) und Sozialpolitik („Tanzen“). Und mit dem Titeltrack sein bis heute immer noch bester Song.
Auch Bibizas Marketingstrategie spitzt sich in den letzten Jahren zu: auf Social Media gibt er seinen Hardcore-Fans, den Bibizianern, laufende Updates, Songs werden angeteased, Videos in DIY-Manier veröffentlicht. Wenige Stunden vor Release des neuen Albums spielt er ein „Bootskonzert“ am Wiener Donaukanal und spielt live auf einem Schiff, den Kanal entlangtuckernd. Tausende Fans folgen seiner Aufforderung, ihn dabei zu begleiten. Manche von ihnen gehen den ganzen Weg auf dem Festland mit, mit Handy in der Hand für den guten Content. Es läuft, es fährt, es schwimmt bei Bibiza. Fast beiläufig wird um Punkt Mitternacht das neue Album veröffentlicht.
Rot-Schwarz ist vorbei, jetzt trägt man Weiß
So viel kann man vorwegnehmen: „Rocknrollst★r“ ist nicht Bibizas bestes Album – es dürfte sogar einige „Schickeria“-Fans enttäuschen. Aber es ist die logische Konsequenz der letzten Jahre in der Karriere des Musikers, der vor Jahren, kurz vor und während der Pandemie, noch als Rapper durchstartete. Bibizas Erfolg ist es geschuldet, dass er sich jetzt endgültig als das bezeichnen muss, was er eh schon eine Weile ist: der „Rocknrollst★r“ und der aktuell relevanteste Musiker des Landes.
Es wäre sogar egal gewesen, wie „Rocknrollst★r“ klingt, es hätte keinen Einfluss auf Bibizas weiteren Aufstieg, denn dieser ist nicht mehr aufzuhalten. Eine dankbare Grundsituation für experimentierfreudige Musiker – auf „Rocknrollst★r“ kann Bibiza ausprobieren. Und Lieder singen über sein Leben zwischen abgefuckt und Attitüde, Megalomanie und Schabernack. Er geht mal völlig in seiner Musikerpersona (dem Bibiza) auf und lässt dann aber doch ein bisschen Realness (den Franz) durchblitzen.
Das Ding mit dem Austropop
Bibiza ist schon seit Beginn seiner Karriere immer dann ganz oben, wenn er in seinen Geschichten ganz unten ist. Wenn Selbstzweifel und Selbstkritik zu hören sind, wenn nach der Party Katerstimmung angesagt ist. Der beste Song auf dem Album heißt „Schnapsidee“ und wird wohl aufgrund seiner Lyrics von keinem Radiosender gespielt werden. Es geht ums Saufen und Rauchen und Pöbeln, um Drogen und besoffenes Autofahren, um den Wahnsinn und die völlige Selbstzerstörung. Alles Dinge, die man nicht tut, selbstverständlich. Alles Schnapsideen.
Das Literarische Ich wird hier großgeschrieben, die Vorbildwirkung klein. Als ob Bibiza den aktuellen Diskurs um (den alten und neuen) Austropop schon vorhergesagt hätte. Nach einem Interview, in dem er Ludwig Hirsch und Georg Danzer Tribut zollte, postete die Musikerin Rahel ein Video, in dem sie das Songwriting von etwa Hirsch kritisierte und diesem – basierend auf seinem Song „Spuck den Schnuller aus“ – das Zelebrieren von Pädophilie vorwarf. Rahels Statement wurde schnell aus verschiedensten Ecken widerlegt und kritisiert, die Musikerin selbst ruderte bereits zurück. Dass Bibiza mittlerweile allein mit seinen Interviews Reaktionen aus der ihn umgebenden österreichischen Musikszene provoziert, spricht für das Level bzw. den gesellschaftlichen Stellenwert, auf dem er sich als Kreativer mittlerweile befindet. Und dafür, dass manche Musikkolleg:innen da wohl auch gerne wären.
Dabei, und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, ist es ja gar nicht der Austropop, der Bibizas Hauptinspiration ist. Er hört eigentlich Red Hot Chili Peppers und Smashing Pumpkins, Blur und Gorillaz. Und trotz des Titels „Rocknrollst★r“ und des sehr ähnlich strukturierten Titeltracks noch gar nicht lange Oasis. Deren Song „Rock ’N’ Roll Star“ vom Album „Definitely Maybe“ veröffentlichten die Gallaghers im Jahr 1994, so richtig folgt Bibiza der Band erst seit deren Comeback. „Ich hab das jetzt erst gecheckt, was deren Message ist“, erzählt Bibiza im FM4-Interview: „Das ist Rock ’n’ Roll für alle!“ Wie auch bei Wanda, meint Bibiza, dem österreichischen Pendant zu Oasis.
Bibiza für alle!
Ein Motto, das dem neuen Album wohl zugrunde liegt. Ein zugänglicher, offener, glamouröser Sound. „Was ich nicht mehr ganz mit mir selbst als Mensch identifizieren konnte, ist so dieses Alkoholding. Ich wollte ein bisschen mehr hin zu Glamrock, ein bisschen more glamorous einfach“, erklärt Bibiza zur Grundidee der Platte. Wie man sich als Kind das Rockstarleben vorstellt: Jetset um den Globus, Fünfsternhotels in Monaco, Wodkawellness und Airportlounges. Die Lieder auf „Rocknrollst★r“ heißen etwa „Sterne“, „Call My Manager“ und „Hotel Imperial“. Bibiza macht Yoga, Pilates und trägt Bodylotion, fliegt nach Kolumbien, trinkt Soda Zitron und hat Drama Deluxe. Ding Dong, Bling-Bling.
„Es hat halt voll diesen Rock-’n’-Roll-Star-Vibe, so The Tiger in the Storm“, sagt Bibiza. Früher vielleicht noch, man mag es sich vorstellen, der Wolf in rotem Hemd und schwarzer Lederjacke, jetzt der weiße Tiger, dessen einziges rotes Kleidungsstück seine Lackschuhe sind, mit denen er den Teppich bei den Amadeus Austrian Music Awards entlanggeht. Das ist natürlich alles völlig megalomanisch und sanft kitschig, zeugt aber von Bibizas Erfolg. Außer ihm könnten nur zwei andere kontemporäre österreichische Bands so eine Attitude zeigen, Wanda und Bilderbuch. Und das ist schon ein ganz schön cooler Club, von dem man Mitglied sein darf.
Nicht unerwähnt soll auch Bibizas Band bleiben („Rocknrollst★r“ ist das kollaborativste, das „bandigste“ seiner Alben bis jetzt) sowie Gitarrist Enzo Gaier, dessen Soli als ideale Unterlage für Bibizas Schnaufen dienen. Wie viel Bibiza steckt mittlerweile in seinen Mitmusiker:innen, ist Bibiza die Band oder der Franz? „Also Bibiza bin ich, aber ich glaube alle anderen identifizieren sich auch genauso wie ich mit dieser Band. Wie das jetzt gewertet wird, das kann jeder sehen, wie er will, würde ich sagen.“ Es bleibt offen: Spricht man mit Bibiza-Fans, malen sie sich sowieso ihre eigenen Geschichten und Bedeutungen aus. Bibiza für alle halt, und für alle Meinungen.
Fragen wir ihn nach seiner Message mit dem neuen Album, wird Bibiza noch einmal nachdenklich: „Wir haben ja auch gerade wirklich nicht die besten Zeiten auf der Welt.“ Und gerade deswegen fragte er sich zu Beginn, ob sich das denn überhaupt ausginge, das mit der protzigen Glamour-Attitüde. „Ich habe ja auch schon ganz viel gesellschaftskritische Kunst gemacht. Aber ich habe mir dann bei dem Album gedacht, es ist auch einfach geil, wenn du einen Artist hörst und da einfach gute Laune hast und einfach abgelenkt wirst und Bock hast rauszugehen, Freunde zu treffen, Sonne scheint – oder einfach abgelenkt wirst.“ Er liebt sie schließlich auch, die Musiker:innen, die ihm gute Laune geben. Jetzt darf er das für andere sein. „Deswegen dachte ich mir dann: Let’s fucking go! Rock ’n’ Roll Summer!“