Es ist ein permanentes Versagen der Algorithmen, das ich hier nun schon seit Jahren beklage: In den Stellvertreterkonflikten unserer Kulturkriege werde ich von gegensätzlichen Botschaften beschallt – vor allem in dem sozialen Medium, das nur mehr Menschen meines Alters oder älter verwenden. Und wieder einmal geht es dabei um die Wahrnehmung der Lage im Nahen Osten.
Da ist die eine (deutschsprachige) Seite, die Herzen der Dankbarkeit an Boy George verschickt (jüngere Leser:innen werden gleich erklärt bekommen, wer das ist) und die andere (englischsprachige), die ihn als „Boy Genocide“ in der Luft zerreißt. Beides aus Anlass seines gerade veröffentlichten neuen Songs „We Will Dance Again“, den der 65-jährige britische (Ex-)Popstar und DJ als Solidaritätserklärung für seine „Jewish friends“ verstanden wissen will.
Zuerst müssen wir uns ansehen, was in diesem Song überhaupt gesagt wird. Er richtet sich scheinbar an die singende britische Kolleg:innenschaft, die in großer Mehrheit auf das Leiden der Palästinenser:innen konzentriert ist – seit (und bereits vor) Beginn des israelischen Vergeltungskriegs nach dem Massaker des 7. Oktober, gefolgt von einem sogenannten Waffenstillstand mit kolportierten über tausend Toten in Gaza, der Verwüstung des südlichen Libanon und täglich neuen Berichten über vom israelischen Militär unterstützte Siedlergewalt, Morde am Zivilisten, verbrannte Felder und Dörfer im Westjordanland.
Trotz all der davon ausgelösten Emotionen und Proteste haben bisher erstaunlich wenige Leute versucht, darüber Popsongs zu verfassen – vielleicht auch aus Respekt vor dem Unsagbaren. Boy George dagegen wirft sich gleich in der ersten Zeile mitten ins Gemetzel (natürlich nur rhetorisch):
„You say genocide, I say war“, singt eine Stimme (es ist hörbar nicht die seine), „When you’re attacked, that’s what the army’s for / Does it get ugly? You bet it does / When I know you wanna kill every last one of us.“
So wie in den Debatten auf sozialen Medien, wo jede menschliche Regung zum Leid von Palästinenser:innen postwendend als Sympathie für Hamas gedeutet wird, verhält es sich auch hier mit der angesprochenen zweiten Person: Innerhalb von vier Zeilen wird das angesprochene „you“ von einer Person, die einen Genozid feststellt, zu einer Person, die „noch jeden letzten von uns töten“ will. Das ist, auch wenn mittlerweile normalisiert, eine ziemlich steile Ansage.
Auf die Frage, wer bei „every last one of us“ mit „wir“ gemeint ist, gibt der Text später im Refrain Antwort: „But if you’re ever confused / I stand with the Jews“.
Das wäre entwirrend, wären „the Jews“, wie Boy George hier suggeriert, tatsächlich eine homogene Masse (Spoiler: Sie sind alles andere als das, bei diesem wie allen Themen).
Aber ich greife voraus, denn davor gibt es noch eine Strophe: „You never mention October 7“, singt die Stimme und wird beinahe pornographisch konkret: „Young girls raped against trees, murdered brutally for the crime of dancing“. Man könnte sich fragen, ob es nicht gerade noch um Antisemitismus statt um Hedonismusfeindlichkeit ging, aber Boy George kehrt gleich zum Thema zurück:
„You condemn the Jews with selective memory“, das sieht man tatsächlich erschreckend oft, aber es passt keineswegs zwingend in einen Topf mit „Musicians holding flags, mouthing like sheep“. Don’t get me wrong, man kann solche Verkürzungen schon machen, Songtexte sind keine Politikerreden oder juristisch überprüfbaren Dokumente.
Sie sind jedenfalls Dokumente der Popkultur ihrer Zeit, und dazu gehört, dass die Benennung der jeweils anderen Seite als „sheep“ (oder auch „sheeple“) in Zeiten des Post-Covid-Truthism im Englischen einen verschwörungstheoretischen „Querdenker“-Beigeschmack erhalten hat. Und tatsächlich schwenkt der Text hier über in die Online-Welt: „Propaganda fuelled by the internet feels so weak“.
Wenn sie sich denn nur „schwach“ anfühlen würde, die vom Netz befeuerte Propaganda, aber okay, man versteht, was da als Kritik an der digitalen Konfliktbefeuerung gemeint ist. Dennoch, wie ich als von beiden Seiten bespielter Soziale-Medien-Konsument anfangs schon feststellte: Das gilt gleichermaßen für alle Seiten aller Konflikte.
„But trust me, we will dancе again“, zitiert der Text den Titel der Doku von Yariv Mozer über das am 7. Oktober ’23 überfallene Nova Festival, „And there will be no war“.
Diese Prophezeiung vom Ende des Kriegs steht in Kontrast zum kriegerischen Pragmatismus der ersten Zeile. Man fragt sich, ob mit dem Frieden oder dem Nicht-Krieg, von dem die Stimme im Namen des Boy George hier singt, hier eine Welt nach dem „totalen Sieg“ gemeint ist, den Benjamin Netanjahu im Kampf gegen die Hamas, aber auch gegen Hisbollah und den Iran versprochen hat.
Ich bin nun nicht der erste, dem dazu „The War Song“ (1984) von Culture Club einfällt, der Band, als deren androgyn gestylter Sänger Boy George in den homophoben, AIDS-panischen 1980ern zu einer Galionsfigur für sexuell nonkonforme Jugendliche wurde. In diesem Song reihte er sich scheinbar in die damals aktuelle Friedensbewegung ein: „War, war is stupid“ ging der Refrain, „and people are stupid.“ Das war zwar kein sehr differenzierter Zugang, aber macht nichts. Das Problem kam in der nächsten Zeile: „And love means nothing in some strange quarters“ – „Die Liebe bedeutet nichts in manchen fremden Vierteln“.
Man pflegte Popstars damals eine progressive Grundtendenz zu unterstellen. Soweit ich mich erinnern kann (ich war 14) kam niemand auf die Idee, dieses eigenartige Statement genauer zu hinterfragen. Aus heutiger Sicht erscheint es wie ein Vorausblick auf die ungleich verteilte Empathie des älteren Boy George, der zwar mit den Opfern des Hamas-Massakers mitfühlt, aber das Schicksal zigtausender Toter, hunderttausender Verwundeter und Verstümmelter und Millionen hungernder, in Zelten ohne sanitäre Einrichtungen und frisches Wasser in Angst vor Drohnen und Scharfschützen lebender Menschen zynisch mit „Does it get ugly? You bet it does“ kommentiert.
Aber tut er das überhaupt? Oder spricht hier bloß diese eigenartig körperlose Stimme für ihn? Eine andere Zeile in Boy Georges neuem Song lautet nämlich: „I don’t feel brave, I just need to behave like a human“. Ein Appell an die Menschlichkeit, vielleicht aber auch die existenzielle Botschaft eines verborgenen Ko-Autors ohne Geist oder Körper, der menschliches Benehmen imitiert. Denn wie Boy George seither deklariert hat, habe er den Song mit einer KI hergestellt. „The song was created using AI“ schreibt er auf Threads, „I call it ‚AI for good.‘ Truthfully, I would struggle to write this with a human.“
Wir wissen also nicht, wie viel davon Boy George selbst geschrieben oder nur für die gutmütige KI gepromptet hat, aber es erklärt doch die eintönige harmonische Struktur des Quasi-Reggae-Songs, den seltsam anämischen Streichersound im Bratschensolo (oder was immer es darstellen soll) bei circa Minute 2:15 oder die wie ein digitales Keyboard-Sustain in der Luft hängenden „Uuuuhs“ in den Reimwörtern des Refrains („confuuuused“ / „Jewwwws“).
Man wundert sich zunächst, dass Boy George so offen zugibt, was er da getan hat – bis man erfährt, dass er als jüngstes Geschäftsmodell eine KI-Plattform namens „Artist Included“ betreibt. Jene KI soll älteren Künstler:innen helfen, zur Umgehung unvorteilhafter Plattenverträge ihre Hits von damals neu einzuspielen, als Eigenlabel zu veröffentlichen und so ihre Streaming-Einnahmen zu vervielfachen. Genauso wie Boy George das selbst mit seinen alten Culture-Club-Hadern gemacht hat.
Das riecht erst einmal verdächtig nach Marketing-Stunt, inklusive Spekulation auf die absehbare Aufregung, die der Song erzeugen würde. Andererseits sprengt Boy George damit gerade alles in die Luft, was er in der angloamerikanischen, zu einem beträchtlichen Teil pro-palästinensischen LGBTQIA+-Szene an Credibility genossen haben mag (seine Verurteilung vor 19 Jahren wegen Missbrauch eines Sex Workers lassen wir hier einmal außen vor – er hat seine Strafe abgebüßt).
Gehen wir also davon aus, Boy George habe sein Lied aus Überzeugung generiert. Nennt mich einen sentimental technophoben alten Sack, aber gerade in Zeiten, wo die Streaming-Plattformen mit KI-Slop überschwemmt werden, ist das einfach nicht in Ordnung:
Wer ein Statement menschlicher Empathie abgeben will, muss es als Mensch formulieren. Sonst ist es nicht nur wertlos, sondern entwertet auch das Anliegen der Popkultur als politische Ausdrucksform – und damit letztlich sie selbst.