Sie heißen Laura, Barbara, Heike, Fedor und Mattis und sie sind unglücklich mit sich selbst und ihrem verkorksten Leben. Um dem zu entfliehen, machen sie verrückte Dinge, lügen, erfinden falsche Identitäten und flüchten in imaginäre Lebensentwürfe. Jeder dieser Figuren widmet Ronja von Rönne ein Kapitel in ihrem neuen Roman. Nebenfiguren des einen Kapitels werden zur Hauptfigur des nächsten. Am Ende laufen die Fäden in der Geschichte von Mattis zusammen. Entgegen dem Titel ist „Alles Liebe“ nicht wirklich ein Roman, in dem es um Liebe geht. In den fünf eigenständigen Episoden, die eigentlich eher Kurzgeschichten sind, geht es um Krankheit, Tod, Einsamkeit und den Wunsch nach einem anderen Leben.

Ronja von Rönne ist so etwas wie ein It-Girl des deutschsprachigen Feuilletons; sie hat online zigtausende Follower. Zweifelhaften Ruhm und einen riesigen Shitstorm hat ihr 2015 der Artikel „Warum mich der Feminismus anekelt“ eingebracht. Seitdem ist viel passiert: Von Rönne hat beim Bachmannpreis gelesen, in einem Wanda-Video mitgespielt, diverse hippe Sendungen auf Arte moderiert und natürlich Bücher geschrieben. Nach ihrem Debüt „Wir kommen“, dem Essay „Trotzdem“ und dem Roman „Ende in Sicht“, in dem sie unter anderem ihre Erfahrungen mit Depressionen verarbeitet, ist „Alles Liebe“ von Rönnes dritter Roman, der von vielen als das Buch des Sommers gefeiert wird.

Kurzweilig und ein bisschen makaber

Tatsächlich ist es ein kurzweiliger Roman, was nicht zuletzt an seinem episodischen Aufbau und seiner schnellen Erzählweise liegt. „Alles Liebe“ zu lesen fühlt sich ein bisschen so an, als würde man eine Mini-Serie auf Netflix bingen: unterhaltsam, solange man damit beschäftigt ist. Die Geschichten haben einen lustvoll-makabren Touch. Heike beispielsweise zieht mit ihrem Mann ins Haus der herrischen Schwiegermutter Edith, die ihr sämtliche Gestaltungsmöglichkeiten nimmt. Der kalte Krieg zwischen Heike und ihrer Schwiegermutter, der sich um neue Möbel und den gemeinsamen Garten dreht, endet mit einem Online-Flirt auf einem Garten-Blog und Ediths Tod. Als Edith stürzt und in den Teich fällt, greift Heike nicht ein, die Schwiegermutter ertrinkt. Das Buch spielt mit den niederen Instinkten der Leser:innen, denn am Ende drängt sich auch Genugtuung auf.

Keine Held:innen

Generell scheint es von Rönne in ihrem Roman um die Ambivalenz menschlicher Moralvorstellungen zu gehen. Niemand in „Alles Liebe“ ist nur „gut“ oder „böse“. Sobald man die Motivation hinter einem Verhalten kennt, die Gründe versteht, warum Menschen handeln, wie sie handeln, weichen diese absoluten moralischen Begriffe schnell auf. Aus Opfern können schnell Täter:innen werden und umgekehrt. Das ist bei Heike so, aber auch bei Laura, die verhindert, dass ihre krebskranke Freundin Miriam Besuch von ihren Mitschüler:innen im Krankenhaus bekommt. Um Miriams Rolle als beliebteste Schülerin der Klasse einnehmen zu können, sorgt Laura durch dreiste Lügen dafür, dass diese von ihren Mitschülerinnen mehr und mehr isoliert wird. Aber auch Laura handelt nicht aus reiner Bösartigkeit, sondern aus dem quälenden Mangel an Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Plakativ, aber unterhaltsam