Sandro Veronesi – „Schwarzer September“

Die Nostalgie ist ein Hund. Und trotzdem hat der florentinische Autor Sandro Veronesi einen Coming-of-Age-Roman über den alles verändernden Sommer im Leben eines Fast-Teenagers Anfang der 1970er Jahre geschrieben. Gigio ist zwölf und verbringt die heißen Sommermonate jedes Jahr in Fiumetto, einem kleinen Küstenort in der nördlichen Toskana. Dank diesem Ich-Erzähler tauchen wir nicht nur in seine Gedanken aus dem Jahr 1972 ein, sondern wir erfahren auch, wie dieser Sommer gerochen hat: zum Beispiel nach Plastik, Gummi, Autoabgasen, nach dem Meer, nach Strandkabinen und natürlich nach Sonnencreme. In Gigios Leben passieren zu dieser Zeit gleich mehrere Dinge. Sportbegeistert verfolgt er die Olympischen Spiele in München übers Radio und über den Fernseher, er entdeckt die Kraft von Pop- und Rockmusik, taucht ein in die Welt von David Bowie und Led Zeppelin; er geht noch ein allerletztes Mal mit seinem Papa segeln und verliebt sich zum allerersten Mal in die selbstbewusste Astel.

Der Roman „Schwarzer September“ ist eine gelungene Zeitkapsel, die uns in ein Italien vor einem halben Jahrhundert katapultiert. Der Titel verweist auf die Terrororganisation „Schwarzer September“, die 1972 das Olympia-Attentat in München verübt hat. In Gigios Leben ist nach dieser Tragödie nichts mehr, wie es vorher war. Veronesi verbindet die kleinen Dramen eines Zwölfjährigen mit den großen Erschütterungen dieser Zeit. Und das geht sich sehr gut aus auf knapp 300 Seiten. (Michaela Pichler)

Elena Ferrante – „My Brilliant Friend“

Das Nachkriegs-Neapel der 50er Jahre ist der Schauplatz im Roman „My Brilliant Friend“ von Elena Ferrante, der 2024 von der New York Times zum besten Buch des laufenden Jahrhunderts gewählt wurde. Die Hauptfiguren sind die Ich-Erzählerin Lenù und ihre Freundin Lila, zwei kleine Mädchen, die wir beim Aufwachsen begleiten. Während sich Italien nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich erholt, bleibt vor allem der Süden von Armut, Gewalt und traditionellen Machtstrukturen geprägt. Durch die unschuldigen Kinderaugen von Lenù und Lila werden wir Zeug:innen dieser Zeit. Die beiden erarbeiten sich auf oft naive Weise ihre Nachbarschaft, versuchen zu verstehen, was es bedeutet, wenn die Erwachsenen von der Mafia reden und flüchten sich in Tagträume, wenn sie patriarchale Gewalt erleben.

„My Brilliant Friend“ zeigt auch die Macht von Bildung. Je länger die beiden Mädchen – oft gegen den Willen der Eltern – im Schulsystem bleiben dürfen, umso klüger und eigenständiger werden sie und auch ihre Sicht auf die Welt verändert sich. „My Brilliant Friend“ macht soziale Ungleichheit und patriarchale Strukturen deutlich und ist gleichzeitig ein liebevoller Coming-Of-Age-Roman mit zwei großartigen Heldinnen. Wohl wirklich eines der besten Bücher dieses Jahrhunderts. (Christian Pausch)

Pier Vittorio Tondelli – „Getrennte Räume“

Pier Vittorio Tondelli erzählt in „Getrennte Räume“ die Geschichte des schwulen italienischen Schriftstellers Leo, der versucht, über den Verlust seines Partners Thomas hinwegzukommen. In einer Abfolge von Erinnerungen, Reiseberichten und Reflexionen entfaltet sich eine zeitlose Liebesgeschichte und ein Zeugnis queeren Lebens im Europa der 80er Jahre. In den europäischen Metropolen lebt Leo ein offen schwules Leben, feiert Partys und tauscht sich über Kunst aus. Im Gegensatz zu dieser kosmopolitischen Welt, steht Leos Heimat Italien, das ihm im Vergleich einengend und konservativ erscheint. Der Roman entstand Ende der 1980er Jahre, als Homosexualität in Italien noch deutlich stärker tabuisiert war als heute.

Tondellis Italien wird uns nicht durch Sehenswürdigkeiten oder touristische Beschreibungen erfahrbar gemacht, sondern durch Erinnerungen an Städte, Landschaften, Familie und die Sprache. Die Krankheit, an der Thomas langsam stirbt, wird im Roman nie beim Namen genannt. Einige Jahre nach Veröffentlichung des Buches wird der Autor Tondelli selbst an Aids sterben. „Getrennte Räume“ ist sein letztes und persönlichstes Buch. Ein italienischer und queerer Klassiker. (Christian Pausch)

Eric Pfeil – „Hotel Celentano“

Wo befindet sich das Geburtshaus von Adriano Celentano? Wo baut der Italo-Schlagerstar Al Bano seinen Wein an? Und wo drehte Pier Paolo Pasolini seinen berüchtigten Film „Salò oder die 120 Tage von Sodom“? In seinem Buch „Hotel Celentano – Sommerreise durch ein anderes Italien“ wirft der Journalist und Musiker Eric Pfeil den klassischen Reiseführer aus dem Autofenster und begibt sich stattdessen auf einen Roadtrip zu den Schauplätzen der italienischen Musik- und Filmgeschichte. Beim Lesen greift man ständig zum Handy, um all die beschriebenen Songs, Filme und Örtlichkeiten sofort zu recherchieren. Bellissimo! (Christian Lehner)