Wer an Hollywoodkino denkt, kommt am krampfhaften Optimismus nicht vorbei. Für bestmögliche Laune zu sorgen, auch wenn ordentlich Action im Spiel ist, gehört zu den Daueraufträgen der Entertainmentindustrie. Siehe unzählige Klassiker der Filmgeschichte oder auch aktuelle Marvel-Blockbuster.
Neben dem Horrorgenre bietet vor allem der Film noir eine Zuflucht für cinephile Seelen, die die Welt durch eher dunkle Sonnenbrillen betrachten. Zu einem Phänomen wurde die „Schwarze Serie“ in den 1940er- und 1950er-Jahren. Die pessimistischen Schwarz-Weiß-Thriller dieser Ära, oft auf Pulp-Roman-Vorlagen basierend, lieferten sowohl kribbelige Spannung als auch existentialistische Blickwinkel.
Der Film noir war kalkulierter Kommerz und große Kunst zugleich, eine unwiderstehliche Mischung, die unzählige Spuren in der Popkultur hinterlassen hat. Neo-Noir-Elemente finden sich etwa in Science-Fiction-Filmen, in Erotikthrillern, in der Werbung. Ridley Scott, David Lynch, Kathryn Bigelow, Nicolas Winding Refn, Martin Scorsese, Karyn Kusama: Die Liste der Regisseur:innen, die sich vor dem Genre spektakulär verbeugten, ist endlos.
Ex-Häftling trifft auf Anwalt
Auch im Streaming-Universum gehört Neo-Noir zu den zentralen Stilrichtungen. Rabenschwarze Anthologien wie „True Detective“ oder „Fargo" zwingen dem alten Nihilismus neue und gegenwärtige Perspektiven ab. "Spider-Noir“, eine Seriensensation des heurigen Frühjahrs, verbindet Comic-Kino und Vintage-Sci-Fi-Zitate mit einer Hommage an die schwarzweißen Old-School-Klassiker mit Humphrey Bogart und Co.
Während Nicolas Cage als Spinnendetektiv auf Amazon Prime zu finden ist, wagt sich der Konkurrent Apple TV an ein Noir-Monument, um es als Serie wieder auferstehen zu lassen. Der Psychothriller „Cape Fear“, nach einem gleichnamigen Roman des Pulp-Autors John D. MacDonald, konfrontiert 1962 einen verschlagenen Ex-Häftling mit einem vermeintlich integren Anwalt und dessen Familie, mit dramatischen Konsequenzen.
Der Vergewaltiger Max Cady (ein atemberaubend fieser Robert Mitchum) wird nach einigen Jahren aus dem Gefängnis entlassen, angetrieben von Rachegedanken. Schließlich hat Sam Bowden (Gregory Peck) einst gegen ihn ausgesagt, jetzt will er das Glück des Anwalts restlos zerstören.
Perfekter Krimi und Moralstudie zugleich
Dem Regiehandwerker J. Lee Thompson gelingt es, Beklemmung durch subtile Andeutungen zu erzeugen, mit dem raffinierten Einsatz von Licht, Schatten und einem Gänsehaut erzeugenden Soundtrack von Hitchcocks Stammkomponisten Bernard Herrmann.
Wenn Anwalt Bowden dann, für den Zuschauer wohl durchaus nachvollziehbar, zu illegalen Mitteln greift, um den gewaltbereiten Cady abzuwehren, mutiert „Cape Fear" zu weit mehr als nur einem perfekt inszenierten Krimi. "Ein Köder für die Bestie“, wie der Film auf Deutsch heißt, erweist sich zudem als Studie über Klassenzugehörigkeit und dehnbare Moralvorstellungen.
Genau an diesen Subtext knüpft 1991 ein Meisterregisseur provokant an. Das wandelnde Filmlexikon Martin Scorsese, ein minutiöser Kenner des gesamten Noir-Kanons, bringt den schwarzweißen Kultfilm "Cape Fear" als knallbunten und brutalen Neo(n)-Noir-Fiebertraum in die Kinos. Auch wenn das Remake in weiten Zügen der Handlung des Originals folgt, verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse diesmal noch viel mehr.
Ein Teufel im Hawaiihemd
Wobei Robert De Niro, der in die trashigen Klamotten des Ex-Knackis Max Cady schlüpft, ein Monster in Menschengestalt erschafft, einen ganzkörpertätowierten Teufel im Hawaiihemd. Nick Nolte und Jessica Lange agieren überzeugend als Ehepaar Bowden, bei Scorsese gänzlich in Eifersucht und Misstrauen verstrickt. Die damals blutjunge Juliette Lewis – Jahre vor Skandalfilmen wie „Natural Born Killers“ – verkörpert unvergesslich die Tochter Danielle, die dem diabolischen Max Cady in einer gespenstischen Sequenz in eine trügerische Falle läuft.
Der junge Serienschöpfer Nick Antosca, ein erklärter Fan beider Filmversionen, hat sich nun an einer weiteren Adaption des Stoffs versucht. Nicht nur die Namen von Martin Scorsese und Steven Spielberg als Produzenten signalisieren bei der Serie „Cape Fear“ Prestige-TV der obersten Güteklasse. Auch die Besetzung hat es in sich.
Patrick Wilson, Star der „Conjuring“-Reihe, stellt hier Tom Bowden dar und ist als Staatsanwalt für die Verurteilung von Max Cady verantwortlich. Die fantastische Amy Adams aka Anna Bowden hätte den Angeklagten eigentlich seinerzeit verteidigen sollen, verbündet sich aber geheim mit ihrem zukünftigen Ehegatten gegen ihren eigenen Mandanten. Der Grund: Auch sie glaubt, dass Cady, dem in der Serienversion Javier Bardem ein dämonisches Dauergrinsen verleiht, ein brutaler Killer ist.
Statt Pulp-Story eine fundamentale Reflexion der Gegenwart
Von den ersten Sequenzen an versucht die Serie alles zu toppen, was die beiden Filmvorlagen hergeben. Max Cady, der angeblich seine schwangere Frau abgeschlachtet haben soll, kommt nach 17 Jahren frei, nachdem der Abschiedsbrief einer anderen Verdächtigen gefunden wird. Wie ein Raubtier bewegt sich Bardem durch die Gegend, Mitchum und De Niro zitierend, ständig an der Grenze zum Overacting.
Weil die TV-Produktion aber zehn beinahe einstündige Episoden lang ist, versucht sie auch Zweifel zu streuen. Ist Cady wirklich ein Ungetüm oder sind eigentlich die Bowdens die heimlichen Bösen, die sich gegen den Sträfling verschworen haben? Nick Antosca und renommierte Regisseure wie Morten Tyldum oder Trey Edward Shults ändern zentrale Elemente des Originalplots.
Besonders fragwürdig: Die Macher blasen die herrlich simple Pulp-Story zu einer fundamentalen Reflexion der Gegenwart auf. Von Cancel-Culture bis zu den Gefahren von KI, alles findet in „Cape Fear“ anno 2026 Platz. Maßgeblich dabei: die Bowden-Sprößlinge. Neben der Tochter, die jetzt Natalie heißt und mit ihrer Queerness hadert, gibt es auch Sohn Zack, der schulische Missbrauchsvorwürfe verdauen muss. Traumatisierte GenZ-Kinder, korrupte Boomer-Eltern – der manipulative Max Cady hat ein leichtes Spiel.
Ein Guilty Pleasure im alten Sinn des Wortes
Als ob das alles nicht genug wäre, wirft die Serie „Cape Fear“ noch weitere plakative Ingredienzien in den Topf. Voodoo, Inzest, abgebissene Körperteile, heftige Knock-out-Drogen, ein bisschen Micro-Dosing, fad wird einem nicht beim Schauen. Beziehungsweise gerade doch, denn der Overkill an haarsträubenden Szenen ermüdet irgendwann.
Und dabei wurde noch gar nicht Malia Pyles als psychotische eventuelle Tochter von Cady erwähnt, die aus sexualisierten Gangsta-Rap-Videos entlaufen scheint. Oder, ja genau, Juliette Lewis als windschiefe Halbschwester von Max, die von einem grotesken Auftritt zum nächsten torkelt. Lebten die Originalfilme vom Einbruch des Wahnsinns in die biedere Anwaltsrealität, ist hier nichts und niemand normal.
Warum sich das Ganze also antun? Zumindest für den Autor dieser Zeilen mutierte „Cape Fear“ zum Guilty Pleasure im alten Sinn des Wortes. Ein einziger Unfug, richtig missglücktes Serienfernsehen, aber halt voller Stars, exquisitem Color-Grading, cooler Kameraführung – und in gefühlt jeder Szene dieser geile Score von Bernard Herrmann.