„I think the dancefloor is dead, so now we’re making rock music“ – so hat Charli xcx ihr neues Album „Music, Fashion, Film“ angekündigt, das gleichzeitig eine neue Ära einläuten sollte. Die Post-„Brat“-Ära, der Sommer nach dem „Brat Summer“, ein Hype der fast zwei Jahre lang angehalten hat. Immerhin ist die 2024 erschienene Hyperpop-Platte mit dem giftgrünen Cover eines der popkulturell einflussreichsten Werke unserer Zeit. Und Charli xcx hat sich damit nach fast zwei Jahrzehnten im Musikbusiness endlich ihren hart erkämpften Pop-Ikonen-Status verdient.
Weil auf derselben grünen Welle zu reiten, für einen kreativen Kopf wie Charli aber irgendwann einfach langweilig wird, hat sie im vergangenen Jahr immer mehr das gemacht, worauf sie Bock hat. Und das völlig ungeachtet dessen, wie erfolgversprechend oder "iconic" diese Projekte waren. Eine eigene Mockumentary drehen, kleinere und größere Parts in Filmen und Serien spielen und ein ganzes Filmmusik-Album zu Emerald Fennells Neuinterpretation von „Wuthering Heights“ machen – Charli xcx hat sich heuer auf jeden Fall als vielseitig talentierte Künstlerin präsentiert. Was wiederum hervorragend zum Konzept ihrer neuen Platte passt.
Definitiv kein Party Album
„Music, Fashion, Film“ ist definitiv kein Party Album. Es bewegt sich inhaltlich irgendwo zwischen einem künstlerischen Manifest und Fragmenten aus einem Selbstreflexionstagebuch. Charli xcx ist fast durchgehend ernst, reflektiert ihre eigene Rolle als Popkultur-Ikone und wird dabei manchmal auch ganz schön düster und nachdenklich.
Musikalisch gesehen ist die Platte der sogenannten „Rock“-Ära von Charli xcx um einiges softer und elektronischer als erwartet. 2000er Indie Sleaze trifft auf eine reduzierte Version des Hyperpop Sounds, der in den letzten Jahren zu ihrer unverkennbaren Marke geworden ist. Diese Mischung passt wiederum perfekt ins Konzept, denn die absolute Hochphase des Indie Sleaze markiert genau die Zeit, in der die Musikkarriere von Charli xcx vor fast zwanzig Jahren ihren Anfang nahm. Daran erinnert der Track „2007“.
Es ist das Jahr, bevor Charli xcx zum allerersten Mal ein eigenes Mixtape veröffentlicht. Sie ist vierzehn und Fan von Britney Spears und den Spice Girls. Selbst einmal Popstar zu werden ist ihr Traum, der damals noch unerreichbar scheint. Heute weiß sie, was Popstar zu sein bedeutet. Wie schon in einigen Tracks auf „Brat“, reflektiert Charli xcx auf „Music, Fashion, Film“ ihre Rolle als Frau in der Musikindustrie. In den Texten finden sich Gedanken über Unsicherheiten in Bezug auf Aussehen und Älterwerden oder dazu wie es ist, ständig mit anderen zu konkurrieren und sich verstellen zu müssen, um besser anzukommen.
„It makes me wanna throw my life away cause I feel different on the mark. Something new and undiscovered and something kind of violent. Daring to fail and being ugly. I’m inspired and alive“ heißt es in „Camera“. Unsicherheiten und selbstzerstörerische Gedanken hinter sich zu lassen und sich von dem zu befreien was einen klein hält, das war auch ein Aspekt der Idee von „Brat“. Der Zugang und das Ergebnis könnten aber unterschiedlicher nicht sein.
Die Person hinter dem Image des Party-Girls
Statt Realitätsflucht und hemmungslosem Hedonismus zu zelebrieren, teilt Charli xcx auf „Music, Fashion, Film“ ihre Ängste und nimmt uns mit nach unten in die Tiefen ihrer eigenen Gedankenspiralen. Die Person hinter dem Image des Party-Girls, die schon auf früheren Werken öfters durchblitzen durfte, ist die alleinige Protagonistin dieses Albums. Ihre Verletzlichkeit entfaltet eine Faszination für sich. Trotzdem fühlt es sich irgendwie durchgehend so an, als würde Charli nur an der Oberfläche kratzen. Von der Tiefe her dann also doch eher Nichtschwimmerbecken als Marianengraben.
Apropos an der Oberfläche kratzen: Charli xcx hat seit dem Release ihres ersten Songs dieser Platte angekündigt, dass es zu „Music, Fashion, Film“ eine komplette B-Seite geben wird, dass also quasi zu jedem Song ein zweiter dazugehört. Dieser zweite Teil des Albums wird jedoch nicht digital erscheinen, sondern nur auf der physischen Platte enthalten sein. Snippets und sogar ganze Songs der B-Seite haben natürlich trotzdem ihren Weg ins Internet gefunden – deren Inhalt wirkt auf den ersten Blick spannender, fesselnder und tiefgründiger als das, was auf der A-Seite drauf ist.
Ist vielleicht genau das der einzige wirkliche Geniestreich dieser neuen Ära von Charli xcx? Die Message, dass man Kunst eben nicht nur oberflächlich betrachten sollte, weil einem sonst was entgeht? Als Superfan von Charli xcx will man natürlich, dass ihr ein solch phänomenales Kunststück wie mit „Brat“ erneut gelingt. Man will auch diese Platte unbedingt feiern und ganz super und amazing finden – irgendwie ist das aber echt um einiges anstrengender als gedacht.
Vor allem weil in diesem Jahr bereits andere Musiker:innen gezeigt haben, dass introspektiver Zukunftspessimismus-Hyperpop inklusive Reflexion der eigenen Existenz und Position innerhalb der Musikindustrie auch unfassbar fantastisch klingen kann. Unterm Strich ist beispielsweise Slayyyter mit der Platte „WOR$T GIRL IN AMERICA“ oder auch FARCE mit ihrem Album „The Label“ genau das gelungen, was Charli xcx auf „Music, Fashion, Film“ versucht. Auch ihr Versuch ist natürlich vollkommen valide und durchaus solide – das Ergebnis kommt aber einfach nicht an die hohen Erwartungen ran.
Nicht zuletzt auch, weil es schon vor dem Release einige Kritikpunkte an der neuen Platte gab, zum Beispiel an der visuellen Präsentation des Konzepts. Das Cover von „Music, Fashion, Film" ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie, für die Charli xcx drei Kultur-Ikonen zusammengebracht hat, die jeweils einen Part des Albumtitels repräsentieren: John Cale steht für Music, Marc Jacobs für Fashion und Martin Scorsese für Film. Dass Charli sich ausgerechnet für drei Personen der Kategorie "old, white men“ entschieden hat, um ihre Sicht von aktueller Popkultur abzubilden, bemängeln Fans auf Social Media nicht erst seit heute. Gerade weil ein großer Teil ihrer Fancommunity aus queeren FLINTA*s besteht, wird diese kreative Entscheidung verständlicherweise nicht nur positiv aufgenommen.
"If you take away the music, then what has she got?" fragt Charli xcx in einer ihrer B-Seiten Songs und ist damit wiederum viel zu hart zu sich selbst. Denn nicht erst seit „Brat“ ist Charli xcx mehr als ihr Hype, mehr als ihre vereinzelten, überproportional erfolgreichen Charts-Hits. Besonders für Fans, die sie schon seit vielen Jahren feiern, ist Charli xcx in erster Linie Künstlerin und Visionärin. Und zwar eine, die ihr Handwerk sehr ernst nimmt und sich traut, um der Kunst willen Risiken einzugehen. Das versucht sie auf „Music, Fashion, Film“ scheinbar schon fast krampfhaft zu beweisen, obwohl das überhaupt nicht notwendig wäre. Das Konzept des Albums wird dadurch aber mehr und mehr zum starren Korsett, das nicht so richtig passen will.
Viele der Songs haben großes Potenzial, das sich dann aber irgendwie einfach nicht wirklich entfalten will. Bevor man richtig reinkommt, ist es quasi schon wieder vorbei. Songs, die musikalisch spannend sind, geben lyrisch leider nicht viel her und umgekehrt. Mit einigen wenigen Ausnahmen versteht sich. Wer lang genug sucht, findet mit Sicherheit auch magische Momente und Highlights – wer gern tief taucht wird sich mit „Music, Fashion, Film“ aber vermutlich schnell mal den Kopf stoßen.