Wie die Dinge aus der Ferne aussehen. Manchmal klarer, weil man nicht mit der Nase an den Details klebt. Manchmal auch einfach kleiner.
Vorgestern Donnerstag hat in Clacton, einer desolaten Seestadt an der Küste der Provinz Essex, eine Art Mini-Unterhauswahl (genannt „by-election“) stattgefunden. Rechtspopulist Nigel Farage, Anführer der Reform Party bzw. langjähriger Cheerleader der Brexit-Bewegung in all ihren Mutationen, hat sich dabei mit großer Mehrheit durchgesetzt.
Der Mann mit dem hydraulischen Kinn bezwang eine lange Liste von über 30 Scherzkandidaten, insbesondere Count Binface, ein 46-jähriger Mann namens Jon Harvey, der sich mit einem Mülleimer über dem Kopf und Cape als intergalaktischer Superheld der Abfall-Entsorgung kostümiert.
Im UK haben solche aktionistische Stunts eine lange Tradition (siehe die seit 1983 bestehende Monster Raving Loony-Partei des 1999 verstorbenen Trash Rock-Sängers Screaming Lord Sutch), normalerweise ohne Konsequenz jenseits der Verschwendung von ein paar Stimmen. Diesmal war Binface allerdings die einzige Alternative zum Rechtspopulismus von „Reform“, da die anderen Parteien gleich bei Ausrufung der Nachwahl auf eine Kandidatur gegen Farage verzichtet hatten.
Jener hatte die by-election angestrengt, um durch einen zwischenzeitlichen Rücktritt die gegen ihn laufenden innerparlamentarischen Ermittlungen zu unterbrechen – wegen undeklarierter Spenden in Millionenhöhe von einem in Thailand lebenden Kryptomilliardär, sowie einem verurteilten Betrüger und dessen Mutter.
Auch Burnhams Partei fand nichts dabei
Farages ziemlich durchsichtige Finte, sich auf dem sicheren Terrain seiner Kernwählerschaft „dem Wahlvolk zu stellen“, war offensichtlich ein Missbrauch des demokratischen Prozesses. Daher der Entschluss der anderen Parteien, sich auf diese Schmierenkomödie gar nicht einzulassen, unter anderem weil so eine by-election den Staat, also die Steuerzahler:innen, ganz schön was kostet.
Andererseits hat sich der neue und populäre Premier Andy Burnham, dessen Labour Party in den landesweiten Umfragen neuerdings wieder knapp vor Reform liegt, ebenfalls vor kurzem erst per by-election ins Parlament schleusen lassen, und seine Partei fand nichts dabei.
Vor allem aber spricht es nicht gerade für die Kampfbereitschaft der demokratischen Kräfte, einer direkten Konfrontation mit dem Rechtspopulismus aus dem Weg gegangen zu sein. Bestätigte deren Verweigerung nicht erst recht das Gefühl der Ausgeschlossenheit einer ökonomisch schwer heruntergekommenen Community wie der von Clacton, wo die zu knapp 97 Prozent weiße Bevölkerung zum Zeichen ihrer Dauerkränkung patriotische Georgskreuze hisst? Welche Botschaft kommt bei der dortigen Bevölkerung an, wenn alle Kräfte, die nicht Reform heißen, sie einfach sich selbst überlassen?
Die rund 27 Prozent, die Binface als selbsternannter Anti-Farage-Einheitskandidat erringen konnte, mögen von Kolumnist:innen, denen ich sonst zu trauen pflege, als der höchste Stimmanteil bejubelt werden, der je von einem Scherzkandidaten erreicht wurde. Aber sie bleiben letztlich enttäuschend. Was wäre gewesen, wenn zum Beispiel Labour, Greens und LibDems ein:e Gemeinschaftskandidat:in aufgestellt hätten, um Farage mit vereinten Kräften aus dem Unterhaus zu werfen? Wir werden es nie erfahren, auch weil sich niemand ernsthaft diese Frage gestellt hat.
Die Goldfische des britischen Polit-Diskurs
Sie ist wohl einfach unvorstellbar in einem britischen System, wo man des Mehrheitswahlrechts wegen Koalitionen grundsätzlich beargwöhnt (wobei die Goldfische im engen Aquarium des britischen Polit-Diskurs schon vergessen haben, dass Farage und seine damalige Brexit Party 2019 sehr wohl einen Pakt mit den Tories für Boris Johnsons Wahlsieg eingegangen waren).
Am Ende brauchte Reform nicht einmal eine:n ernsthafte:n Gegenkandidat:in, um eine Verschwörung des „Establishments“ gegen ihren diskriminierten Volksmillionär zu konstruieren. Es reichte schon, dass Jon Harvey, der Comedian unter dem Mülleimer, Witze für Satire-Shows der BBC geschrieben hatte, um sogar Count Binface noch als getarnten Agenten eines imaginierten liberalen Meinungsterrors zu diffamieren.
So wie’s nun gelaufen ist, hat Farage bei einer für by-elections recht passablen Wahlbeteiligung von 44 Prozent eine knappe Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimmen erreicht und wird jede weitere Ermittlung gegen ihn als Missachtung seines Mandats deuten.
Der Schönheitsfehler, dass er nicht wie alle anderen Kandidat:innen der öffentlichen Auszählung der Stimmen beiwohnte, sondern sich beim „Farage Fest“ auf einem Flugfeld am Stadtrand abfeiern ließ, empört ebenfalls bloß seine Gegner:innen. Für seine Anhänger:innen streute die Reform Party das Gerücht, die Polizei habe Farage vor Störaktionen bei der Verlautbarung des Ergebnisses gewarnt. Was die Polizei selbst zwar abstritt, aber NATÜRLICH STREITEN DIE DAS AB, DAS BEWEIST JA ERST RECHT DAS KOMPLOTT, wie euch jede:r Faragist:in im Fressenbuch erklären können wird.
Guardian-Kommentare versus paranoide Parallelwelten
Eine der Lektionen der Ära Trump, die sich auch auf Farage übertragen lässt, ist, dass man solche Leute nicht besiegt, indem man sie „owned“, also überführt, peinlich oder unglaubwürdig aussehen lässt.
Das erscheint zumal aus der Entfernung völlig klar, wo mich Guardian-Kommentare von John Crace oder Owen Jones, die Farage „in trouble“ sehen wollen, später erreicht haben als die Opfernarrative seiner Unterstützer:innen via soziale Medien.
Letztere stammen aus paranoiden Parallelwelten, in denen KI-bebilderte Bedrohungszenarien einer öko-woke-divers-islamisch-trans-bolschewikischen Unterwanderung der Gesellschaft alle realpolitischen Probleme und deren potenzielle Lösungen übertönen und überstrahlen.
Man kann sich darüber mokieren, wie das so viele Kommentator:innen nun tun, noch während Farage wieder sicher im Unterhaus sitzt. Man kann auch – besser – Gegenstrategien der Online-Kommunikation entwickeln. Dabei wird man aber nicht mehr darum herumkommen, die digitale Desinformation an sich als politischen Faktor ins Visier zu nehmen. Ein Soziale Medien-Verbot für Unter-16-jährige, das die britische Regierung für nächsten Frühling einführen will, wird die dafür besonders anfälligen älteren Konsument:innen digitaler Medien jedenfalls nicht erreichen.
Abschließend noch etwas in eigener Sache:
„Zumal aus der Entfernung“ habe ich oben geschrieben. Viele haben’s schon mitbekommen, auch wenn ich es aus Gründen bisher noch nicht an die große Glocke hängen wollte:
Ich verbringe meine Zeit dieser Tage kaum mehr auf der Insel, sondern vorwiegend in Berlin.
Nach mehr als 29 Jahren in Großbritannien habe ich dort aber immer noch reichlich Freund:innen und Familie, werde meine (Ex-)Wahlheimat also nicht aus den Augen verlieren bzw. ein Beinchen dort behalten und hier weiter über Britisches (und anderes!) berichten. Allerdings, wie eingangs erklärt, mit einer Perspektive, die sich durch die Entfernung bereits zu verändern beginnt. Wo manches tatsächlich klarer erscheint und vieles – die Figur des Nigel Farage gehört definitiv dazu – auch erheblich kleiner.