Klar liegen die fünf Musiker von Cordoba78 aus dem beschaulichen Kaltenbrunnen in Vorarlberg gern auf ihrem roten Sofa in der Wiener Studi-WG und trinken „Averna Sour“. Sie zelebrieren mit treibendem Indie-Rock die Afterhour, in der aber nicht nur dem Alltag entflohen wird, sondern man auch die drängenden, inneren Themen diskutiert.
Genau diesen scheinbaren Widerspruch zwischen wegbeamender Party und drängendem Engagement für die Zukunft vereint das Quintett in variantenreichen Popsongs mit Mitsingcharakter und energiegeladenem Sound.
In zwei Jahren vom Jam zum Plattendeal
Es scheint ein Bilderbuch-Karrierestart zu sein. Carlo Sossella (Vocals), Tobias Fussenegger (Gitarre), Paul Pichler (Piano), Georg Pinter (Bass) und Alex Fetz (Drums) treffen sich zum Jammen und Songschreiben im Proberaum. Nur zwei Jahre später verkaufen sie österreichische Clubs mit ihren Konzerten aus und veröffentlichen ihr Debütalbum „Afterhour Kaltenbrunnen“ bei dem Plattenlabel Four Music, das zu Sony gehört.
Warum das alles so geklappt hat? Neben dem Zufall und der glücklichen Fügung, die es im Musikbusiness wohl auch braucht, ist das wohl größte Unterscheidungsmerkmal zu anderen deutschsprachigen Bands die Stimme und der Ausdruck von Sänger Carlo Sossella. Die rauchige Stimme mit dem tiefen Timbre, die manchmal an die Kölner AnnenMayKantereit erinnert, hat so viel Energie und Tiefgang, dass man Carlo jede Geschichte, die er erzählt, abnimmt. Wobei Cordoba78 es lieben mit der Ironie zu spielen. Beispiel dafür ist der Song „Teneriffa“, der von dem drängenden Wunsch erzählt, einfach zu sein, dem Alltag zu entfliehen und gleichzeitig zu wissen, dass man selbst an seinem Wunschort nicht seinen Gefühlen entfliehen kann.
Die Sache mit den Gefühlen
Die Gefühle sind wohl der größte und stärkste Motor für die Songs von Cordoba78. Schließlich geht’s ums Leben. Und da treiben uns alle meist die zwischenmenschlichen Beziehungen um. Bei „Narzissen“ ist die Energie der Sehnsucht zu spüren, das bröckelnde Selbstbild und der Drang zur Verschmelzung mit und vielleicht Flucht zu der anderen Person. Auch hier brettert der Mitsingrefrain gut dahin, in den das Publikum schon nach einmal hören vor der Bühne einstimmen kann.
Aber nicht immer geht es so energiegeladen zu. Wenn bei Cordoba78 sich ein „Gewitter“ im Herzen zusammenbraut, dann entlädt sich der Schmerz und die Verzweiflung in einer langsameren Ballade, bei der sich Carlo die Frage stellt, was nach einer Beziehung eigentlich übrigbleibt.
In den Songs hört man auch die musikalische Sozialisation einer Band heraus, die zwar zu jung ist, um das legendäre Spiel Österreich-Deutschland bei der Fußball WM 1978 in Argentinien live miterlebt zu haben, aber die sich über die Eltern das musikalische Gefühl dieser Zeit zu eigen gemacht haben.
Carlo: „Tobi und ich sind mit der Musik der 60er und 70er Jahre aufgewachsen. Wir haben viel Jazz und Blues gehört, von Jimi Hendrix bis Aretha Franklin. Der Einfluss deutschsprachiger Musik kam bei uns viel später. Das waren so Sachen wie Rio Reiser, Ton Steine Scherben war groß für uns und klarerweise Herbert Grönemeyer.“
Der Zwiespalt einer Generation
Während Carlo in den Anfangszeiten noch auf Englisch getextet hat, kam der Drang auf Deutsch zu singen erst später. Schließlich wollte er eben die Gefühle ausdrücken, die sich in der Gen-Z breitgemacht haben.
Carlo: „Auf dem Album geht es ganz stark um den Zwiespalt des jungen Erwachsenseins. Das sich selbst suchen und nicht finden. Sich auch die Fragen zu stellen: Wer bin ich? Was macht mich aus? Dann geht es natürlich ums Leben allgemein. Das Leben ist viel Liebe, aber auch ein bisschen Heartbreak. Und wir haben auch ein paar politischere Songs. Das ist glaub ich das Minimum, wenn man ein Album 2026 macht und einmal die Woche die Zeitung aufschlägt und sich dazu auch äußert. Das haben wir glaub ich mit dem Song ’Himmel brennt in Europa’ auch ganz gut hingekriegt.“
Es ist der Zwiespalt der jungen Generation, zwischen Ohnmacht und dem Gefühl fehlender Selbstwirksamkeit und der aufgestauten Energie durch die Verzweiflung, endlich etwas für einen Paradigmenwechsel tun zu können. Ängste vor der Zukunft wechseln sich mit Erfahrungen der Solidarität ab, wenn man bei Konzerten mit gleichgesinnten das Gefühl bekommt für ein besseres, toleranteres und vereintes Europa einzustehen.
Cordoba78 schaffen es mit ihrem Debüt „Afterhour Kaltenbrunnen“, dass man nicht in dem Gefühl der Verzweiflung steckenbleibt. Wenn man sich die Songs anhört, dann scheinen sie langsam, aber beständig die innere Starre aufzulösen, damit man in Bewegung kommt. Nicht nur auf der Tanzfläche oder vor der Bühne. Vielleicht regen die Songs auch an, in zwischenmenschlichen Begegnungen flexibler und zugewandter zu werden. Denn auch Carlo hat wie alle großen Künstler:innen ein Gefühl dafür, was uns alle am Ende des Tages helfen könnte, die Welt zu einer besseren zu machen.
Carlo: „Das klingt so cheesy, aber die Liebe ist wohl das Letzte, was uns im Leben Halt gibt, was ein Anker sein kann. Liebe zu seiner Familie, den Eltern, Freund:innen, Partner:innen, Liebe zu welchen Sachen auch immer. Das ist, was die Welt am Leben hält. Ich denke, dass ist die beste Antwort auf die Frage, was uns helfen könnte. Das hat ja John Lennon auch schon gesagt, und Aretha Franklin. Jetzt hat es Carlo auch gesagt. (lacht)“