„Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ heißt der größte Hit von Danger Dan. Mit dieser neuen Art von klavierbegleitetem Polit-Chanson überraschte der Rapper der Antilopen Gang als Solokünstler und fand damit Eingang in die Hochkultur-Tempel und Kulturmagazine. Aus seinem linkspolitischen Engagement hat Danger Dan nie ein Hehl gemacht. Seine Botschaften waren klar formuliert. Danger Dan singt unter anderem gegen Neonazis, AfD und Antisemitismus, manchmal formuliert er dabei im Konjunktiv, allein schon aus rechtlichen Gründen. Im September wird sein neues Album erscheinen. Es heißt „Keine Angst“ und der gleichnamige Song ist am Freitag vorab veröffentlicht worden.
Teil der Promotion wäre eine Live-Performance dieses Songs im Rahmen einer Jubiläums-Sendung der ZDF Satire Show „Die Anstalt“ gewesen. Gemeinsam mit dem Star-Pianisten Igor Levit – auch er hält mit seinen politischen Meinungen nicht hinter den Berg – hätte Danger Dan diese songgewordene Anleitung zur antifaschistischen Selbstorganisation darbieten sollen. Das ZDF hat dann aber zurückgezogen.
Um sich in dieser Debatte zurechtzufinden, hier ein kurzes Glossar um einige der zentralen Begriffe des Songs und die Diskussionen rundherum.
Ganz am Schluss des über sieben Minuten langen Songs richtet Danger Dan noch „liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ aus. Gucci und Lina S. sind Angeklagte des Dresdner Linksextremismusprozesses. Lina S. wurde 2023 zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten verurteilt. Laut Anklage waren die beiden an mindestens sechs gewalttätigen Überfällen auf mutmaßliche Neonazis mit teils lebensgefährlichen Folgen beteiligt. In der Boulevardpresse wurden sie auch als „Hammerbande“ bezeichnet. Andere nennen die lose Gruppierung auch „Antifa Ost“. Der Haftbefehl gegen Thomas „Nanuk“ J. wurde mittlerweile aufgehoben. Maja wiederum ist der Name einer politisch aktivistischen Person, die 2026 in Budapest für schuldig befunden wurde, gemeinsam mit weiteren Linksextremist:innen die Teilnehmer eines rechtsextremen Aufmarsches in Budapest im Februar 2023 angegriffen zu haben.
„Ich hätte statt Lina, Gucci, Maja und Nanuk auch Tobi oder Nele grüßen können – oder ganz viele andere Antifaschistinnen, die von staatlicher Repression betroffen sind“, sagt Danger Dan in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Die erwähnten Namen sorgen allerdings auch für den Vorwurf, Danger Dan würde leichtfertig mit gewalttätigem Widerstand umgehen. Die „lieben Grüße“ waren wohl einer der Gründe, warum das ZDF im Song auch die Möglichkeit einer Interpretation zum Gewaltaufruf erkennen konnte, die mit den Programmrichtlinien nicht vereinbar ist.
• Doxing
…auch Doxxing, ist das internetbasierte Zusammentragen und anschließende Veröffentlichen personenbezogener Daten, typischerweise mit bösartigen Absichten gegenüber den Betroffenen. Zum Teil geht damit auch die Identifizierung anonymer Personen einher. Danger Dan wird Doxing vorgeworfen, weil er in „Keine Angst“ von sogenannten „Outingaktionen“ singt:
Es hingen Flyer und Plakate in den Vierteln, wo sie wohnen
Mit Fotos und Funktionen, mit Namen und mit Adressen
Niemand wird ein Nazischwein als seinen Nachbarn möchten
Das flankierte man mit ein paar Telefonaten
Um ihre Schulen, Unis, Arbeitgeber zu beraten
• Hufeisentheorie
Die Hufeisentheorie besagt, dass extremistische politische Haltungen aus eigentlich entgegengesetzten Lagern einander ähnlich sind – also linke und rechte extremistische Haltungen mehr gemeinsam hätten als die jeweiligen moderaten Ausprägungen. Die Hufeisentheorie ist allerdings sehr umstritten. Kritiker:innen halten die Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus für undifferenziert und simplistisch. So richte sich etwa linksextreme Gewalt eher gegen Sachen, rechtsextreme gegen Menschen.
• „Uniter hat die Munition vom KSK“
In der Textzeile „Uniter hat die Munition vom KSK“ bezieht sich Danger Dan auf den Verein Uniter e.V. Der Verein ehemaliger und aktiver Soldaten und Polizisten in Deutschland wurde 2020 aufgelöst, ist aber informell noch als Prepper-Netzwerk unter anderen Decknamen aktiv. Der deutsche Verfassungsschutz hat den Verein als gesichert rechtsextrem eingestuft; er soll Teil des rechtsextremen Hannibal-Netzwerks sein. Der KSK (Kommando Spezialkräfte) ist eine umstrittene Eliteeinheit der deutschen Bundeswehr, die durch rechtsextreme Vorfälle, Kontakte zu dubiosen Vereinen und das „Verschwinden“ großer Mengen Munition aufgefallen ist. Danger Dan erwähnt die beiden Organisationen als Teil rechtsextremer Netzwerke, die tief in die staatlichen Institutionen eingedrungen sind.
• Kunstfreiheit und Graubereiche
„Ich möchte mich vorsorglich schon einmal auf Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes berufen, der die Kunstfreiheit als Grundrecht verankerte“, erzählte Danger Dan 2021 zum Release des Songs „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“. „Ich glaube, ich habe mich da nicht aus dem Rahmen herausbewegt, habe den Rahmen vielleicht einigermaßen weit ausgeschöpft, aber alles in allem habe ich ein gutes Gefühl.“ In „Keine Angst“ singt er:
Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt
Ich lass’ ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant
Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag’ nix mehr dazu.
Danger Dan geht so weit er kann, und vielleicht sogar ein Stückchen darüber hinaus. Er – und auch seine Band Antilopen Gang – sind zu groß, zu sehr in der breiteren deutschsprachigen Popmusik angekommen. Er spielt große Tourneen und Festivals; die besetzten Häuser, die linksautonomen Zentren sind für ihn längst zu klein geworden. Seine Vorbilder sind die großen linken Protestsong-Ikonen wie Ton Steine Scherben, oder, um noch weiter zurückzugehen, Hanns Eisler, der schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts dem aufkeimenden Faschismus mit Protestmusik für die Arbeiter:innenschaft Paroli bieten wollte.
• Keine Angst!
Schon in den frühen 80er Jahren wurde ein Song mit dem Titel „Keine Angst“ zum New-Wave-Klassiker der österreichischen Popmusik. Hansi Lang hat auch damals schon den Griff zur Sprühdose empfohlen:
Ich kauf’ mir eine Spritzpistole
Eine grellrote Farbendose
Mit der schreib’ ich auf jedes Haus
Hoffentlich geht mir die Farbe nicht aus (…)
Ich schreibe Keine Angst.
Die Austropop-Variante des Mutmachens bleibt politisch allerdings vage. Es geht um „grauen Beton“ und den „Menschenkäfig“. Typisch 80er Jahre halt. Danger Dan wird deutlich konkreter: möglichst wenig Spuren sollen die Antifa-Sprayer:innen hinterlassen, keine Fotos, keine Fingerabdrücke. Und auch textlich würden sich die Antifa-Aktivist:innen mit einem vagen „Keine Angst“ wohl kaum zufriedengeben. Vielleicht ist die Idee einer politischen Popmusik, die im Ungefähren verbleibt, einfach nicht mehr zeitgemäß.