Irgendwann hatte jemand die unglaubliche Idee, inmitten eines großen Flusses eine 20 Kilometer lange Insel aufzuschütten, mit Stränden, Stegen und Beachvolleyballplätzen, mit Skatezonen, Klos, Imbissen, Spielplätzen und einmal im Jahr mit 14 Bühnen. Auf denen hört man Kabarett oder Lesungen, neue Singer-Songwriterkunst, jungen Rock und alten Austropop, und dazwischen kann man Karussell fahren, Yoga machen, sich in einen riesigen Luftpolster in Form eines Toastbrots fallen lassen, Glücksrad spielen, Langos essen oder sehr viel trinken, Wasser oder Bier.

Das Donauinselfest ist, wie man weiß, das größte Festival nicht etwa Europas, sondern: der Welt, falls diese Info noch stimmt; an seinen jeweils drei Tagen sollen drei Millionen Menschen, mehr als in Wien leben, über die künstliche Insel spazieren. Wie hält das alles nur so fest im Wasser?

Wer das Donauinselfest vielleicht aus Jugendtagen als staubiges Gelage in Erinnerung hatte, lässt sich an diesem wohltemperierten Nachmittag, an dem sich der Sommer temperaturmäßig anfühlt „wie damals“, gern eines Besseren belehren. Es herrscht eine Art freudvoller Friede. Eltern zeigen ihren Kindern das erste Mal den Zauber von Livemusik. Firmen verschenken mit vollen Armen oder als riesige Joghurtbecher verkleidet ihre Produkte. Es spielen viele mittelgute und ein paar sehr gute Bands – übrigens nicht nur auf der FM4 Bühne! – denn auf anderen Stages kann man etwa Endless Wellness, Sodl, Skofi, Bella oder Joyce Muniz live sehen, auch wenn dort keine gelbe Riesenente über sie wacht.

Die wirklich enorm große Festbühne aber verwandelt sich seit ein paar Jahren, seit wir keine gänzlich eigene Bühne mehr haben (ich weiß, ich weiß), am Festivalfreitag in die FM4 Bühne, gelbe Banner inklusive und eine Crowd wie aus dem Bilderbuch. Freund:innengruppen und süße Pärchen, Kinder mit knallbunten Ohrenschützern auf den Schultern ihrer Mütter, wohlerzogene Junggesell:innen-Partygruppen, freundliche Zufallspassant:innen und wirklich auch viele, richtige Fans. Sie können die Texte, sie tragen die T-Shirts.

My Ugly Clementine

Sie kommen, als der Schatten dem Platz vor der Bühne langsam etwas Schutz vor der Sonne gönnt, um My Ugly Clementine zuzujubeln, die gutgelaunt und, um es hier einmal zu sagen: top gekleidet, locker einen ihrer besten Gigs bisher spielen. In den Startlöchern haben My Ugly Clementine, also Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs und Nastasja Ronck, ihr drittes Album namens „Apply autonomy“, das für Anfang September angekündigt ist, und wenn man Vorgeschmäckern wie dem bereits releasten „Confidence“ oder dem heute frisch präsentierten „You Won“ trauen darf, stimmt das Versprechen ihres „besten Albums bisher“ vielleicht wirklich.

„You Won“ ist glorios, ein Grunge-Hit aus dem Träumen des Jahres 1994, eine Bassline wie von den Cranberries erdacht, dazu souveräne Gitarren-Soli der drei Musikerinnen und die zwei euphorischsten Stagehands der Festivalgeschichte, die links und rechts an der Bühnenkante Kabel durch eine Hand gleiten lassen, um mit der anderen in die Luft zu jubeln. Auch Zartmann später wird ihnen Props geben. Eine Freiluftbühne im Sommer ist jedenfalls für einen My Ugly Clementine-Gig der beste Rahmen, und am 4. Juni 2027 kann man sich in der Open Air Arena in Wien dann nochmals davon überzeugen. Save the date!

Giant Rooks

Giant Rooks danach (Haben sie sich nach einer Schachfigur benannt oder nach den englischen Jungspunden, die sie zu Beginn ihrer Karriere als damals kaum Abiturienten noch waren?) sind eine Band, die auf fast ein wenig ärgerliche Weise alles richtig macht. Sie spielen makellos, sie haben ihre Bühnenchoreographie perfektioniert, inklusive kleinem Podest zum Draufgehen und Runterhüpfen, Piano, im Stehen zu spielen, einzelner Trommel für Sänger Fredrik zum Beklopfen.

Die Pluderhosen von Harry Styles, das musikalische Glitzern und die new-raveigen Melodien von den Klaxons, die das Giant Rooks-Publikum vielleicht altersbedingt knapp nicht mehr am Schirm hat, die süßen Indie-Pop-Vibes der Kooks.

Dann gibt es noch die Songs: Zwei Handvoll Hits, die einander genau richtig ähnlich und doch unterschiedlich genug sind, um im Ohr zu bleiben und uns sofort bekannt vorkommen, und allen voran „New Estate“ aus dem Jahr 2017, eine Indie-Hymne für die Ewigkeit, die an diesem Abend leider in der Mitte des Sets schon gespielt wird, auch wenn sie Konfettikanonen verdient hätte. In den ersten Reihen tragen tatsächlich Menschen die doch sehr ungewöhnlichen T-Shirts mit der Aufschrift „I <3 Hamm“, die Heimatstadt der Giant Rooks.

Giant Rooks-Sänger Fredrik Rabe ist bezaubernd, mit gutem Haar und der richtigen Menge Schweiß, er lächelt beim Singen und bemüht sich um österreichische Ausdrücke. Ein frommer Wunsch: Bitte niemandem aus dem Ausland mehr den Begriff 16er Blech beibringen, den noch nie jemand in Österreich verwendet hat. Armer Fredrik Rabe, er nimmt die ausbleibende Reaktion aus dem Publikum aber tapfer, wohl getröstet auch durch die 160.000 Händepaare, die sich ihm vor der FM4 Bühne entgegenstrecken.

Zartmann

Diese beinahe unfassbare Menge an Menschen, also 80.000, treibt auch Zartmann (Vorname unbekannt) ein staunendes Strahlen aufs Gesicht. Es sind 30.000 mehr als bei den Foo Fighters, die heute 8 Kilometer weiter südlich im Ernst Happel Stadion spielen. Je nachdem, in welchem Teil der Stadt man wohnt, kann man vom Balkon aus zwei sehr unterschiedlichen Konzerten durch den Abendwind zuhören.

Zu Beginn des Zartmann-Sets verhängt ein gigantischer roter Vorhang die Bühne, der dramatisch zu Boden fällt, als der Protagonist bereits zum ersten Mal „Fick die AfD“ gesungen hat. Der Satz wird an diesem Abend noch öfter erklingen und bekommt einmal sogar eine österreichische Abwandlung. Stars mit politischer Haltung: Es ist nicht schwer und es ist wichtig und recht, gut so! Tatsächlich ist der immer noch sehr junge Zartmann, noch keine 30, in den letzten Jahren geradezu kometenhaft zum Superstar geworden. Es ist einfach zu sehen, warum: Neben einem Wuschelkopf hat Zartmann die sonorste deutsche Stimme seit Henning May, und dann hat er natürlich einen Song wie „Tau mich auf“ geschrieben, und mehr braucht es gar nicht. „Tau mich auf“ ist zurecht einer der größten (klickmäßig, ohrwurmmäßig, vibe- und Musikpreismäßig) Hits der Gegenwart, ein viel zu kurzer Indie-Kracher mit sommerlichen Afrobeat-Vibes; auch die auch von Paul Simon geschätzten Township-Jive-Gitarren Mittel- und Südafrikas haben ihn inspiriert.

Live hört man diese Gitarren ehrlicherweise leider zu wenig; auch gibt es in den balladigen Teilen des Sets durchaus Längen, ein bisschen zerfahrene Instrumental-Teile oder Texte, die man nicht versteht. Das macht aber nichts: Zartmann und seine ebenfalls übers ganze Gesicht strahlende Band mit immerhin einer Musikerin auch an Bord sind dermaßen sympathisch, dass sie auch aus dem Telefonbuch vortragen könnten, einem Artefakt aus der Zeit vor dem Leben der meisten Zartmann-Fans. Genau dafür ist das Donauinselfest da: Spartenübergreifende Popmusik hören, die zwischen den Polen Ö3 und FM4 stattfindet, die neue Fan-Generationen zu gratis Konzerten einlädt, bei der die Alteingesessenen lernen, was die Jungen so mögen und die zufällig Vorbeispazierten neue Lieblingsmusik entdecken.

„Wenn die Welt schon morgen untergeht, dann haben wir wenigstens gelebt“, singt Lella zu Beginn des Freitags, die Gewinnerin des Eröffnungsslots auf der FM4 Bühne, der wir bisher in diesem Text noch nicht begegnet sind. Sie bringt vieles mit, was werdende Pop-Artists brauchen: Energie, Crew, Attitüde, Aussehen und ein paar gute Ideen in Songs wie „immer noch da“, sie braucht in manchen Dingen (Flow, Songwriting, Performance) aber auch noch Zeit. Macht nichts, dafür sind Bandwettbewerbe zum Turbostart einer Karriere ja da, zum Üben und Lernen. Jedenfalls greift am Ende der Nacht Zartmann in „eehhhyyy“ diesen Gedanken vom Nachmittag noch einmal auf: „Wenn das der letzte Sommer war, fuck it, ich hab gelebt.“ Das ist natürlich alles nicht so gemeint, denn am Ende hofft natürlich jede:r, dass da noch mehr, viele mehr Sommer kommen. Bühnen auf Inseln. Konfettikanonen!