Schon die Eröffnungssequenz gibt den grimmigen Ton vor: Ein Angelausflug zweier Freunde auf einem einsamen See wird zunächst vom schlechten Wetter beeinträchtigt. Unruhe macht sich breit, Gewitterwolken ziehen auf. Dann bekommen es die beiden jungen Männer aber mit etwas entschieden Bedrohlicherem zu tun. Unten, tief im Wasser, erwacht nämlich etwas Dämonisches zum Leben. Und weil wir in einem Film der „Evil Dead“-Reihe sitzen, wissen wir: Die zombiehafte Kreatur, die sich dem Boot nähert, ist quasi unzerstörbar – und Menschen definitiv nicht wohlgesonnen.
Nachdem die Körper der armen Angler-Buben fachmännisch zerlegt wurden (Angelhaken spielen dabei eine tragende Rolle), steigt die Dämonenfrau aus dem See und stolpert auf eine Landstraße zu. Parallel dazu ereignet sich auf einem Parkplatz eine Auseinandersetzung, die eine Kette von fatalen Ereignissen auslöst. Denn William (George Pullar), ein Lokalbesitzer, der als Testimonial für toxische Männlichkeit auftreten könnte, rast nach einem Streit mit seiner Frau davon. Lange dauert die nächtliche Autofahrt allerdings nicht. Der wutentbrannte William kollidiert krachend mit der besagten Untoten.
Nicht nur stellt das Monster im brennenden Autowrack unschöne Dinge mit dem verletzten Lenker an. Williams gesamte Familie steht von nun an unter einem Fluch. Das berüchtigte „Necronomicon", das Buch der Toten, spielt dabei eine zentrale Rolle. Erst nach diesem viertelstündigen Prolog erscheint der Titel riesig auf der Leinwand, untermalt von bombastischen Orgelklängen. "Evil Dead Burn“ ist der sechste Kinofilm einer kleinen, aber äußerst gemeinen Franchise.
Tabubrecherischer Schrecken, der Tiefsinn vortäuscht
Was nach der missglückten Feuerbestattung des Unfallopfers in diesem Film mit dessen Verwandtschaft passiert, lässt an einen Genrebegriff denken, den man eigentlich schon verdrängt hat. Torture Porn nannte man in den Nullerjahren Horrorstreifen, die mit besonders expliziten Gräuelszenen auf sich aufmerksam machten. Die „Saw“-Saga oder auch die „Hostel“-Filme wirkten nach dem selbstironischen Slasherkino der 1990er (siehe „Scream“) wie eine einzige Provokation. Die New French Extremity-Welle trieb damals den tabubrecherischen Schrecken endgültig auf die Spitze.
Es scheint, als wäre der junge französische Regisseur Sébastien Vaniček mit gnadenlosen Schockern wie „Martyrs“ aufgewachsen. Denn sein Beitrag zum „Evil Dead“-Universum will vor allem eines: Um jeden Preis Splatter-Rekorde brechen und Ekelgrenzen überschreiten. Ein ähnliches Ziel verfolgen aktuell auch die gruselig populären „Terrifier“-Machwerke, die für Teile der GenZ zu einem angstschweißtreibenden Initiationsritual wurden. Dabei verzichten die drastischen Blut- und Beuschel-Orgien rund um Killerclown Art auf jeden Ansatz von Psychologie.
Sébastien Vaniček will aber, neben wahren Verstümmelungs-Festspielen in Großaufnahme, auch noch ein ernsthaftes Drama erzählen. Alice, die aus Frankreich stammende Ehefrau des rabiaten William, von der tunesisch-belgischen Darstellerin Souheila Yacoub gespielt, hat sich in den amerikanischen Albtraum eingeheiratet. Ein bürgerlicher Clan mit Dachschaden präsentiert sich uns, der passenderweise in einer modrigen Villa residiert. Jede(r) hasst hier jede(n), ein Hauch von "Hereditary" liegt in der Luft. Aber in die beklemmende Nähe eines Ari Aster kommt Vaniček keine Sekunde. Wie schon in seinem Vorgängerfilm „Vermines“, wo sich Monsterspinnen in einem Sozialbau ausbreiten, erweist sich der Pariser Regisseur als Blender. Er täuscht Tiefsinn und Empathie mit Jugendlichen vor, bloß um die Figuren möglichst plakativ hinzurichten.
Absurder Humor als Markenzeichen der Originalfilme
In diesem Mix aus Pseudo-Kritik an dysfunktionalen Familien und unerbittlicher Härte geht vor allem der Spirit der „Evil Dead“-Reihe verloren. Begonnen hat der Wahnsinn nämlich einst fast unschuldig und naiv. Anfang der 1980er-Jahre verzieht sich eine Gruppe von Schulfreunden mit einer geborgten Filmkamera in die Wälder von Tennessee. Unter schwierigen Bedingungen entsteht ein Low Budget-Horrorschocker. Die simple Geschichte von „Evil Dead“ kreist um Twentysomethings, die in einer einsamen Waldhütte etwas Höllisches zum Leben erwecken.
Billige, aber drastische Bluteffekte treffen auf absurden Humor: „Evil Dead“ wird ein Welterfolg und als „Tanz der Teufel“ auch im deutschen Sprachraum berüchtigt. Der Gore-Auftakt startet die spätere Hollywood-Karriere von Regisseur Sam Raimi, der niemals irgendeine Ausbildung genossen hat. Die Hauptrolle des armen Ash, der von Dämonen verfolgt, verletzt und verwandelt wird, übernimmt Schauspiel-Autodidakt Bruce Campbell, eine spätere Horrorkino-Kultfigur.
Zwei Fortsetzungen wird Sam Raimi 1987 und 1993 noch drehen, in denen Ash sich erneut Schlachten mit Dämonen liefert. Erst 2013 wird das verstaubte „Necronomicon“ wieder geöffnet. Raimi und Campbell sitzen diesmal nur im Produktionssessel, viel mehr Geld ist im Spiel, die Inszenierung geht in eine realistischere Richtung. Schließlich kann man die abgebrühten Splatter-Kids der Gegenwart mit Trash-Effekten nicht mehr schocken. Fede Álvarez, der später mit „Alien Romulus“ eine weitere Franchise startet, gelingt eine grausame „Evil Dead“-Coverversion, die ihre eigenen Qualitäten hat.
Ein einziger Downer voller Magen-Umstülp-Sequenzen
Den schundigen Geisterbahn-Humor der Originalfilme findet man dagegen in der TV-Serie „Ash vs Evil Dead", die in drei Staffeln den wunderbaren Bruce Campbell mit Kettensäge zurückbringt. Wer es heftiger will, bekommt 2023 die Schlachtplatte "Evil Dead Rise“ im Kino serviert. Ein weiteres Sequel, das auf gelungene Weise das Beste aller dämonisch-besessenen Welten vereint. Regisseur Lee Cronin versetzt erstmals das Geschehen von der legendären Hütte im Wald in die Großstadt. In einem düsteren Hochhaus in Los Angeles entfaltet sich ein dämonisches Kammerspiel.
Wie das Buch der Toten darin zu einer alleinerziehenden Mutter und ihren Kindern kommt, darf storytechnisch als haarsträubend bezeichnet werden. Aber eine schlüssige Handlung war in einem „Evil Dead“-Film stets zweitrangig. Cronin inszeniert die Dämonen-Attacke so grauslig, dass es schon wieder lustig ist, kombiniert Slapstick-Jokes mit Gewalteinlagen, fast im Sinn von Sam Raimis einstigen Kunstblut-Operetten. Das „Necronomicon“-Erbe schien mit diesem Zugang gesichert.
„Evil Dead Burn“ ist dagegen ein einziger Downer. Obwohl einige der Magen-Umstülp-Sequenzen auf hysterisches Grinsen abzielen, sucht man den schrägen Witz rund um die unkaputtbaren Höllenwesen vergeblich. Um es mit einem musikalischen Vergleich auszurücken: Sébastien Vaničeks Inszenierungsstil entspricht einer Band, die Metalcore-Brutalität, Blackmetal-Lärm, Stampf-Techno und Industrial-Noise möglichst maximalistisch kombiniert. Und dabei nicht auf kitschige Emo-Refrains verzichtet.