Es beginnt mit dem ganz normalen Horror des Alltags. Ein junger Mann (Kazunari Ninomiya) steht in einem überfüllten U-Bahn-Waggon im Berufsverkehr und ist, wie die meisten Passagiere, in sein Handy vertieft. Ein paar Plätze weiter weint ein Baby. Weil es nicht mehr aufhört, beginnt ein Mann, die Mutter anzuschreien. Die entschuldigt sich, der Mann brüllt weiter auf sie ein. Niemand im Waggon schreitet ein, niemand versucht hinzusehen, auch der Protagonist nicht.

Der junge Mann steigt aus. Auf der Suche nach dem Ausgang ruft ihn seine Ex-Freundin an und verkündet ihm, dass sie von ihm schwanger ist. Die Telefonverbindung wird schlechter und als er sich im nächsten Moment umsieht, befindet er sich in einem menschenleeren, von weißen Lichtröhren ausgeleuchteten Gang. Er folgt den Schildern Richtung Ausgang 8, da marschiert ein Mann mit Hemd und Aktentasche zielstrebig an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Der junge Mann geht weiter, kommt aber immer wieder an Stellen vorbei, an denen er bereits war – Schließfächer, ein Fotoautomat, dieselben Werbeplakate. Auch der Mann mit Aktentasche schreitet noch öfter wortlos an ihm vorbei. Da bemerkt er ein Schild, das eine Art Handlungsanleitung für ihn parat hält. Weitergehen, solange keine Unregelmäßigkeiten auftauchen, heißt es da, sofort umdrehen, sobald ihm eine Anomalie auffällt.

Die Faszination der Liminal Spaces

„Exit 8“ ist ein japanischer Horror-Mystery-Film des Regisseurs Genki Kawamura, der auf einem gleichnamigen Escape-Videospiel basiert. In dem Walking Simulator „The Exit 8“, der 2023 erschienen ist, muss man Hinweise beachten, um aus einem dem U-Bahn-Netz von Tokio nachempfundenen Irrgarten herauszufinden. Dabei geht man einen Gang in Endlosschleife ab, auf der Suche nach Anomalien, also Abweichungen. Findet man diese und folgt dabei den Regeln des Spiels, erreicht man schließlich den Ausgang. Das Spiel war durchaus populär auf Twitch und Youtube und wurde weltweit über 1,5 Millionen Mal heruntergeladen.

Spiel wie Film folgen dabei einem Trend, der sich auf das Phänomen sogenannter Liminal Spaces stützt. Liminal Spaces sind Orte des Übergangs: Treppenhäuser, Gänge, Flughäfen oder Bahnhöfe, alles Orte, die eigentlich stark von Menschen frequentiert werden. Wenn man den Ort dann aber menschenleer darstellt, wird er seines Kontextes beraubt und wirkt oft auch unheimlich. Im Internet und in der Popkultur hat dieses Phänomen gerade einen Höhenflug. Das populärste Beispiel aus jüngster Vergangenheit, das diesen Hype befeuert hat, ist Kane Parsons „Backrooms“. Was ursprünglich nur ein Bild eines leeren Geschäftsraumes auf der Plattform 4chan war, wurde zu einem Kurzfilm, dann zu einer Webserie und heuer schließlich zu einem der größten Kinohits des Jahres.

Immer und immer wieder durch denselben Gang

Die „Backrooms“-Webserie von Kane Parsons inspirierte auch einige Videospiele, bevor der Spielfilm realisiert worden ist. Dass „Exit 8“ nun auf einem Videospiel basiert, sieht man dem Film rasch an. Der wird zunächst aus der First-Person-Perspektive gezeigt, man sieht das Geschehen mit den Augen des Protagonisten: die volle U-Bahn, das weinende Baby, die sich öffnenden Waggontüren. Wie ein Avatar bewegen wir uns durch die Station, bis wir in dem menschenleeren Gang ankommen, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Dann wechselt die Perspektive und wir sehen den jungen Mann zum ersten Mal in voller Gestalt.

Das Gefühl, dass man sich beim Schauen von „Exit 8“ in einem Videospiel befindet, bleibt aber über weite Strecken des Films erhalten. Immer und immer wieder marschiert unser Protagonist durch den immer selben Gang, benennt alles, was ihm immer wieder begegnet, beim Namen – die Schließfächer, der Fotoautomat, die Plakate, die Türen – und stößt dabei immer wieder auf Anomalien. Das können winzige Details sein, die sich im Gang verändert haben oder aber auch für kurze Horrormomente sorgen – Stichwort mutierte Ratten. Immer dann, wenn sich etwas verändert, muss er umdrehen, um weiterzukommen.

Es mag sein, dass „Exit 8“ die Atmosphäre und Ästhetik des Videospiels gut einfängt. Für einen Spielfilm ist es dann aber doch etwas zu repetitiv und eintönig ausgefallen. Dafür, dass der Film nur rund 90 Minuten dauert, wirkt er insgesamt eher lang, auch wenn ihm zwischendurch ein paar sehr gruselige Momente gelingen. Es gibt im Film eine immer wiederkehrende Anspielung auf den Künstler M.C. Escher, der mit seinen weltberühmten paradoxen Landschaften Staunen verursacht. So staunt man auch am Anfang von „Exit 8“ über die paradoxe Situation, in die der Protagonist gekommen ist. Dieser Effekt nutzt sich aber leider schon bald ab. Dass der Film zusätzlich versucht, einige Metaphern über Vaterschaft in die Handlung einzuweben, um dem Dilemma des Protagonisten mehr Tiefe zu geben, funktioniert dabei nur mäßig gut.