Es gibt in Österreich so viele Vereine, die sichtbar gemacht werden müssen. Einer davon hat mich nach Salzburg gezogen: die Spicy Cycling Girls. Diese ehrenamtliche FLINTA*-Radlgäng zeigt: Fahrradfahren kann mehr sein als Performance und Gear-Druck. Es kann ein Safe Space sein, Empowerment, Gemeinschaft. Magdalena, Hanna und Tara erzählen mir, wie alles angefangen hat.

Getroffen habe ich sie bei Fanzy Bikes, einer Radwerkstatt mit bunt bemalter Fassade, ein konsumfreier Ort, direkt an einem Radweg.

Diese Werkstatt ist ihre inoffizielle Homebase, denn ein eigenes Vereinslokal haben sie nicht. Dafür einen Ally: Jakob, der Head von Fanzy Bikes, supportet sie bei Veranstaltungen und auch bei diesem Interview.

„Die Spicy Cycling Girls sind ein FLINTA*-Fahrradverein, der einen Safe Space für alle FLINTA*-Personen auf und am Rad bieten soll und mit monatlichen Ausfahrten einlädt, mit dabei zu sein“, fasst es Tara zusammen.

Entstanden ist die Idee 2019, ganz spontan bei einer gemeinsamen Radtour zum Pommes-Essen. Eine Person hatte nicht mal ein eigenes Rad dabei, nur ein Leihrad. Der Name? Ein Brainstorming-Moment: „Irgendwie musste es ein bisschen lustig sein und ein bisschen doof, aber auch cool. Dann haben wir an die Spice Girls gedacht und gesagt: Spicy Cycling Girls. Ja, why not?“ Seit zwei Jahren sind sie ein eingetragener Verein.

Warum es einen eigenen Fahrradverein für FLINTA*-Personen braucht

Tara von den Spicy Cycling Girls muss nicht lang überlegen: „Man muss sich vor Augen führen, dass ein Safe Space für FLINTA*-Personen was total Besonderes ist. Cis-Männer bewegen sich den ganzen Tag, wahrscheinlich unabsichtlich und unwissentlich, in Cis-Männer-Safe-Spaces. Wie viele Büros oder Werkstätten kennt man, wo nur Männer arbeiten? Wenn man aber jetzt zum Beispiel als FLINTA*-Person sagt, ich möchte mich in einen Safe Space für FLINTA* begeben – ja okay, dann kann ich vielleicht in eine Frauenfußballmannschaft gehen. Aber dann habe ich einen Trainer, einen Flaschenwart, einen Physiotherapeuten, einen Konditionstrainer. Einen Raum, der wirklich nur FLINTA*-Personen gehört, muss man aktiv schaffen und, wie sich zeigt, auch verteidigen.“

Die Fahrrad-Community ist, da herrscht in der Gruppe Konsens, „total männlich dominiert“. Magdalena, Hanna und Tara erzählen von Online-Belehrungen und davon, dass sie sich ständig erklären müssen, etwas, das männlichen Fahrradvereinen nie passiert.

Online werden die Spicy Cycling Girls regelmäßig darüber belehrt, wie diese oder jene Sache sei, als ob sie das nicht wüssten. „Man bedankt sich vielleicht noch beim ersten Mal und sagt: Danke für den Hinweis, wir sind seit so und so vielen Jahren eingetragener Verein“, erzählt Tara, „dann kommen fünf weitere Nachfragen, die manchmal auch in Beleidigungen enden. Dann kommt: Ich habe es doch nur gut gemeint, reg dich nicht so auf.“ Sie hält kurz inne. „Schickst du das dem anderen Fahrradverein auch, den es hier in Salzburg gibt? Hast du die auch gefragt, ob die das eigentlich wissen? Ich glaube nicht.“

Es geht um mehr als nur nervige Kommentare. Tara erzählt: „Wir erleben, dass an ganz vielen Kreuzungen, die wir jeden Tag passieren, unheimlich viele Ghostbikes stehen. Das sind weiße Fahrräder, die Stellen markieren, an denen Fahrradfahrer:innen zu Tode gefahren wurden. Das passiert am laufenden Band. Wir haben tatsächlich auch eins unserer Vereinsmitglieder durch einen Unfall verloren, bei dem sie von einem rücksichtslosen Fahrer zu Tode gefahren wurde und der Fahrer hat Fahrerflucht begangen. Das heißt, es passiert in unserem direkten Umfeld. Sie war Teil unseres Vereins und war auch bei Lunar Rides.“

Auch deshalb ist Sicherheit bei den Rides zentral: Handzeichen werden erklärt, die Leaderin wird nicht überholt, die Gruppe bleibt zusammen.

Personen, die nach Unfällen oder Belästigung Angst hatten, alleine Rad zu fahren, haben über die Gruppe wieder den Weg aufs Rad gefunden. „Das bestätigt die Wichtigkeit, warum es das braucht“, sagt Tara.

Helm auf, Lichter an, in der Gruppe bleiben

Bei den Spicy Cycling Girls gilt: ABAB – „All Bikes Are Beautiful“. Gravel, Rennrad, Mountainbike, Stadtrad, E-Bike – alles ist willkommen. Es geht nicht um Leistung, nicht um Equipment, nicht darum, wie man aussieht.

„Komm wirklich, wie du willst. Du bist weder zu cool noch zu uncool“, sagt Tara. „Niemand wird geshamed. Wenn du in einer Jeans und T-Shirt kommst, wirst du genauso wenig geshamed. Du kannst auch mit einem 5.000-Euro-Fahrrad kommen. Ist uns egal.“ Was zählt: Helm auf, Lichter an und in der Gruppe bleiben.

Die monatlichen Lunar Rides finden immer bei Vollmond statt. Das sind abendliche Touren, bei denen die Gruppe dem Mond entgegenfährt. „40 Frauen mit dem Fahrrad in der Nacht und der Mond über uns – ich kriege jetzt immer noch Gänsehaut“, erzählt Magdalena.

Neben den Lunar Rides veranstalten die Spicy Cycling Girls auch Alleycats, das sind offene Radrennen, bei denen es nicht um Geschwindigkeit geht, sondern ums Entdecken. Man bekommt Hinweise, muss Orte finden, es ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd, weniger ein Wettrennen, mehr ein Abenteuer auf zwei Rädern. Diese Alleycats sind offen für alle, nicht nur FLINTA*-Personen, und enden gerne mal bei Fanzy Bikes auf ein Getränk.

Dann gibt es noch die PP-Rides: Peaches and Prosecco. Der Name klingt nach gemütlicher Ausfahrt und das ist es auch, aber mit einem sehr konkreten Hintergrund: Gemeinsam werden öffentliche Toiletten entlang der Radrouten abgeklappert. Gibt es überhaupt öffentliche Toiletten? Wie sind die eingerichtet? Kann ich dort als menstruierende Person wirklich aufs Klo gehen? Wer regelmäßig Rad fährt, weiß: Das ist eine Frage, die FLINTA*-Personen ganz anders betrifft als Cis-Männer, die sich im Zweifelsfall hinter den nächsten Busch stellen. Die PP-Rides machen aus dieser alltäglichen Hürde eine gemeinsame Erkundungstour, mit Pfirsich und Prosecco in der Rahmentasche.

Struktur und Community

Wie viele sind die Spicy Cycling Girls? Kommt drauf an, wie man zählt. Es gibt 37 Mitglieder im Verein, über 150 in der WhatsApp-Gruppe und unzählige, die sich von den Rides inspirieren lassen, ohne je „offiziell“ dabei zu sein. Die Community spannt sich von Studierenden über Alleinerziehende bis zu Magdalenas Mama (64, ältestes Mitglied, „Hallo Mama!“). Bei den Rides waren schon Einjährige im Anhänger dabei und Mutter-Tochter-Duos auf dem Rad.

Die Orga läuft digital über Video-Calls, Trello und WhatsApp, weil nicht alle immer in Salzburg sind. RIP Skype, das haben sie erst gemerkt, als es weg war. Bei den Spicy Cycling Girls gibt es monatliche Meetings, viel ehrenamtliche Arbeit, kein Vereinslokal, aber dafür eine ganze Menge Herzblut.

Politisch ist der Verein klar aufgestellt: Die Alleycats sind offen für alle. Die Lunar Rides sind FLINTA*-only. Das ist kein nettes Extra, das ist ein aktiv geschaffener und verteidigter Safe Space. Tara bringt es auf den Punkt: „Cis-Männer bewegen sich den ganzen Tag unwissentlich in Cis-Männer-Safe-Spaces. Wie viele Büros oder Werkstätten kennt man, wo nur Männer arbeiten?“ Für FLINTA*-Personen muss so ein Raum erst gebaut werden.

Vereinsmitglied kann jede Person werden, aber Stimmrecht bei der Jahreshauptversammlung haben ausschließlich FLINTA*-Personen. Wer kein Stimmrecht hat, ist als außerordentliches Mitglied trotzdem willkommen: Support, ohne Raum einzunehmen, so geht Allyship. Und Tara fügt hinzu: „Ich habe noch nie einer FLINTA*-Person den Grund erklären müssen, warum es diesen Verein gibt. Es war allen sofort klar.“

Dreckig, ehrlich, empowernd

„Bei uns ist es trotzdem oft einfach dreckig, überall Flecken, irgendwelche Ölschmiere, Blut“, sagt Hanna. „Wenn ein Reifen zum Flicken ist, dann hilft die ganze Gruppe zusammen und da heißt es halt Hand anlegen“, erzählt sie weiter, „und da werden wir immer irgendwie stärker und lassen uns auch nichts mehr gefallen“.

In regelmäßigen Workshops empowern sie sich gegenseitig: Reifen wechseln, Schläuche flicken, das eigene Rad verstehen lernen. Klingt basic, ist es aber nicht, wenn man als FLINTA*-Person in einer Radwerkstatt steht und sich erst mal erklären muss, bevor einem jemand zutraut, einen Inbusschlüssel halten zu können. Magdalena kennt das: „Ein Klischee wäre, dass man sich nicht selbst um sein Rad kümmern kann oder keinen Reifen wechseln kann. Wir machen immer wieder Workshops, wo wir bewusst FLINTA*-Personen empowern, dass sie das auch selbst können. Das hat auch was mit Sicherheit zu tun.“

Das macht unabhängig. Tara erzählt, dass sie inzwischen „mit zwei Handgriffen fast blind“ aus ihrer Fahrradkiste auswählen kann, was sie unterwegs braucht, und genau weiß, welchen Schlauch sie für welches Fahrrad nimmt. Dieses Wissen kommt nicht vom Googeln. Es kommt vom gemeinsamen Machen.

Snack-Tipps von der Radlgäng

Was nehmen die Spicy Cycling Girls auf ihren Touren eigentlich gern als Proviant mit? Magdalena braucht nicht lang überlegen: „Immer diese sauren Gummibälle, also Hitschies. Aber was auch gut geht, immer so zum mix it up, Karotten – finde ich super.“ Süß und salzig, Zucker und Gemüse, die Balance muss stimmen.

Tara hingegen hat einen Geheimtipp, der nach Bikepacking-Masterclass klingt: „Ich habe neulich Kartoffeln gekocht und die dann mit ein bisschen Butter und ganz viel Salz in ein Ziplock-Bag getan und dann noch sicherheitshalber ein zweites Ziplock-Bag drüber.“ Das Ganze wurde in die Frame-Bag gequetscht, „wie so ein Block Schokolade, halt aus Kartoffeln“.

Und Hanna? „Süß geht immer. Gummibärli und saure Zungen. Perfekter Snack.“

Man merkt: Auch beim Essen herrscht hier kein Dogma. Keine Energieriegelpflicht, kein Ernährungsplan. Hauptsache, es schmeckt und bringt einen nach Hause.

All Bikes Are Beautiful

Die Spicy Cycling Girls sind nicht nur ein Verein, sondern eine Bewegung, die wächst. Nicht weil sie laut sind, sondern weil sie einen Raum schaffen, der fehlt. Magdalena sagt: „Ich finde es gar nicht wichtig, dass die Leute wirklich kommen, sondern, dass die wissen, dass es das gibt.“

In Wien wird gerade etwas Ähnliches gegründet, inspiriert von den Spicy Cycling Girls. „Wir sind zuversichtlich, dass das mehr wird“, sagt Hanna. So was müsste es überall geben, in jeder Stadt, mit jedem Rad.