Was, wenn wir uns all das nicht mehr gefallen lassen? Was, wenn wir hinter die Fassade blicken, den Bullshit erkennen und beim Namen nennen. Mit dem Album „REDSTAR WU & THE WORLDWIDE SCOURGE“ reitet uns Genesis Owusu diesen Weg vor. Schreiend, rappend oder in Kopfstimme singend (manchmal auch simultan) und fern von jeglichen Genregrenzen ist der Musiker in den letzten Jahren selbstsicher aus dem australischen Underground herausgewachsen. Einflüsse aus Rap, Post Punk und Funk laufen hier ineinander und kreieren ein musikalisches aufregendes Musikfarbenspiel. Mit der Platzierung seines Songs What Comes Will Come im FIFA24-Soundtrack und spätestens mit der Nennung in Barack Obamas Summer Playlist, ist Genesis Owusu auf noch größere Bühnen galoppiert.

Owusus drittes Album beschleunigt die Gangart. Die ersten Singles aus „REDSTAR WU & THE WORLDWIDE SCOURGE“ haben Benzin ins Vorfreude-Feuer gekippt. Über dem Big Beat Songgerüst in „PIRATE RADIO“ schießt der Musiker gegen Tech-Oligarchen und Rapper Ye. Wozu noch diskutieren, wenn die wesentliche Werte eh längst vom Tisch sind? Die Frage stellt Genesis Owusu in der dancy Single „STAMPEDE“ – und beantwortet sie sogleich: Time to start a riot!

„It’s a contrast to my previous work, which is more fantastical and metaphorical “, erzählt Genesis Owusu in einem Interview. Klarer und direkter als bisher, ohne Schleier und Schnörkel benennt er nun Dinge beim Namen – und teilt in der Tracklist gegen Trump, Tate und Konsorten aus.

Begriffe von Rechtsaußen, die in den Mainstream kriechen. Scheindebatten über grundlegende Menschenrechte. Und darunter: die immer schiefer hängende globale Ungerechtigkeit. Owusus krallt sich an den großen Themen der Gegenwart fest – und bricht sie in mundgerechte Stücke herunter. Durch die vierzehn Songs zieht sich das Mantra: Wenn die unteren 99% gegeneinander kämpfen, dann tätschelt das oberste 1% ihre vollen Bäuche.

Somebody needs to say what needs to be said

Während die Welt um sie loderte, zogen sich Genesis Owusu und sein Produzent Dann Hume in die weitläufige Landschaft Wales zurück. Statt in Anbetracht der gegenwärtigen Situation zu resignieren, tüftelten sie in einer entweihten Kirche an dem Album. Vereinzelt erinnern die gerappten, gesungenen oder inbrünstig geschrienen Texte an dringliche Predigten. Die weltweite Plage steckt schon im Albentitel, im gleichnamigen Song „THE WORLDWIDE SCOURGE“ skizziert er sie:

Everybody keep smiling in my face like it’s a motherfuckin’ game / Like the sea ain’t turn to stone and the acid into rain / Like a dollar sign can clear the ethics, morals and the shame / Elect a Nazi sympathizer top the motherfuckin’ frame

Käufliche Politik, verschlossene Augen und rechte Hegemonie: Es ist mit großem Abstand der deprimierendste Song des Albums. Mit dem lyrischen Geschick, nach dem so manche:r Kolumnist:in trachtet, seziert Owusu den Whataboutism liberaler bis rechter Diskursführung.

The feds have the easiest job that I can hither / Crack your knuckles, boot up Twitter, disperse a word ever bitter / Say Africans ain’t black, trans people are the sinners / Palestine hates gays, then kick your feet up while we bicker

Ist Galopp die schnellste Pferdegangart, so zerschmettert Genesis Owusu mit „REDSTAR WU & THE WORLDWIDE SCOURGE“ die Schallmauer. Der Überschallknall poppt, wenn seine schnellen, prägnanten Rap-Passagen, in Punk-Madness umkippen – oder gar in soulige Gesänge aufgehen. Untermauert von noch kleinteiligeren und vielschichtigeren Klangbetten. Dieser Mix vereint Musikwelten und holt sowohl Fans von sperrig-gitarrigen Tunes wie auch Rap-Heads ab. Owusu ist ein Grätschen-Star. Auf seinem neuen Album steht er nochmal breitbeiniger da – ohne jedoch jemals durchzuhängen. Es ist ein überwältigendes Album, streckenweise vielleicht sogar überfordernd.

Im Kern steckt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ohne Tate-Brüder, Superreiche und korrupte, rechte Politiker. „All that stuff can create apathy and indifference. Telling about the stater of the world is a necessity for me. But carrying that with hope and this element of community has to go hand-in-hand.“, legt Owusu dar. „They up in the yacht but we in the same boat“ singt er über gitarrige RnB-Beats in „SITUATIONS“.

„People think it’s unrealistic to make a change“, führt der Musiker fort. „But it’s not! We already have done it in the past. We thought for our freedom and won.“ „REDSTAR WU & THE WORLDWIDE SCOURGE“ spiegelt die Dunkelheit und bläst Wind in die Segel für den Kampf für Gerechtigkeit – sowohl auf der Mikro- als auch Makroebene. Keep on fighting!