Es war einer dieser absurden Mai Tage, ausgerechnet ein Montag, grau und schrecklich verregnet. Eigentlich ein perfekter „Lass uns zuhause bleiben“-Tag, aber Glen Hansard war mit seiner Band in der Stadt und spielte ein Konzert im Gasometer in Wien. Nach seinen letzten zwei Auftritten in Österreich im prunkvollen Konzerthaus-Saal sollte das endlich wieder ein Gig in einem „abgerockteren“ Ambiente werden, wo man zum Eröffnungs-Riff des Opener-Songs „Revelate“ eben nicht nach rechts und links schauen muss, ob sich schon jemand traut, aufzustehen, sondern wo man gleich von Anfang dabei ist: Wo man laut mitsingt und berührt zuhört, überrascht wird vom Discharge-Cover „Drunk With Power“, nur um drei Songs später dann ein irisches Volkslied wie „Carrickfergus“ zu hören. Und die ganz streberhaften bewegen sich dann schon zur letzten Zugabe „Passing Through“ glücklichen Schrittes Richtung Garderobe, um ja nicht in eine Warteschlange zu geraten.

Geregnet hat es am Nachhauseweg dann nicht mehr. „This Gift“ musste dann auf der langen Ubahn-Fahrt herhalten: als bester Song aus der Feder Glen Hansards und als perfekte emotionale Zusammenfassung eines schönen Konzertabends mit Freund:innen:

In den frühen Morgenstunden des 29. Juli ist Glen Hansard bei einem Motorradunfall in Dublin ums Leben gekommen.

Aufgewachsen in Dublin, hat Glen Hansard mit 13 Jahren als Straßenmusiker begonnen und 1990 seine Band The Frames gegründet. Die erste Demo-Aufnahme in einem „echten“ Studio hat ihm damals seine Mutter mit einem Kredit finanziert. Sechs Alben haben die Frames releast – einige Highlights im Schnelldurchlauf: „Fitzcarraldo“ von 1995 mit dem gleichnamigen Song, der auf keiner Glen-Hansard-Setliste fehlen durfte, 1999 dann „Dance The Devil“ mit seinem hymnischen „Star Star“ und das von Steve Albini produzierte, 2001 erschienene „For The Birds“-Album, das schon ahnen ließ, welch großen Karrieresprung Glen Hansard als Songwriter dann machen würde: vom Gürtellokal auf die Oscar-Bühne.

Seine erste Rolle als Schauspieler hatte er 1991 als Gitarrist Outspan Foster in dem Musikfilm „The Commitments“; 2007 spielte Hansard in „Once“ an der Seite der tschechischen Musikerin Marketa Irglová einen Straßenmusiker. Mit dem Song „Falling Slowly“ gewinnen die beiden 2008 den Oscar für Best Original Song und veröffentlichen unter dem Namen The Swell Season drei Alben. „Once“ wird außerdem erfolgreich als Musical adaptiert und gewinnt 2012 gleich acht Tony Awards. Neben den Frames und Swell Season veröffentlicht Glen Hansard auch Soloalben. Das oben zitierte „This Gift“ findet sich als Bonustrack auf seinem Debüt-Soloalbum „Rhythm and Repose“.

„I’ve always been more comfortable on stage than in a studio. I love making records. I love the process. But the song lives before an audience. A song needs witnesses. It´s where I feel like I can really grab hold of it!“ ,hat Glen Hansard anlässlich des Releases seines Livealbums „Don+t Settle“ gesagt. Als Performer konnte er in dem einen Moment ein erzählerischer Poet wie Leonard Cohen sein und im nächsten dann den 90er Jahre Laut-Leise-Alternative-Rock heraufbeschwören. Zuhause war er in beiden Welten.

Bei seinem letzten Konzert in Wien hat er die Anekdote erzählt, wie er sich seine erste AC/DC-Platte gekauft hat und wie sehr er Angus Young bewundert hat. Glen Hansard war von Beruf Musiker, aber von der Berufung her Fan. Man höre nur sein Track-Star-Interview zum Beispiel, oder lese die ersten Reaktionen seiner Freund:innen auf seinen Tod: darunter Warren Ellis von den Bad Seeds bzw. Dirty Three: „Always above and beyond. And always about the music the blah blah the dogs and the meaning of it all.“

Das irische Fernsehen erinnert an Glen Hansard als „troubadour and leader“, der auf den Straßen Dublins die „university of life“ begonnen hat und sich in seiner Heimatstadt zum Beispiel für Obdachlose engagiert hat. Seit 2010 ist er jedes Jahr an Heiligabend in seine gute alte Straßenmusiker-Rolle geschlüpft, um Spenden zu sammeln. Sein Tod schmerzt, weil seine Hingabe an dieses Musiker-Dasein so leidenschaftlich, so neugierig, so melodisch schön war. Zum Abschluss also seine eigenen Worte:

„Our only duty in this life is to destroy the stage, to destroy the idea of art as a higher ideal. We are all gifted with expression and like a muscle it needs only training and attention, to become all it´s been given, the potential to be… friend.“

Rest in Peace, Glen.