Tommy ist ein Bad Boy. Dicke Goldketten samt Techno-Undercut-Frisur prägen sein Äußeres, während Drogen, Alkohol, Sex und Gewalt sein Leben bestimmen. Mit Vergnügen stellt Tommy „lässige“ Kurzvideos seiner Schandtaten ins Netz.
Jan Komasa, der Regisseur des Films „Good Boy“, etabliert dieses – bald bisherige – Leben in nicht einmal fünf rasanten Anfangsminuten Marke „Trainspotting“. Komasa gilt spätestens seit seinem 2020 oscarnominierten „Corpus Christi“ als Name, der filmisch Interessantes verspricht. Sein grandioser Film über einen Fake-Priester nach wahren Begebenheiten verhandelt einige der Lieblingsthemen des polnischen Filmemachers wie Moral, Traumata und Gemeinschaften.
Tommy jedenfalls wacht nach einer weiteren seiner exzessiven Nächte in einem dunklen Keller auf einer schäbigen Matratze auf und ist angekettet wie ein Hund. Tommys Entführer und gewissermaßen Kerkermeister heißt Chris. Er ist ein grundsolider wie allzu besorgter Familienmensch, dazu vielleicht etwas übertrieben penibel. Überhaupt wirkt die gesamte Familie oftmals etwas zu nett, zu engagiert, zu bemüht. Chris lebt zusammen mit Gattin Kathryn und Sohn Jonathan in einem ebenso großzügigen wie abgelegenen Haus irgendwo im Norden Englands.
Tommy in seinem Keller wird fortan mit Naturklängen und Anti-Aggressions-Lektionen beschallt. Manchmal muss er sich gemeinsam mit Chris und Kathryn die von ihm selbst hochgeladenen TikToks ansehen. Das Ziel ist klar: Tommy soll wieder ein, wie der Filmtitel besagt, „Good Boy“ werden.
Übrigens ist Tommy nicht der einzige „Gast“ des Hauses. Da ist außerdem die neue Hausangestellte, die zu Filmbeginn eingestellt wurde, und zwar samt Verschwiegenheitsklausel etc. pp. Den Reinigungsjob abzulehnen, war ihr aufgrund von Problemen mit der Aufenthaltserlaubnis sowieso nicht möglich. Auch sie befindet sich also in einer Zwangslage und wird gleichzeitig immer mehr zur Familie gehören.
So wie Tommy, dessen fortschreitende Besserung ihm einen immer größeren Bewegungsradius erkauft, bis er sogar sein eigenes Zimmer oben, neben den anderen bekommt. Das Kettenhalsband, über das er an ein ausgeklügeltes Schienensystem quer durchs Haus angebunden ist, wird allerdings sein Begleiter bleiben.
Regisseur Jan Komasa sagt über die Geschichte, sie knüpfe an Themen an, die er seit längerem verfolge: „Familie und Gemeinschaft als Systeme, die uns sowohl schützen als auch gefangen halten“.
Uhrwerk Orange 2.0
Als (im Freudschen Sinne) Über-Vater Chris, der selbst Gesetz sein will, brilliert Stephen Graham. Der Brite ist bekannt als Hauptdarsteller und Co-Erfinder der bejubelten Miniserie „Adolescence“. In der Rolle der Kathryn als depressiv esoterisches Mutterwesen ist Andrea Riseborough zu sehen. Anson Boon gibt einen kämpferischen, später einsichtigen, dabei manipulativen Tommy, eventuell mit Anzeichen des Stockholm-Syndroms.
Mit „Good Boy“ hat Komasa einen Film geschaffen, der ein Nachfahre von „A Clockwork Orange“ ist und den auch ein Hauch Michael Haneke durchweht. Klar und düster inszeniert wie schon frühere Filme, ist auch das neue Werk dieses Regisseurs Psychogramm, Moralstück und Gesellschaftskritik, inklusive filmischen Verweisen auf Ken Loach oder Ray Bradbury.