Mit dem dritten Album ist es immer so eine Sache. Die große Frage: Schafft es den Spagat zwischen Signature Sound und Weiterentwicklung? Gracie Abrams’ „Daughter from Hell“ muss sich diesem größten aller Pop-Tests nun unterziehen – grundsätzlich erstmal unter mehr als guten Vorzeichen. Gütesiegel von Taylor Swift, eine Grammy-Nominierung als Best New Artist, eine treue Fanbase: Was kann da schon schiefgehen?

Diese Fanbase liebt Gracie Abrams für das selbstzerfleischend-erzählerische Songwriting hinter ihren Sad-Girl-Songs, von denen es auch auf „Daughter from Hell“ gleich 16 gibt. Entstanden sind sie unter anderem mit Bon Iver und Aaron Dessner von The National – zwei Namen, die auch maßgeblich an Taylor Swifts „folklore“ beteiligt waren und sich daher einigermaßen gut mit Sad-Girl-Musik auskennen.

Ein berühmter Boyfriend als Songwriting Buddy

Thematisch bewegt sich „Daughter from Hell“ auf dem vorhersehbaren Spektrum des Erwachsenwerdens: Liebe, Schmerz, Anxiety. Stichwort Liebe: Gracie Abrams lebt den Traum zahlloser Frauen mit über zehn Stunden Bildschirmzeit. Sie ist mit Schauspieler Paul Mescal zusammen, mit ihm schrieb sie den Track „Imaginary Friend“. Ein schlauer Schachzug – nicht nur, weil der Song eines der Highlights ihres neuen Albums ist, sondern weil die Beteiligung von Mescal den Track für Fans mit Neigung zur Swift’schen Analysearbeit besonders interessant macht.

Während ihre Stimme shaky, zart und so kursiv wie eh und je klingt, traut sie sich soundtechnisch mehr als bisher. Neben erwartbarem Bedroom Pop gibt es da zum Beispiel den vergleichsweise fast schon rockigen Titeltrack „Daughter from Hell“, der eine lautere, wütendere Gracie zeigt. Neben der poppigen Single „Look at my Life“ sticht vor allem „Minibar“ hervor, der gemeinsam mit Gracies langjähriger Kollaborateurin, der Musikerin Audrey Hobert entstanden ist, die mit spaßigen Songs wie „Sue Me“ gerade ihr eigenes Ding macht.

Daughter from Hell oder Nepo Baby?

Seit Beginn ihrer Karriere muss Gracie Abrams insbesondere gegen einen Vorwurf ankämpfen: Als Tochter von J.J. Abrams und Produzentin Katie McGrath sei sie ein Nepo Baby, also jemand, der in erster Linie aufgrund der Connections seiner berühmten (und somit reichen) Eltern erfolgreich werden konnte. So jemand könne doch nur oberflächliche Musik machen, wisse gar nicht, was es wirklich bedeutet, sad zu sein. Ein gemeiner und blödsinniger Vorwurf, der mehr über diejenigen aussagt, die ihn vorbringen, als über Gracie Abrams’ Musik. Denn dass Geld und Fame nicht zwingend glücklich machen, ist ein Tale as old as Time, an das „Daughter from Hell“ immer wieder erinnert.

Auch wenn nicht jeder Track auf „Daughter from Hell“ im Gedächtnis bleibt, schafft Abrams damit die Hürde des dritten Albums. Die 16 Tracks zeigen, dass sie auch anders kann als bisher, aber nicht zwingend muss. Und dass sie derzeit die unangefochtene Chefin der Sad Girls ist. Irgendwer muss ja übernehmen, jetzt wo Taylor Swift glücklich verheiratet ist.