Daniel Haaksman versteht beides. Seit zwanzig Jahren reist der Berliner Musikjournalist, DJ, Produzent und Labelbetreiber nach Rio, hat gehört, übersetzt, nachgeforscht und jetzt ein Buch daraus gemacht. Dass er dabei auch selbst kein unbeschriebenes Blatt ist, versteht sich: 2004 veröffentlichte Haaksman die Compilation "Rio Baile Funk – Favela Booty Beats" und brachte den Sound der Favelas als einer der Ersten in den globalen Markt. Ein Jahr später gründete er sein Label Man Recordings, das seither über unzählige Releases veröffentlicht hat und Artists wie Diplo, Crookers oder Gotan Project mit dem brasilianischen Funk verband, lange bevor der Begriff in irgendeinem Algorithmus auftauchte.

Das Buch: 50 Songs, hundert Jahre Stadtgeschichte

Das Buch "It Began in Ipanema" ist jetzt bei Sorry Press in München erschienen. Es ist kein Reiseführer durch Rio im klassischen Sinn. Es folgt weder einer Karte noch einer Chronologie. Stattdessen führen 50 Songs durch hundert Jahre Stadtgeschichte: von 1917 bis 2024, von Samba-Klassikern bis zu Baile-Funk-Hymnen, die heute vielgespielte Tracks auf TikTok und Spotify sind.

Musik als Portal

Musik als Portal – das ist die Idee des Buches. Daniel Haaksman beschreibt, wie er als des Portugiesischen nicht mächtiger Gringo in Rio ankam und über Songtexte langsam Zugang fand zur Stadt, zu ihrer Geschichte, ihrem Slang, zu ihren sozialen Codes. Er fing an zu übersetzen, Entstehungsgeschichten zu recherchieren, Künstlerbiografien zu rekonstruieren. Daraus entstand nicht Touristenliteratur, sondern das Porträt einer einzigartig diversen Stadt anhand ihrer Musik.

Drei Songs, drei Perspektiven

Die drei Songs, die er für FM4 Homebase als Beispiele ausgewählt hat, zeigen die Bandbreite. "Rap do Silva" von MC Bob Rum ist einer der ersten großen Baile-Funk-Hits der frühen Neunziger und gleichzeitig ein früher Meilenstein des sozialkritischen Funks: die Geschichte eines Familienvaters, der am Wochenende auf die Party geht und in eine Schießerei gerät.

"Putodiparis" wiederum samplet einen Bossa-Nova-Klassiker von Chico Buarque über einen Bauarbeiter, der vom Gerüst fällt, und rappt darüber eine aktuelle Realität: Perspektivlosigkeit, Drogenhandel, die Schattenseiten des Überlebens. Wer kein Portugiesisch versteht, hört einen harmlosen Bossa Nova. Wer es versteht, hört Gangsterrap.

Und "Black Future" von Eu Sou o Rio handelt vom Stadtteil Lapa, dem Boheme-Viertel der Achtziger, wo sich Post-Punk mit Samba traf, wo erste elektronische Einflüsse aus dem Ausland auf lokale Traditionen stießen, kurz bevor die Militärdiktatur endete.

Rio als Laboratorium der Moderne

Daniel Haaksman sieht Rio als Laboratorium der Moderne. Die Stadt hat internationale Einflüsse seit jeher nicht imitiert, sondern transformiert: Bossa Nova in den Sechzigern, Baile Funk seit den späten Achtzigern. Baile Funk, in Brasilien schlicht „Funk“ genannt, entstand in den Achtzigern in den Favelas von Rio, beeinflusst von Miami Bass und Hip-Hop, und ist heute – gemessen an Streams und viralen Clips – das meistgehörte Tanzmusikgenre der Welt.

Vom Baile zum globalen Trend

Baile Funk, Carioca Funk, erfindet sich ständig neu, bringt Subgenres hervor, klingt gegenwärtig, klingt zukunftsorientiert. Was auf TikTok viral geht, machen Produzenten in Norwegen, Russland, Osteuropa – wo auch immer.

Sie haben die Rhythmen des Funk Carioca aufgegriffen und mit Phonk fusioniert – einem finsteren Hybrid aus dem Memphis Rap der Neunziger, der in Osteuropa zum aggressiven Drift Phonk mutierte, bevor er auf die brasilianischen Beats traf. So entstand ein neues Hybridgenre, das außerhalb Brasiliens „Brazilian Phonk“ heißt, in Brasilien selbst aber kaum jemand so nennt.

„Es ist ChatGPT-Funk“

Die Tänzerin, Veranstalterin und Direktorin der Frente Nacional de Mulheres no Funk (National Front of Women in Funk), Renata Prado, hat das kürzlich trocken auf den Punkt gebracht: „Es ist ChatGPT-Funk.“ Ein Satz, der die soziokulturelle Dimension des brasilianischen Funk verdeutlicht: „Wie soll jemand Funk machen, ohne je auf einem Baile gewesen zu sein, ohne erlebt zu haben, wie er von der Polizei aufgelöst wird?“

Fazit: Ein Kompass für den digitalen Soundbrei

Rio schickt also einen Sound in die Welt, der sich dort verwandelt, zurückkommt und millionenfach geteilt wird – und niemand mehr weiß, wo er herkommt. Das ist die Bonusrunde, zu der Daniel Haaksman schreibt, und es ist ein gutes Argument für sein Buch, das dabei hilft, durch den dekontextualisierten, algorithmisch gesteuerten digitalen Soundbrei zu navigieren.