Strenger Blick, kahlrasierter Kopf, Trainingsanzug. Jugo Ürdens steht irgendwo auf einem Dach auf einem Laufband. Er singt darüber, mit dem Rauchen aufzuhören, auch mit dem Saufen, stattdessen wird gelesen, Fisch gegessen, gespart. „Es ist verrückt, wie viele mir geschrieben haben“, erzählt er im FM4-Interview. „Der eine schreibt mir, er bereitet sich mit dem Song für den Marathon vor, der andere sagt mir, der Song hat ihm dabei geholfen, sober zu sein.“

„Für Mich“ wurde schon lange angeteased. Seit fast einem Jahr veröffentlicht Jugo Ürdens einzelne Songs aus seinem vierten Album und postet zu den Songs Videos auf Instagram. Einige davon gehen viral, viele Menschen können relaten, der Sound und die Themen kommen an.

Die „uncoolste Era“

Jugo Ürdens hat seine Wurzeln ja eher im klassischen Deutschrap, war auch bei Division in Berlin gesignt (wo etwa Rin unter Vertrag steht). Dieses Kapitel ist aber schon länger abgeschlossen. „Für mich“ ist recht weit weg von dem, was er noch vor paar Jahren gemacht hat. Im FM4-Interview erzählt er: „Es ist der Versuch, das uncoolste Album was geht zu machen – die uncoolste Era.“ Er wolle nicht mehr „nur nach links und rechts schauen, sich vergleichen und versuchen, cool zu sein.“ Sich davon loszulösen war für ihn vor allem eines: befreiend.

Jugo Ürdens ist in ein Genre eingetaucht, das aktuell sehr viel bespielt wird. Deutschsprachiger Indie-Pop, nach vorne treibende Beats, bisschen Gitarren. Gesungen wird über alles, was junge, urbane Menschen so beschäftigt. Also häufig geht’s dann irgendwie um Kaffee, Tschick, Party machen und manchmal traurig sein. Manchmal geht die Rechnung auf, manchmal nicht. Musikalisch fallen zwar die meisten Tracks voll in das klassische deutsche Indie-Schema rein. Trotzdem ist „Für Mich“ ein wirklich gutes Album – und Jugo Ürdens eine erfrischende Abwechslung innerhalb des Genres.

Zum einen steht es Jugo Ürdens einfach. Der Genre- und Vibewechsel bringt eine gewisse Leichtigkeit mit sich, die seiner Musik sehr gut tut. Die Distanz zu ihm als Person ist geringer geworden, man ist näher an ihm dran. Es entsteht ein neuer Eindruck: Der ist nicht so mega hart, er nimmt sich selbst nicht extrem ernst. Salopp delivered er Lines, die gleichzeitig scharf, sympathisch und witzig sind. Er selbst sagt im Interview, der Genrewechsel war für ihn „wie wenn man einem Kleinkind ein neues Spielzeug gibt.“ Diese pure Freude am Schaffen und sich neu Erfinden hört man ihm auch einfach an.

Von Selbstoptimierung bis zu performative Males

Auch das Storytelling liegt ihm. Er spricht vieles an, was wohl so einige junge (und auch nicht mehr so junge) Erwachsene beschäftigt: Der Selbstoptimierungswahn („Für Mich“), die Überforderung mit dem Leben („Kopf Hoch“), die Sehnsucht nach früheren Zeiten („Nie wieder“) und auch das Aufwachsen und die Identität als Migrant:in („Aus Prinzip“). Über solche lebensnahen Situationen gut zu schreiben, ist eine Kunst: wie schafft man es, dabei weder prätentiös noch belanglos zu klingen? Jugo Ürdens gelingt das auf diesem Album besonders gut. Er arbeitet sich nicht einfach nur an der Quarterlife-Crisis ab, fast jeder Track hat etwas Spannendes an sich. Jugo Ürdens analysiert haarscharf, er spielt mit Gegensätzen und lenkt Songs plötzlich in eine ganz andere Richtung.

Auf „Für Mich“ besingt er etwa zuerst mal die Selbstoptimierung und eine Art Clean-Boy-Lifestyle, fragt dann aber: „Sag mir, warum hat das nichts gebracht? Sag mir, warum mich nichts glücklich macht?“, nur um dann im zweiten Teil des Songs komplett umzudrehen und den Exzess wieder hochleben zu lassen. Auch „Dagegen“ ist so ein Track, der überrascht. Der Song kommt freundlich daher, hat eine süße Melodie, der Inhalt ist aber scharf: Jugo Ürdens und Carlo5 kritisieren hier performativ politische Menschen, die zwar Haltung zeigen, aber nur für die Sympathiepunkte und auch nur, wenn’s für sie selbst bequem ist.

„Es ist einfach echt vieles performativ“, sagt Jugo dazu im Interview. „Ich sag aber nicht, dass ich einen Millimeter besser bin, ich bin auch Teil des Problems.“ Inspiration für diesen Song kam von der Zartmann-Line: „Ich schrei Fick die AFD, ich frag mich wirklich, wer die wählt“, die er im Track auch leicht abgewandelt hat:

15 Euro für ein’ Toast, und du gehst trotzdem immer hin

Das alles funktioniert unter anderem deswegen so gut, weil Jugo Ürdens ganz genau beobachtet. In „Kopf Hoch“ singt er von der viel zu großen, ausgebeutelten Tasche seiner Freundin, in der sie nie was findet und deren Reißverschluss wahrscheinlich noch nie funktioniert hat; von 15-Euro-Käse-Toasts in ihren übervollen Lieblingscafés, wo sie aber doch immer wieder hingeht. Seine Texte leben von diesen kleinen Details und Kniffen, da geht’s gar nicht anders, als hin und wieder zu schmunzeln.

Jugo Ürdens sagt selbst, er war noch nie so stolz auf etwas wie auf dieses Album, das ohne Label und völlig independent entstanden ist. „Es kommt auch einfach viel besser an (als vorige Releases, Anm.) und ich glaube, aus einem einfachen Grund: Ich kann niemandem die Schuld geben“, erzählt er im Interview. „Ich bin halt die letzte Person, die alles entscheidet. Und wenn irgendwas scheiße ist, dann kann ich es halt auch nur auf meine Entscheidungen zurückführen.“ Genau das hört man „Für Mich“ auch an. Das Album klingt nicht wie ein kalkulierter Genrewechsel, sondern nach einem Künstler, der endlich die Musik macht, die ihm so richtig liegt.