„Summertime and the living is easy“ wird im berühmten Lied von George Gershwin gesungen. Tausende Autos fahren in Richtung der Urlaubsorte Europas. Vollgestopft mit lächelnden Kindern, aufblasbaren Bällen und Schwimmnudeln aus Schaumstoff.
Die Urlauber:innen drücken mit Freude aufs Gaspedal: Sie haben schließlich das ganze Jahr darauf gewartet, in den Süden zu fahren und die Seele baumeln zu lassen. Sie werden dort Cocktails trinken, schreien und tanzen, um zu zeigen, wie frei sie sind. Sie werden sich dort so benehmen, wie sie sich an ihrem Wohnort in Österreich oder Deutschland nie benehmen. Ich habe mal in Spanien eine fast 90-jährige, deutsche Urlauberin gesehen, die Rollschuh fuhr und eine Zigarre rauchte. Ist sie in Hessen auch so drauf?
Auch andere Autos fahren in den Süden. Die Kinder der ehemaligen Gastarbeiter:innen machen sich auf den Weg in die Geburtsorte ihrer Eltern, zum Beispiel in die Türkei. Karawanen von Mercedes und BMWs (die meisten davon Kombis), gefüllt mit allerlei Haushaltswaren, gekauft in Aktion in den hiesigen Diskontern, fahren runter. Diese Gegenstände, denen wir keine Aufmerksamkeit im Alltag schenken, werden zu Statussymbolen, zu Trophäen des westlichen Wohlstands. Frauen mit müden Augen betreuen schlafende Kinder. Es kommt einem so vor, dass es in den Autos kaum Platz für Luft gibt. Sie beeilen sich in Richtung der alten Heimat, auch sie haben das ganze Jahr auf diesen Moment gewartet. Sie drücken aufs Gaspedal; nur ein kurzer Halt an der Tankstelle und es geht weiter, immer weiter.
In zwei Wochen werden alle zurückkehren. In ihren Augen wird man Enttäuschung lesen. Man hat versucht, die große Rückkehr so lang es ging aufzuschieben, aber es geht nicht mehr. Deshalb drückt man wieder aufs Gaspedal, um jede PS herauszuholen, immer weiter in Richtung Sonnenuntergang.