Ich erinnere mich, wie ich als Kind ein Fußballspiel auf dem Dorfplatz in einem von Gott vergessenen Balkanort schaute. Die Gäste waren aus dem Nachbardorf. In einem Moment war das Publikum mit einer Entscheidung gegen „unser“ Dorf nicht zufrieden und die Menschen stürmten den Platz. Der Schiri versank in der Menschenmenge und die Spieler des Gegners retteten sich, indem sie durch den Wald und über den Berg zu ihrem Dorf liefen. Und das war ein Freundschaftsspiel.
Solche Episoden passieren immer wieder in niederen Stufen der Fußball-Ligen der Welt. Vor einigen Jahren kam eine solche Szene aus Bulgarien in den internationalen Sportnachrichten. Ein Spieler war unzufrieden mit der ihm gezeigten roten Karte, er versuchte sie aus den Händen des Schiedsrichters zu nehmen und verfolgte ihn schließlich auf dem ganzen Feld bis zum Parkplatz, wo sich der arme Schiedsrichter in seinem Auto versteckte. Anschließend versuchte er mit seinen Mitspielern und wild gewordenen Fans, das Auto vom Schiedsrichter umzuwerfen. In einem Interview nach dem Spiel behauptete er, dass dieser Schiedsrichter noch glimpflich davongekommen sei.
Die Geschichte kennt den so genannten „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador aus dem Jahr 1969. Damals belästigten die Fans nächtelang die gegnerische Mannschaft, Stadien wurden angezündet und es gab Todesopfer. Vor dem Spiel in San Salvador wurde statt der Fahne von Honduras ein dreckiger Fetzen gehisst. Diplomatische Beziehungen wurden unterbrochen und es begann ein Krieg. Es gab zahlreiche Todesopfer und Hunderttausende verloren ihre Häuser. Natürlich waren die Gründe für diesen Krieg viel tiefer als der Fußball, aber in der Geschichte ging er als „Fußballkrieg“ ein.
Womit wird der Schweizer Fußballfunktionär Gianni Infantino in die Geschichte eingehen? Womöglich mit seiner schamlosen Entscheidung, eine rote Karte von einem amerikanischen Spieler auszusetzen, nachdem ihn Donald Trump angerufen hat. Dass Trump das wirklich machen würde, weiß man schon längst. Aber dafür gibt es ja Regeln, um den Sport vor Politikern mit dem Charakter eines Hooligans zu beschützen.
Leider erwies sich der FIFA-Präsident als rückgratlos. Viele fordern deshalb seinen Rücktritt. Mit einem Rücktritt wird er glimpflich davonkommen. Er könnte ja von gewaltbereiten Fans über einen Berg verfolgt werden, wie meine Dorffreunde mit denen diese Geschichte begonnen hat. Dann wird ihn auch ein Anruf bei Trump, oder selbst beim Papst, wohl kaum retten können.