Der Nino aus Wien hat in den letzten Jahren viel ausprobiert. Vor fünf Jahren veröffentlichte er, gemeinsam mit Ernst Molden, das Soundtrack-Album „Zirkus“ mit Songs übers Clownsein, dann folgte mit „Eis Zeit“ ein waschechtes Sommer- und Urlaubsalbum. Die Platte „Endlich Wienerlieder“ war schließlich eine Verbeugung vor der österreichischen Hauptstadt, letztes Jahr brachte er, produziert von Wandas Manuel Poppe, seine „Wilde Zeit EP“ und ein Stück Retrospektive auf Ninos Leben und Schaffen bis jetzt heraus, rechtzeitig zu seiner Performance bei den Wiener Festwochen.
Lo-Fi-Loneliness
Mit dem Album „Neubau Alone“ wird jetzt alles anders: Songs präsentieren sich beim ersten Hören roh und imperfekt, fast wie Demoversionen oder Skizzen, aus denen dann größere, ausproduzierte Lieder entstehen. Gewöhnt sich das Ohr an den ungewohnten Sound, entdeckt man auf der neuen Platte besonders persönliche, intime Einblicke in das Songwriting des Nino aus Wien. Allein schon wegen der, absichtlich so gewählten, Produktionsweise, in der jedes Knacksen und Knattern, Rascheln und Rauschen nicht versteckt wird, sondern Teil der Songs werden darf.
Lo-Fi nennt man diesen minimalistisch-noisigen Zugang zum Songwriting, Nino ist ein Fan. „Man muss sehr tief in den Untergrund schauen, um sowas zu hören, diese Art von Lo-Fi, Home-Recording-Geschichten. Aber ich höre es halt wahnsinnig gern, immer schon, und habe mir gedacht, wenn es sonst keiner macht, dann mache ich mal so ein Album.“ Für uns ist es ungewohnt, Nino-aus-Wien-Lieder so zu hören, für ihn selbst ist es normal. „Wenn ich ein neues Lied schreibe, nehme ich es meistens so auf, zuerst mal. Irgendwie bin ich draufgekommen, in letzter Zeit, dass ich diese Aufnahmen einfach sehr gern höre.“
„Neubau Alone“ ist nicht nur im siebten Wiener Gemeindebezirk entstanden, wie es der Albumtitel vermuten lässt, sondern an Schauplätzen rund um das künstlerische Schaffen von Nino Mandl. In Simmering und Hirschstetten, Favoriten und in einem Hotelzimmer. Jeder Raum, jedes Studio, jeder Keller, in dem aufgenommen wurde, spielt eine noch größere Rolle als sonst.
Die jeweilige Akustik des Ortes wird dank der Produktionsweise der Platte zum zusätzlichen Instrument. Im Opener des Albums „setz di her“ hört man beispielsweise den Heizkörper im Hintergrund, „das war noch aus Simmering, da war eine ziemlich laute Heizung“. Einmal hört man eine sogenannte Krähenpfeife, Nino hat sie von seinem Nachbarn geschenkt bekommen. Man verwendet sie, um Krähen anzulocken. Die Idee, dass sich plötzlich Vögel aufs Fensterbankerl setzen könnten, während man sich das Album laut anhört, ist besonders amüsant.
Kamelhaardecken und Kakteen
Der Nino aus Wien hat gern verschiedene Objekte um sich herum, wenn er sich zum Musikmachen hinsetzt. Er zieht bestimmte Kleidung an, alles trägt zur Stimmung eines Liedes bei. Das weiß man, wenn man schon so lange Songs schreibt. Weitere Dinge, die sich in den Räumen befunden haben, als „Neubau Alone“ aufgenommen wurde, sind zum Beispiel: eine Mundharmonika aus den späten 1930er Jahren, eine Taschenuhr, ein Tablett von der Weltausstellung 1939, eine chinesische Nordlichtlampe, ein Kugelschreiber und eine Kamelhaardecke. Nino: „Ich umgebe mich gern mit Dingen, die mir gefallen. Diese Kamelhaardecke war schon ein Fund. Auch im Sommer kühlend übrigens, nicht nur wärmend im Winter.“
Ein anderer, stiller Begleiter während der Arbeit an den Songs ist (bzw. war) Pedro, der Kaktus. Fans der letzten EP „Wilde Zeit“ werden sich an den Sukkulenten erinnern. Gerade musste Nino einen neuen kaufen, ein Wasserrohrbruch im Studio, im Raum, in Neubau wurde vom Kaktus nicht überlebt. „Da war es ihm wohl zu feucht,“ sagt Nino und erzählt von der Anschaffung eines Nachfolgers: „Ich war in so einem Kaktusladen und kam mir vor wie im Tierschutzhaus, irgendwie. Alle Kakteen schauen mich an, einer drängt sich so in den Vordergrund und schaut ganz lieb, und den habe ich dann gekauft.“
Die Lieder auf „Neubau Alone“ sind wie die Kakteen, denen man ein neues Zuhause gibt. „Irgendwie fühlt es sich schon so an, bevor ich wieder ein ausproduziertes Bandalbum machen kann, muss ich erstmal tief in den Staub meiner Keller wühlen, um das auszugraben.“ Platz machen für das, was kommt.
Das neue Album ist aber nicht nur ein verspäteter Frühjahrsputz, es soll auch ein Stück Nino-aus-Wien-History sein. Ein außergewöhnliches Hören durch Räume, Orte und Bezirke, durch verschiedene Songwritingphasen und Ideensammlungen. Es geht auch um Neugierde, um das Ausprobieren, was man alles machen kann, um Experimentierfreude. „Es ist wohl besser als man ist in so einem Rad gefangen und macht wirklich immer dasselbe. Das will ich eigentlich nicht. Und es muss auch nicht immer unbedingt gefällig sein, was ich mache.“
Das Album sei nicht gemacht, um jemanden zu ärgern oder zu erschrecken, so Nino, mit dem „seltsamen“ Sound. Er selbst findet das außerdem sowieso nicht seltsam, weil er das schon so lange macht und es einfach ein Teil von ihm ist. „Ich wünsche mir, dass man es durchhört und dann mitnimmt, was man daran findet. Irgendwie ist es schon auch eine kleine Geschichte, die sich für jeden anders erzählt.“ Am 14. August präsentiert der Nino aus Wien „Neubau Alone“, gemeinsam mit Gästen, im Theater im Park in Wien.