Zu den Stirnseiten hin türmt sich der Asphalt zu steilen Kurven, im Zentrum des Ovals betritt Oklou die Bühne. Erwartungsvolle und sehnsüchtige Blicke von Vorfreude getränkt, schießen aus dem Publikumsraum in Richtung Bühne. Oklou ist der Name auf den am zweiten Tag der Pop Messe alle gewartet haben. Das tschechische Festival unweit von Wien ist ein Geheimtipp für progressive und experimentelle Popmusik. Einzigartig ist auch dessen Austragungsort: das Velodrom, eine Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Radrennbahn. Ein skurriler Ort für elektronische Clubtunes, dessen temporäre Umnutzung gewissermaßen als eine Parallele zu Oklou’s musikalischem Profil herhält.

Am Anfang Klavier, später das Cello. Die klassische Ausbildung am Konservatorium prägte die Kindheit und Jugend der französischen Musikerin. Sie wuchs in der Provinz auf, westlich der französischen Stadt Poitiers, fernab von Clubkultur und einer ausgeprägten elektronischen Musikszene. Das Leben am Land, die damit einhergehenden, teilweise Jahrhunderte alten Traditionen sickerten in ihr Musikverständnis. Meist subtil mitschwingend, brechen diese Einflüsse in einzelnen Songs hervor. Die Synthbeats in „rosebud“ erinnern an mellow R&B-Soundästhethiken, sind aber im Modus barocker Musikstücke aufgebaut. Der Track ist Teil ihres 2020 veröffentlichten Mixtapes „Galore“. Der damalige Hyper Pop-Hunger war grollend und groß. Doch Oklou’s Tape war anders. Statt übersteuerter Überdrüberbrachialität setzte die Newcomerin auf verlaufende und verwaschene Texturen. Das Synthgerüst ist kühl, tröpfelt wie Regentropfen – im Gegensatz dazu wirkt Oklou’s Stimme daunenweich, trotz Autotune-Pitch.

Mit dem Mixtape definierte sich die Musikerin als Klangweltenwandlerin in der artsy elektronischen Musiksphäre: zwischen unaufgeregten Ambient Beats und zappeligen Club-Sound-Experimenten. Indikatoren für Oklou’s Brillianz waren auch die Kollaborateur:innen des Projekts: Sega Bodega und PC-Music-Gründer A.G. Cook. Wer bereits damals ein Fan gewesen ist, war der Zeit voraus. Fünf Jahre später knallte mit „choke enough“ der längst überfällige Durchbruch der französischen Musikerin. Das Album schlug ein, begeistert Fans und sogar die prüdesten Musikkritiker: innen.

Baroque era clubbing in der Radrennbahn

Auf der Bühne inmitten der Brünner Radrennbahn steht eine weiß-verhüllte Tafel. An den Stirnseiten die zweiköpfige Supportband. Auf dem Tisch sitzend eröffnet Oklou mit dem Klang einer leuchtenden Flöte das Headliner-Set. Das Instrument strahlt so grell wie eine Kerze in der absoluten Dunkelheit. Gedehnt und leicht-verhallt erklingt das Intro zu „thank you for recording“. Die instrumentelle Perfomance bringt dessen mittelalterliche-folk Anmutung noch stärker zur Geltung. Das hat die Musikerin bereits bei einer NPR Tiny Desk Session verdeutlicht. Unter dem Video schreibt jemand: „this is exactly how i imagine people of the baroque era clubbing.“

Unterbrochen lediglich von der Geburt ihrer Tochter, stand Oklou in den letzten Monaten fast täglich auf der Bühne. Im strömenden Regen vor tausenden tanzenden Fans am Primavera Sounds in Barcelona oder in der kalifornischen Hitze am Coachella Festival. Auf der Pop Messe in Brünn steht Oklou nun vor einer Premiere. „This is new for me. My team and I didn’t rehearse for that“, verkündet sie verhalten. Noch nie war sie mit den Möglichkeiten einer Bühnenerweiterung mittels Steg in den Publikumsraum konfroniert. „We will manage that“, grinst Oklou ins Publikum oder womöglich doch eher in Richtung des FOH-Turms.

Am Weg zum äußersten Stegpunkt erklingen die euro-dancey Beats von „harvest sky“. Wie ein Pawlow’sches-konditioniertes Hunderudel hakt das Publikum hüpfend und singend in den Song ein. Die Single ist in Kollaboration mit der vielgefeierten Hyperpop-Ikone underscores entstanden – und hat auch deshalb das Vorfreudemomentum des Albumrollouts ordentlich angeheizt. Der Track ist ein weiteres Beispiel für Oklou’s musikalische Rückbesinnung auf ihre Herkunft. Leicht getrübte Erinnerungen an ländliche Sonnwendfeiern haben den energiegeladensten Song der Musikerin beeinflusst.

„I’m very attached to these memories because it was very joyful at the time, but there’s also the capacity for these moments to be weird as fuck. There’s adults not being super careful or very sober – there are some dark moments as well“, erzählt Oklou in einem Interview. Wie der kreative Funke fußt auch die Klangästhetik des Songs in der Erinnerungsebene.

Oklou und die Musik von Nebenan

Dumpfe Bässe in der Ferne, das leise Klackern der Beats und verblasster Gesang. Ihre Vorliebe für den Sound räumlich-distanzierter Musik treibt Oklou auf „choke enough“ an die Spitze. Die Tracklist scheint direkt aus eigenen Erinnerungen gestrickt. Wie das Autoradio, das einnickend auf der Rückbank langsam verbleicht. Das sich entfernende Stampfen der Musikanlage am Heimweg von einer Party. Oder die schlagartig ausgeblendete Umgebung in den intensivsten Momenten, wie dem ersten Kuss. Diese „Zoom-Out“-Momente sind auf dem Album allgegenwärtig und gepaart mit wohlig-warmer Nostalgie.

Über der Bühne in der Radrennbahn, über der Tafel baumelt eine grell-leuchtende Schaukel. In ihr schwingt und performt Oklou. Wer die Genialität des Schaukelns erkennt und öffentlicht auslebt, muss ein Genie sein! Oklou’s Festivalset, sowie auch ihre Diskographie, wirken wie der Querschnitt eines Lebens: aufgeregte Kindheit, gelangweilte Jugend, melancholisches Erwachsensein. Als frischgebackene Mutter durchlebt Oklou nun die nächste Lebensetappe. Vor kurzem hat sie einen Aspekt daraus bereits in Musik verpackt, auf Eartheater’s neuem Album, das rund um Schwangerschaft kreist.