Über Kirchen als Klangräume ist zwischen Popfestivals und Avantgarde-Events weltweit schon viel gesagt worden. Aber auf wie vielen Alben klebt schon die Bezeichnung „unterstützt vom Österreichischen Höhlenverein“? Unseres Wissens nach auf einem einzigen, nämlich auf „Currents and Orders“ aus dem Jahr 2025, denn seine Urheberin Teresa Rotschopf hat es gemeinsam mit einem riesigen Team aus Mitmusiker:innen und Klangspezialist:innen an keinem geringeren Ort als einer Tropfsteinhöhle in der Steiermark aufgenommen. Das führt dazu, dass man in den frei fließenden, zwischen 5 und knapp 24 Minuten langen Kompositionen Wasser tropfen und Echos schallen hört und dass in den Albumcredits so gute Zeilen stehen wie: „Florian Klinger: Marimbaphon, Vibraphon, Glockenspiel, Becken, Gong, Stalakmit“.
Selbstredend ist darauf also jeder Ton mit größter Sorgfalt gesetzt und jede Resonanz soundtechnisch perfektioniert, was die Karlskirche beim Popfest zum „perfekten Rahmen“, wie man so sagt, für eine derart groß gedachte Klangskulptur macht. In diesem überaus kunstvollen Konzept liegen gleichzeitig Fluch und Segen: Das Songwriting ist freier als frei, Melodiebögen werden gern nur angeschnitten, dann driftet die Band (sehr gut: Patrick Pulsinger: Modular synth, Alexander Yannilos: e-Drums, Becken, Electronics, Maria Gstättner: Fagott, Kontraforte, Tobias Meissl: Marimba, Vibraphon, Moog, Alex Kranabetter: Tuba, Trompete) in atmosphärische Passagen ab.
Die Protagonistin selbst, die musikalisch schon ein paar Verpuppungen durchlaufen hat, hat das Format Popsong endgültig hinter sich gelassen. Sie schichtet ihre eigenen Stimmbögen zu seltsamen Chören, versinkt sodann tanzend in sich selbst und schlägt zwischendurch den Gong. Manchmal verliert man dabei als Zuhörer:in den Faden. Hingabe und Geduld werden in den stärksten Momenten, namentlich beim Titeltrack der Platte „Currents and Orders“ an zweiter Stelle der Setlist, mit poppigen Miniaturen belohnt, die sich aus dem großen Ganzen herausschälen und an die experimentelleren Stücke aus Madonnas Eso-Phase erinnern („Mer Girl“, nicht „Frozen“). Bedächtige Tupfer aus dem Glockenspiel werfen einen Anker aus, den wir gerne ergreifen.
Zarte Klavierballaden von Martin Klein
Konzeptuell geradezu gegenteilig ist die Musik des Tiroler Pianisten Martin Klein, der am Sonntagabend das vorletzte Konzert des Popfests 2026 bestreitet. (Warum ist das alles eigentlich immer gar so spät angesetzt?) Nachdem vom Gefühl her am Samstag etwas weniger Leute am Karlsplatz unterwegs und die Schlangen vor TU und Wien Museum überraschend bewältigbar waren, scheint die Kirche diesmal so überlaufen wie nie. Es wird darin richtiggehend heiß, was erprobte Kirchengänger:innen als große Ausnahme bestätigen werden.
„Songs for my piano“ heißt ein frühes Album von Martin Klein aus 2009, und dieser Titel darf für seine Kunst als ebenso programmatisch gelten wie das 2020 erschienene „Nachtlieder“. Seine zarten und zärtlichen und im Wortsinne wunderschönen Klavierballaden brauchen wenig, um zu wirken: Allein sitzt Martin Klein (nicht ganz klar ist die Rolle der schwarzen Sonnenbrille als fixes Gimmick bei seinen Gigs) am E-Piano, ein Laptop spielt dazu selbstproduzierte Beats ab. Er hat eine zauberhafte, sanft belegte Stimme, die auch Falsetthöhen mühelos erreicht, und als ausgebildeter Pianist große Skills an seinem Instrument. Und gerade dieses Können verleiht seinen Auftritten die nötige Entspanntheit: Martin Klein muss niemandem etwas beweisen.
Daher hat er sein jüngstes, sehr gutes Album „A musician’s life“ aus 2025 ungemastert und mehr oder weniger roh in die Welt entlassen. Eine Punk-Platte ist das natürlich dennoch nicht geworden, aber es fügt seinem Werk eine neue Facette hinzu, und zwar eine Art ungezwungene Verspieltheit. Rhythmusloops klopfen und stolpern, eine Trillerpfeife trillert, eine Orgel kommt auch an diesem Abend nicht vom Originalinstrument auf dem Kirchenbalkon, sondern aus dem Laptop. Die Lyrics dazu bestehen oft nur aus einer einzigen Zeile: „When you put your arms around me, I feel free“, und auch musikalisch muss außer der kunstvoll gegeneinander verschobenen Geigentöne nicht viel passieren. Die Stärke liegt hier in genau dieser Reduktion. „Gloomy city, why don’t you shine?“ heißt es in dem schon fast 20 Jahre alten „Dawn has broken“. Aber Wien zeigt sich an den Popfesttagen, wie man weiß, ja ohnehin meist von seiner glitzerndsten Seite.
Exit Void schließen das Popfest 2026
Das immer noch frische und immer noch geheimnisumwobene Projekt Exit Void findet nach ungefähr einem Jahr Lebenszeit und einer Handvoll Auftritten, unter anderem zuletzt beim Donaufestival in Krems, immer mehr zu seiner Form: Geboren aus Drone und Noise, meißeln die sechs Mitglieder mit der Zeit immer mehr Strukturen und im klassischen Sinne Songs aus ihren gemeinsam improvisierten Klangblöcken. Durchzogen sind diese Lieder vom rockigen Groove der Bands Bulbul und Reflector, die in Form von Manfred Engelmayr und David Reumüller in der Rhythmussektion von Exit Void vertreten sind.
Popfest-Co-Kurator Wolfgang Lehmann höchstpersönlich verarbeitet seine Gitarre mittels einer Armee aus elektronischen Effektgeräten, Katrin Euller steuert mit dem hoffnungmachenden Modular-Synthesizer-Tosen ihres Soloprojekts Rent die Atmosphäre bei, Alex Kranabetter, bereits zum zweiten Mal an diesem Abend, lässt seine Trompete als heilversprechendes Melodieinstrument flattern. Für die Vocals schließlich ist Superstar Anja Plaschg zuständig, die mit der Rückendeckung ihrer Bandkolleg:innen ihre ganze Stimmpalette zwischen introspektivem Wohlgesang, herrisch-selbstermächtigendem Beschwören und entfesseltem Juchzen, Jodeln und Kieksen ausspielen kann.
Der Weg zum Exit aus dem Void ist mit Teer ausgekleistert, und vorankommt man darauf fast wie in der Niemalsgasse aus „Momo“ am besten, wenn man sich nicht hetzt, sondern jedes Detail der Umgebung auf sich wirken lässt. Die harten Knorpel der verzierten Kirchenbänke im Rücken. Die nackten Füße des pausenlos kuschelnden Paares am Steinboden. Insgesamt kompakter, knackiger und weniger zerfranst als in Krems, beweisen Exit Void, warum sie nicht nur wegen ihrer prominenten Mitglieder als in Noise-Avantgarde-Kreisen meist gehypte Band des Landes gelten. Am Ende gibt es in ihrem praktisch immer noch ganz neuen Werkkatalog ein noch neueres Lied als die anderen: ein zärtliches Geschenk zum Abschied.
A musician’s life: Niemand hier macht das fürs Reichwerden, oder deshalb, weil es sich so gut neben Familie oder Dayjob ausgeht. Man kann davon leben oder nicht, aber man ringt sich die Zeit ab, die Energie und das Geld für Studioarbeit, Releaseprozesse, Promo, Reisen, Soundchecks, Herumsitzen im Backstage bei Käseplatten und vegetarischen Currys, einfach damit diese Lieder ihren Weg in die Welt bekommen und irgendwo landen können. Für den Applaus, natürlich, vor allem aber, weil es gar nicht anders geht. A Musician’s Life, Beruf und Berufung.