„Freitag 15 Uhr, da fängt die Schönheit endlich an“: Die österreichische Musikerin Rahel hat ihn eigentlich eh schon geschrieben, den Soundtrack für den zweiten Festivaltag am Popfest. Ein Fest, das die österreichische Musik in all ihrer Diversität und Vielfältigkeit zelebriert – und das bei kostenlosem Eintritt auf einem der zentralsten Plätze Wiens.

„Es gibt so viel Scheiße im Leben, durch Sachen wie diese kann man diese Scheiße manchmal vergessen“, bringt es Purple-Bassistin Rocky Wilhelm auf den Punkt und damit ist eigentlich eh schon alles gesagt, was an dieser Stelle gesagt werden muss.

Mit ein bisschen Gegenwartsanalyse startet dann auch das Musikprogramm am Karlsplatz. „I wanna be kind, the world is cruel enough“, heißt es bei Sladek, dem Trio rund um den Grazer Musiker und Gitarristen David Sladek. Schon der Titel ihres Debütalbums Daydreaming (2019) verrät die Richtung: warmer, analoger 70er-Soul, der die Seebühne sanft in den Festivalabend gleiten lässt – bevor mit PURPLE eine der gehyptesten Newcomer-Bands des Landes übernimmt.

Warum ihr Live-Ruf so gut ist, versteht man nach wenigen Minuten. Man muss sie einmal erlebt haben, die Nonchalance des Gitarristen und Vokalisten Noah Sarich, wie er da im „RIP Prince Charming“ Crop-Top seine Gitarre in die Luft hebt, während Bassistin Rocky Wilhelm in die Knie geht und selbst zufällig Vorbeikommende zum Mitsingen bringt.

Erst im Juni haben die vier EP-Release gefeiert, danach ging es aufs Nova Rock – nun folgt mit dem Popfest die bislang größte Bühne der Band. Jeder würde gerne in dieser Band sein, steht im Popfest-Pressetext zu Purple, wozu die vier im FM4-Interview nur zustimmen: „Das Beste daran ist, dass jede:r so sein kann, wie er oder sie will. Das Verstandenwerden, das ist das Beste“.

Ob sie sich zutrauen würden, das Popfest in Zukunft zu kuratieren? Auf jeden Fall. Ein Act wäre für die vier jedenfalls schon fix: Nyla Tiara Love. Aber auch sonst würde man sich nicht schwertun: „In Wien, da wachsen die Musiker:innen wie Schwammerl aus dem Boden. Das ist so was Wunderschönes, es gibt dauernd was Neues. Wenn man in Wien lebt, findet man alles, was man will. Einfach weil es alles gibt. Wien hat alles zu bieten.“

Rahels Popfest-Debüt

Während im Wien Museum das Bandprojekt rund um Sängerin und Gitarristin Adele Ischia zwischen filigranem Dreampop und Grunge pendelt und damit die volle Aufmerksamkeit der Crowd auf sich zieht, feiert Rahel auf der Seebühne ein Popfest-Debüt, das längst überfällig war.

Mit 15 habe sie schon davon geträumt, „dort oben“ zu stehen, sagt sie auf der Bühne. Im FM4-Interview nach dem Auftritt zeigt sie sich auch nachdenklich. Man werde eben selbstkritischer mit dem Alter – wer kennt es nicht – live zeigt sie das aber nicht. Es ist schön, die Singer-Songschreiberin wieder auf der Bühne zu sehen, mit ihrer sechsköpfigen, ganz in Weiß gekleideten Band, die um Benno Hiti und Daniela Czurda erweitert worden ist.

Rahel auf der Bühne, das ist ein Wechselspiel aus fantastischer Lyrik und harter Realität, aus Sehnsucht und Verspieltheit. Nach ihrer Pause könne sie das alles mehr genießen, sagt sie, auch ihr Erfolgsbegriff habe sich in den letzten Monaten, im letzten Jahr stark verändert: „Ich war in so einem Hamsterrad drinnen und hab mit Leuten zusammengearbeitet, die mich sehr gepusht haben. Was gut war, aber ich hab mich selbst eh schon so stark gepusht, dass das gar nicht nötig gewesen wäre. Ich wollte halt immer den nächsten Schritt, die größere Bühne. Dieses Denken hab ich jetzt abgelegt. Erfolg ist für mich, wenn ich was auslösen kann in Menschen.“

Wiener Legenden, alt und neu

… so in etwa lautet ja das diesjährige Motto des Popfests. Auf der neuen Schiene nimmt an diesem Freitag der Wiener Musiker Joshua Pepe Platz. Lediglich zwei Songs sind von ihm bisher auf Streaming-Plattformen verfügbar, das macht aber nix: Ab jetzt soll jedes Monat ein weiterer hinzukommen.

Soundtechnisch ist es gar nicht so einfach, diesen Twenty-Something an etwas festzunageln: Während seine Debütsingle „Engelsblick“ produktionstechnisch noch irgendwo zwischen Mura Masas Superhit „Lovesick“ und dem bouncy Sound von Flume schwankt, evoziert Single Nummer zwei („Bei Mir Sein“) den warmen, luftigen Bedroom-Indie-Pop von Tom Misch herauf. Kein Wunder: Der Londoner Musiker befindet sich ebenso in Joshua Pepes Favoriten-Playlist auf Spotify wie ein Kendrick Lamar, Nas, Men I Trust, Jungle oder Bakar.

Auf der Seebühne gibt’s dann zusammen mit Live-Drummer Jonas Kočnik auch Ausflüge in Latin- und Afro-Gefilde zu hören, der musikalische Fleckerlteppich scheint damit komplett. Was gleich bleibt, ist das, worum es geht bei Joshua Pepe: Flirty Situationships, Friends, die vielleicht mehr sind als nur Friends und Crushes, die mal Stunden, mal Jahre andauern. Man kann auf jeden Fall gespannt sein, was da noch auf uns zukommt.

Bad-Bitch-Musik für Männer

Ein Skinny Boy in Skinny Jeans, der mit einer Birkin Bag zum Burger King geht. Ein Rockstar, der jeden Tag Rockstar Film schiebt. Der Michael Jackson dieser Generation, ein Popstar so wie Presley. Der CEO von Ich-Liebe-Mein-Verdammt-Geiles-Baba-Leben-Fendi-Fit-GmbH.

Ihr checkt nichts? Gut für euch, der Brainrot hat eure Zellen wohl noch nicht ganz zerstört. Damit sind wir beim Headliner dieses Freitagabends angekommen, der eine Horde Fans an den Karlsplatz lockt. EN6O, der kümmert sich unter seinem Alias @handychillen hauptberuflich um Peak-Gen-Z-Internet-Humor, den zu erklären hier wahrscheinlich nutzlos wäre. Ihr kennt das ja, wenn man den Eltern oder Großeltern ein Meme zeigt und sie fragen, wer das denn sei. Genau. Den Humor von @handychillen muss man einfach verstehen, was wahrscheinlich erst ab einer täglichen Bildschirmzeit von rund fünf Stunden möglich ist.

Ähnlich verhält es sich mit EN6Os Musik. Man hätte meinen können, dieser sinnbefreite Cloudrap der späten 10er-Jahre hätte schon längst an Strahlkraft verloren, aber das Kurator:innen-Team (an dieser Stelle wohl eher Sofie Royer, die nicht selten einen Cameo-Auftritt bei @handychillen hat) hat sich bei der Auswahl immerhin Gedanken gemacht und Menschen wie mich eines Besseren belehrt.

Vielleicht funktioniert der Nostalgie-Zyklus noch schneller als bisher angenommen, vielleicht war dieses Subgenre der „Bad-Bitch-Musik für Männer“ à la „Whatsapp Bitcoin Snapchat Rap“ aber auch nie weg. Jedenfalls, mit ein bisschen Drauf-Einlassen macht das alles herrlich Spaß, auch wenn bei EN6O mehr Backing-Track als Live-Rap zu hören ist. Rap-Kollege skrt cobain ist dann auch noch am Start – ebenso wie ein Coldplay-EN6O- Mash-Up. Die Crowd bei EN6O ist auf jeden Fall die lauteste an diesem Abend und das schafft ja auch nicht jeder.

Alles Exhausted

Wem das ironische Geflexe am Freitag dann aber doch zu viel wird, kann ja einfach weiterschauen. Um an dieser Stelle noch eine Internet-Brain-Rot-Perle anzubringen: „POV: You remember you have free will“.