Er ist der reichste Mann der Welt, reich geworden durch eine Innovation im Bereich der Elektromobilität. Und er liebt die Antike. Alexander der Große ist ihm ein Vorbild. Wie der makedonische Feldherr vor 2.300 Jahren ausgezogen ist, die Welt zu erobern, so setzt der Techmilliardär sein Vermögen und seinen Einfluss ein, um diese zu verändern. Er geht dabei skrupellos vor, denn für ihn heiligt das Ziel die Mittel – genauso wie bei seinem antiken Vorbild.

Die Rede ist hier nicht von dem aktuell reichsten Mann der Welt, sondern von Adrian Veidt, einer fiktiven Figur aus dem Comicroman „Watchmen“, geschrieben und gezeichnet Mitte der 1980er Jahre. Der Autor Alan Moore erzählt dabei eine dystopische, komplexe Superheldengeschichte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Fast 50 Jahre nach dem Erscheinen von „Watchmen“ ist diese Dystopie zum Teil Wirklichkeit geworden.

Mächtige Männer, heute reicher als nie zuvor, suchen ihre Vorbilder in der Antike. Einer davon ist Mark Zuckerberg. Der Chef des Meta-Konzerns bewundert vor allem Kaiser Augustus, denn dieser habe 200 Jahre langen Frieden geschaffen. Mit dem Imperator Augustus wurde aber vor allem die Römische Republik de facto beendet, es folgten Jahrhunderte der Kaiserherrschaft. Offene Sympathie für autoritäres Handeln in der Antike zeigt ein weiterer Techmilliardär, der aktuell reichste Mann der Welt, Elon Musk.

Spartaner und Diktatoren als Vorbilder

In einem Tweet rief Musk nach einem neuen „Sulla“ in der Politik. Dieser war ein römischer Diktator, der politische Gegner in Massen hinrichten ließ. Unkenntnis der Geschichte oder ein provokanter Witz? Für Curtis Dozier, Professor für griechische und römische Geschichte am Vassar College im Bundesstaat New York, war das eine bewusste Ansage, denn der Ruf nach einem brutalen Diktator wirkt anders, wenn die Antike bemüht wird: „Dadurch wirkt es wie ein traditionsreiches und respektables Konzept. Und nicht wie eine unerhörte antidemokratische und faschistoide Forderung.“

Für Dozier ist das eine lange geübte Praxis. Dem Experten für lateinische Poetik fiel zum ersten Mal vor zehn Jahren auf, wie US-amerikanische Rechtsextreme sich immer wieder auf die Antike berufen, in ihren Symbolen und als Rechtfertigung ihrer Ideen. Das ist erst einmal keine Besonderheit der politischen Rechten.

Die Begriffe „Demokratie“ und „Republik“ sind griechischen beziehungsweise römischen Ursprungs. Und wenn es um Symbole geht, sieht man Bezüge zur Antike oft bei öffentlichen Gebäuden, wie auch beim österreichischen Parlament. „Wie die Monumentalbauten in unseren Hauptstädten an klassische Architektur erinnern, so beziehen sich unsere politischen Institutionen auf ihre antiken Vorgänger. Die Antike dient noch immer als Fundament der Politik unserer Zeit.“

Eines dieser baulichen Symbole ist das Kapitol in Washington, das bewusst an die Römische Republik erinnern soll. Am 6. Jänner 2021 stürmten Anhänger:innen von Donald Trump diesen Sitz der amerikanischen Demokratie. Darunter auch einige, die Imitationen von spartanischen Helmen trugen. Diese beriefen sich nicht auf die Demokratie der alten Griechen, nicht auf ein humanistisches Weltbild, sondern auf eine völlig entgegengesetzte Erzählung, auf ein Bild des Altertums, das stark durch die Populärkultur geprägt wurde.

„300“ entspricht der antiken Fantasie

1986, als „Watchmen“ von Alan Moore erschien, wurde auch der Comicautor Frank Miller mit „The Dark Knight Returns“, einer ungewöhnlichen Interpretation von Batman, bekannt. Moore und Miller revolutionierten damals das Comicgenre und waren befreundet. Eine Freundschaft, die in den 2000er Jahren endete.

Alan Moore brach öffentlich mit Frank Miller, auch wegen einem Comic aus dem Jahr 1998. Damals hatte Miller eine Geschichte über 300 spartanische Krieger auf den Markt gebracht, für Moore ein rechtsextremes Machwerk. Einige Jahre später diente dieses Comic als Grundlage für den Film „300“ von Zack Snyder. Seither prägt das Bild von übertrieben maskulinen, die Heimat verteidigenden und eigentlich protofaschistischen Spartanern die Wahrnehmung des breiten Publikums.

Es ist eine Vorstellung, die im Comic und im Film überzeichnet wird, im Kern aber der antiken Überlieferung entspricht, so der Altphilologe Curtis Dozier: „Die Rechtsextremen haben hier nichts verbiegen und erfinden müssen für die Rechtfertigung ihrer politischen Ideen, denn die Spartaner werden in den antiken Quellen genau so dargestellt, obwohl wir schon sagen können, dass das mehr eine Fantasie war, die die Griechen über sich selbst hatten.“

Auch andere überlieferte, über 2.000 Jahre alte Themen werden von Rechtsextremen oder mächtigen, reichen Männern als Handlungsanweisung für die Gegenwart aufgegriffen. Bei Aristoteles lesen sie, dass es Menschen gibt, die es verdient haben, versklavt zu sein, bei Plato, dass Männer über Frauen herrschen müssen, und das Demokratie schlecht ist. „Es gibt viel von Plato, über das es sich lohnt nachzudenken. Aber wenn er sagt, dass die beste Gesellschaft eine stark hierarchische wäre, heißt das nicht, dass das stimmt. Es bedeutet nur, dass wir Plato im historischen und politischen Kontext von damals sehen müssen“, so Curtis Dozier.

Mehr eine Transformation als ein Untergang

Noch eine Erzählung aus alten Quellen wird von Rechtsextremen gerne bemüht, nämlich jene vom Untergang des Abendlandes, herbeigeführt durch Barbaren von außen. Diese Vorstellung ist auch jenseits der rechtsextremen Propaganda weit verbreitet, entspricht aber nicht dem Stand der Forschung zur Antike. Die Geschichtswissenschaft spricht heute eher von einem Zeitalter der Transformation als von der Zeit der Völkerwanderung oder dem „Untergang des Römischen Reiches“.

Die Barbaren waren integriert und hatten auch die Staatsreligion, den christlichen Glauben, angenommen. Generell war diese Transformation viel komplexer, als die einfache Erzählung von einem Sturm auf die Grenzen lange suggeriert hat. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen der aktuellen Arbeit der Forschenden und dem, was die Allgemeinheit von der antiken Welt zu wissen glaubt“, so Curtis Dozier.

Auch in Christopher Nolans Odyssee geht es um die Bedrohung der Kultur durch Feinde von außen. Die Welt der Mykener, der frühen Griechen, wird durch die sogenannten Seevölker in ihrer Existenz bedroht. Dies wurde von Nolan hinzugefügt, in Homers Text kommt das nicht vor, und ist ein Hinweis auf die durch Endzeitstimmungen verschreckte Gegenwart.

Zum Schluss wird das Geheimnis gelüftet: Die bedrohlichen Seevölker sind die Griechen selbst. Am Untergang der Welt ist kein äußerer Feind schuld, sondern die Verrohung der eigenen Gesellschaft.