Argentinien hat in den letzten Jahren eine Reihe von großen Musiker:innen hervorgebracht: Rapper wie Trueno oder den Newcomer Milo J, das quirky und viral gefeierte Popstarduo CA7RIEL & Paco Amoroso, Musiker:innen wie Nicki Nicole, Cazzu oder Nathy Peluso, die mit Rap begonnen haben und mittlerweile ihre comfy Places in argentinischer Folklore, Salsa oder Pop gefunden haben, oder auch den Produzenten Bizarrap, der spätestens seit Shakiras viralem Piqué-Diss vielen ein Begriff ist.

Aber auch im Underground war einiges los, und einer der Namen, an dem man in den letzten Jahren kaum vorbeigekommen ist, lautet Six Sex. Mit ihrem Debütalbum „ULTRA“ findet die 29-jährige Musikerin aus Buenos Aires nun erstmals auf Pop-Ebene statt, und das kann sich sehen bzw. hören lassen.

Sex and Sweat, but make it Punk

Den Spagat zwischen Techno und Clubsounds auf der einen und Reggaeton und Neoperreo auf der anderen Seite hat sie perfektioniert. Und während Themen wie Hypersexualität, Begehren und Körperlichkeiten immer noch im Fokus stehen ist und Six Sex quirky und goofy wie nie ist, ist sie auch punkiger und wütender geworden – auch in ihrer Rolle als Frau.

„Ich bin ich durch eine ziemlich schwierige Phase gegangen, als ich das Album gemacht habe“, erzählt sie. Wir telefonieren an einem Mittwochnachmittag, sie ist gerade auf Europatour und spaziert durch Amsterdam. „Ich habe das alles ein bisschen rausgelassen, rausgespuckt auf dem Album. Im Endeffekt ist dieses Projekt das, wovon ich lebe, und meine Kunst ein Spiegel dessen, wie ich mich fühle. Wenn das Album also sehr intense ist, dann, weil das literally mein Leben zu dem Zeitpunkt war.“

Zeilen wie „My human body is not your fetish, my human body is my fetish“ oder „No soy tu pornstar“ („Ich bin nicht dein Pornostar“) prägen sich beim Hören schnell ein. „Ich denke mir, es müsste doch eigentlich selbstverständlich sein, aber es ist einfach so anstrengend. Wir Frauen sind die ganze Zeit damit beschäftigt aufzuklären. Darüber, was man(n) tun darf und was nicht: Nein, es ist nicht in Ordnung, mich zu vergewaltigen, es ist falsch, mich zu belästigen. Es wirkt manchmal so, als müsste man das ständig wiederholen. Weißt du, ich liebe es, mit meinem Körper zu machen, was ich will. Aber das hat überhaupt nichts mit dir zu tun. Und mit dir meine ich den heterosexuellen Mann.“

"Ekelhafter" Perreo

Es ist diese Direktheit, der verspielte und selbstbestimmte Umgang mit der eigenen Sexualität, verbunden mit jeder Menge queerer Camp-Ästhetik, der die Musik von Six Sex von Anfang an ausgezeichnet hat. 2019 hat die Musikerin ihre erste EP veröffentlicht, damals noch stark im Elektronischen verankert, irgendwo zwischen House, Techno und Jersey Club. Aber schon mit der zweiten EP, „AREA 69“, hat sie sich dem Sound von Vorbildern wie der chilenischen Musikerin und Neoperreo-Vorreiterin Tomasa del Real genähert: Reggaeton, aber eben aus weiblicher Perspektive, „gesungen von einer Frau, die einfach gern den Arsch bewegt, so wie ich, Punkt“.

Perreo und Rave-Kultur sind bei Six Sex immer Hand in Hand gegangen – raven zu Techno, und perrear, also basically das karibische Twerken, zu Reggaeton: „Ich war immer ein Nachtmensch“, erzählt sie, „ich hab das Gefühl, dass sich diese Stile letztendlich immer wieder vermischen. Das sind Sounds der Nacht, Sounds zum Tanzen, die geben dir Energie und du kannst gar nicht anders, als dich zu bewegen“.

Als perreo „asqueroso“, also als „ekelhaften“ Perreo, hat sie ihren Stil in einem Interview einmal beschrieben. Und dieser Stil stößt auf Resonanz: In den letzten Jahren hat Six Sex mit Artists quer durch die Bank zusammengearbeitet: Von Neoperreo- und Reggaeton-Stars wie Ms Nina, Isabella Lovestory oder Bellakath über Clublieblinge wie Shygirl und Nick León bis hin zu Acts aus dem Dunstkreis des Live From Earth Labels in Berlin, horsegiirL oder MCR-T zum Beispiel.

Und ja, auch mit dem Linzer Hip-Hop-Produzenten Stickle stand sie bereits im Studio, für den Track „How to make your ass bigger“ aus ihrer letzten EP „X-sex“. „Es ist schon verrückt, wohin die Musik einen manchmal bringt, ich denk mir da oft nur: What the fuck?“, sagt sie und lacht. „Aber ich mag das, wenn sich im Studio ein bisschen die Kulturen vermischen. Ich hab auch Bock drauf, anderen Sounds meinen eigenen Stempel aufzudrücken.“

Die letzte Überlebende im Horrorfilm

Dass das, was sie macht, nicht alle feiern, damit hat auch Six Sex ihre Erfahrungen gemacht. Bei einer Show in Paris, erzählt sie, stand auf einmal eine Gruppe Männer in ihrer Crowd, die anfingen, sie und ihre DJ zu belästigen. „Ich hab gerade ‚Bitches Like Me‘ performed, da gibt es eine Zeile, die lautet: ‚If you don’t like it, go away‘. Dann haben die angefangen uns zuzurufen: ‚Go away, go away‘, während unserer gesamten Show. Meine Fans haben dann irgendwann angefangen, zurückzurufen, meine DJ, die auch eine Frau ist, hat sich auch immer wieder umgedreht und was gesagt. Aber ich wollte die Show nicht unterbrechen. Ehrlich gesagt, hätte ich ihnen am liebsten das Mikro an den Kopf geworfen. Genau das ist ja die Art von Männern, über die wir reden. Da stehen drei Männer und schreien herum. Das ist doch lächerlich, dejate de joder.“

Vielleicht können wir das, was Six Sex macht, mit dem vergleichen, was Ikkimel oder bangerfabrique machen. Nur auf einem anderen Kontinent, geprägt von anderen Einflüssen. Im Musikvideo zu „Ultra Terrorific Fantasy“ läuft Six Sex etwa mit Maschinengewehren und Kettensägen bewaffnet über die Felder und streichelt Hasen, Kunstblut und nackte Haut überall.

Gegenüber von einem Friedhof aufzuwachsen habe sie nachhaltig geprägt, erzählt die Musikerin. Ein Großteil der Inspiration komme aber auch von Filmen wie „Tokyo Gore Police“, einem Vertreter der japanischen Strömung ero-guro, in dem verstörende Gewalt auf Erotik und Fetisch trifft und in einer albtraumhaften Mischung aufgeht. In diesem Film spielt die Figur des „final girl“ eine zentrale Rolle, die letzte überlebende Frau in einem Horrorfilm, eine Metapher, über die Six Sex während des Albumprozesses immer wieder nachgedacht hat:

„Ich habe das Gefühl, dass das ein bisschen dem Leben entspricht, dieses Konzept des ‚final girls‘, zumindest für uns Frauen und für viele queere beziehungsweise marginalisierte Menschen. Zum Beispiel allein nachts nach Hause zu gehen, Situationen, in denen man sich denkt: Für mich ist das gerade viel schwieriger als für einen Mann, weißt du? Die Leute erwarten sehr viel von weiblichen Künstlerinnen, aber am Ende versuchen wir nur, zu überleben und unser Bestes zu geben.“

Six Sex live

Am 14. August kommt Six Sex ins Flucc nach Wien.