Man kann sich über das Konzertangebot in der Hauptstadt in diesem Sommer wirklich nicht beschweren. Alle großen Konzerte finden gefühlt gleichzeitig statt. Die Foo Fighters im Stadion, die FM4 Bühne mit Zartmann beim Donauinselfest, das überraschende Konzert von Bilderbuch und ihrer neuen Gitarristin Uche Yara im Flex. Kaum hat man sich ausgeschlafen, steht schon das nächste Highlight an. Das Einzige, was nicht zeitgleich passiert, ist der Kartenkauf, der dann letztlich entscheidet, welches Konzert man sich überhaupt gönnt. Auch die beiden Konzerte von Soap&Skin in der Wiener Staatsoper sind schon seit Langem ausverkauft. Es sind die Abschlusskonzerte ihrer „Torso"-Tour. "Torso“ heißt das 2024 erschienene Album auf dem Anja Plaschg aka Soap&Skin Songs aus der Vergangenheit covert und diesen Songs mit ihrem neuen Arrangement neues Leben einhaucht: Sufjan Stevens, Lana Del Rey, Velvet Underground und The Doors. Ihre schon 2013 erschienene Neuinterpretation des Blues-Songs „Me and the Devil“ von Robert Johnson ist in den letzten Jahren viral gegangen. Es gibt keine Doom-Scrolling-Minute, ohne diesem Song zu begegnen. Als TikTok-Untermalung von besonders dramatischen Kehrtwende-Momenten sei es bei Sportereignissen, Aufnahmen der Naturgewalt oder Filmclips.
Die knapp zweistündige Performance beginnt die Musikerin mit ihrer Neuinterpretation von „The End“. „Me and the Devil“ wird in der zweiten Hälfte des Konzertes erst auftauchen. Begleitet wird sie beim Konzert von ihren langjährigen Bandkollegen an Streichern und Bläsern und allerlei anderen anspruchsvollen Instrumenten. Dass Soap&Skin-Fans an Orte pilgern, die auf klassische Konzerte ausgerichtet sind, ist nichts Ungewohntes. Konzerthäuser, Theaterhäuser oder Kirchen sind die perfekten Locations für Soap&Skin. Im Sitzen ist man auch in der richtigen Aufmerksamkeitspose, um die architektonische Umgebung mit ihren goldigen Details aufzusaugen und sich der Musik und dem Bühnenlicht hinzugeben. Im Sitzen fehlt auch nicht mehr viel, um vor lauter erschütternder Schönheit in die Knie zu gehen .
Anja Plaschg sagt nicht viel bei ihrem Konzert. Sie erinnert ihr Publikum, dass sie in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum feiert, bevor sie den Song „Mr. Gaunt Pt.1000“ performt, den sie vor 21 Jahren als Teenagerin geschrieben hat und der damals auf dem Techno-Label Shitkatapult erschienen ist. Als Anja Plaschg Mitte der 00er Jahre das erste Mal in der Musikszene aufgetaucht ist, wurde sie als „the next big thing“ gehandelt. Die wortwörtliche Versachlichung eines Ausnahmetalentes kommt einem zwei Dekaden später fast schon wie eine Untertreibung vor. So wie wenn man mit Blick aus dem Fenster sagen würde „Es gibt Wetter“ statt „Brütend heiß knallt die Sonne auf uns runter“. Es gibt international kaum jemanden, der Soap&Skin das Wasser reichen kann. Musiker:innen, die mit ihrem kreativen Puls in den Adern ähnlich „wuchtiges“ produzieren können, heißen Anohni, Christine and the Queens oder Anna Calvi. (Mit ihr hat Soap&Skin 2018 diesen Song performt.)
Kraftvolle Konzerterfahrung
Die Gitarristin Anna Calvi hat auf die Frage, warum sie glaubt, dass Menschen überhaupt auf Konzerte gehen, in einem FM4-Interview mal gemeint, dass sich Menschen nach einem Erlebnis sehnen, das sie aus ihrem Alltag herausholt. Dass es jemanden gibt, der an ihrer Stelle das Risiko einer „kraftvollen Erfahrung“ auf sich nimmt. Was bedeutet das für die „Unterhaltung“? Für das Spaßbarometer an einem Samstagabend in der Wiener Staatsoper? Hot Take: Reden bei Konzerten muss nicht immer sein. Die letzten Gesprächsfetzen, die ich bei Konzerten aus dem Publikumsbereich aufgeschnappt habe, waren „Ich betrinke mich jetzt!“ und „Das Lied kenne ich nicht!“ Die letzten Reden auf Konzertbühnen, die ich miterlebt habe, waren mit Superlativen bespickte Dankbarkeitsreden. Vielleicht ist reden overrated, vielleicht reicht als Danke, durch das Publikum zu gehen und wunderschöne Lilien an die Gäste zu verteilen. Vielleicht ist eine Frage wichtiger als ein Statement. Eine Frage wie: „Ist alles okay?“ oder „Do we heal?“ Und wie gestern Abend: „Hat jemand einen Traubenzucker für mich?“ Man weiß nicht, ob sich Soap&Skin während des Konzerts Tränen oder Schweiß aus dem Gesicht wischt. Man weiß es bei sich selbst ja auch nicht wirklich.
Im Zugabenblock performt Soap&Skin ein Cover von Neil Youngs „Natural Beauty“. Der Song beginnt mit den Worten „On a rollercoaster ride“ und endet mit „natural beauty should be preserved like a monument“.* Es ist ein hypnotischer Song, bei dem man glaubt, Grillen zirpen zu hören. Jetzt wo das „Torso“-Album-Kapitel endet, wird für Soap&Skin ein neues Kapitel mit neuem Material beginnen. Wer für das zweite der beiden Staatsopern-Konzerte keine Tickets ergattert hat, kann Anja Plaschg auch beim Film begegnen. 2024 ist sie als beste Schauspielerin für ihre Rolle im Film „Des Teufels Bad“ ausgezeichnet worden, aktuell läuft in den österreichischen Kinos die Ingeborg Bachmann-Doku „Jemand, der einmal ich war“ mit Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann und mit Musik von Soap&Skin.
*(Anm.: In einer früheren Version dieses Textes stand, dass das ein neuer, originaler Soap&Skin Song wäre.)