Zu „Wolf like me“ von TV on the Radio schwingt sich Spider-Man in einer Montage zu Beginn des Films durch die Straßen New Yorks. Auch in Sachen Needledrops hat das Spider-Man-Franchise anderen Marvel-Unternehmungen einiges voraus. TV on the Radio-Frontman Tunde Adebimpe war in „Spider-Man: Homecoming“ in einer kleinen Rolle zu sehen, aber nicht nur deswegen passt dieser Song hier so gut. Es wird von einem „curse I cannot lift“ gesungen – Doctor Strange würde es wohl eher einen //spell// nennen – aber Tatsache ist, am Ende von „Spider-Man: No way home“ (2021) musste die Welt vergessen, dass Peter Parker Spider-Man ist. Ansonsten wäre das Multiversum zusammengebrochen. Mit dem Gedächtnisverlust-Zauber aber ist die Welt gerettet und Peter Parker kann auch gut damit leben, dass der Großteil der Menschen vergisst, dass er der freundliche Superheld aus Queens ist. Allerdings verliert er damit auch seine Freund:innen Ned Leeds (Jacob Batalon) und MJ (Zendaya). Auch sie haben vergessen, wer Peter Parker ist.
Die Freundschaft zwischen den Teenagern, die kleinen Momente der Sorglosigkeit, der Blödeleien, des Vertrauens und des Verliebtseins sind nicht nur essentiell für Peter Parker, sondern auch für diese Reihe. Weder die Filme mit Tobey Maguire als Spider-Man noch die mit Andrew Garfield haben die Nicht-Superhelden-Aspekte des Lebens von Peter Parker so geerdet, charmant und lustig inszeniert wir die, in denen Tom Holland im engen Spandex-Anzug von Spider-Man und den Kapuzenpullovern von Peter steckt. Die fluffige John Hughes High School-Komödien-Leichtigkeit, die in „Spider- Man: Homecoming“ stetig blubbert, wurde aber stetig abgebaut. In „Spider-Man: No Way Home“ musste Spider-Man nicht nur mit ziemlich vielen Antagonisten, sondern auch mit einem ziemlich aufgeblasenen Plot kämpfen, aber er hatte immerhin MJ und Ned an seiner Seite und die Szenen mit diesen drei Figuren haben auch immer gezeigt, dass nicht nur in Sachen Needledrops, sondern auch in Sachen Dialogen Spider-Man den anderen Superheld:innen-Filmen einiges voraus hat.
Das Wegfallen dieser beiden Figuren als Freund:innen reißt also ein ziemliches Loch in den Stoff – und die Identität der Hauptfigur. Wer ist Peter Parker ohne Ned und MJ, vier Jahre nachdem sie vergessen haben, wer er ist? Ein ziemlich einsamer Nerd, der am Dachboden eines Wohnhauses lebt und an seinem Kostüm und seiner Ausrüstung tüftelt. Als Ansprache dient ihm lediglich KI-Assistentin E.V (Naomi Watts) und Detective Jean DeWolff (Liza Colón-Zayas aus „The Bear“), aber das ersetzt halt keinen Freundeskreis. Er bestellt Pizza und bringt Tante May regelmäßig Blumen ans Grab, und man wundert sich, dass Morrissey noch keinen Song über diesen Peter Parker geschrieben hat, diesen melancholischen, einsamen, jungen Mann.
Keine nennenswerten Sozialkontakte, aber haufenweise Fans und Follower: Der Einsamkeit von Peter steht die große Beliebtheit von Spider-Man gegenüber. New York liegt ihm zu Füßen, man winkt ihm zu, er klopft auf Schultern und arbeitet eng mit der Polizei zusammen, gratuliert Einsatzkräften zu ihrer Arbeit. Vor allem in den Montagen zu Beginn des Films beschwört Regisseur Destin Daniel Cretton das ganz klassische Spider-Man Terrain: working class New York mit all seinen Delis und kleinen Lebensmittelläden, den Hot Dog Ständen am Gehsteig und obendrüber schwingt der freundliche Superheld aus Queens. Die Montagen sind so mitreißend und charmant, dass man fast sentimental wird, wenn sie enden. Gern würde man länger einfach nur mit Spider-Man Zeit in New York verbringen und TV on the Radio hören.
Bald aber rüttelt es Spider-Man innen und außen durch. Etwas, auf das er sich immer verlassen konnte, war sein Körper, plötzlich aber verändert sich seine DNA, sein Kopf schmerzt, er verliert die Kontrolle. Und in New York geht eine unsichtbare Macht um. Jemand kann von jeder Person via Gedankenkontrolle Besitz ergreifen. Diese Macht huscht von Person zu Person und sorgt in „Spider-Man: Brand New Day“ für ein paar schöne Momente, die an Tanztheater erinnern. Wir haben es also mit Gedankenkontrolle auf der einen Seite und Kontrollverlust über den eigenen Körper auf der anderen Seite zu tun. Etwas Unsichtbares, das durch die Straßen huscht, ist auch ein schöner Kontrapunkt zu all den monströsen Bösewichten und Planetenverschlingern, die das Marvel Cinemantic Universe in den letzten Jahren in oft recht lieblosem CGI auf die Leinwand gebracht hat.
Das Bedrohungsszenario ist also zunächst überraschend dezent inszeniert, aber wir wissen auch – und das schon lange – nicht mehr nur ein Superheld pro Film reicht. War es in prä-Internet-Zeiten vermutlich recht unterhaltsam, darüber zu spekulieren, was wohl passieren würde, wenn verschiedene Superheld:innen aufeinanderträfen, so ist das Marvel Mix and Match-Multiversum inzwischen eine trostlose Angelegenheit, was aktuell auch der Trailer für „Avengers: Doomsday“ beweist.
Auch in „Spider-Man: Brand New Day“ gibt es nicht nur Auftritte anderer Superheld:innen, sondern auch das Öffnen einer weiteren Tür in eine andere Marvel-Ecke und diese Einführungen fühlen sich meistens recht wenig filmisch an, sondern mehr wie das Eröffnen einer neuen Filiale. Man spürt, wie einem die Müdigkeit angesichts der permanenten Franchise-Auswalzung in die Waden kriecht. Kann denn Doctor Strange dieses Multiversum nicht wieder verschließen? Oder Kevin Feige vergessen lassen, dass es existiert? Aber um hier nicht nur wehzuklagen: Was ganz gut klappt und kurzweilig ist, ist die an Jack Lemmon und Walter Matthau erinnernde Chemie von Spider-Man und Punisher (Jon Bernthal). Die Freundlichkeit und die Ruppigkeit, die sich zusammenraufen. Und obwohl sie nicht viel zu tun hat, ist das Herz dieses Films Zendaya, die mit der sarkastischen und geerdeten MJ dem Film immer Leben einhaucht, wenn er Gefahr läuft, in Plot-Überladenheit unterzugehen.
Dem Entstehen einer vielleicht neuen Freundschaft zwischen MJ und Spider-Man könnte man ewig zuschauen. Beim viel zu langen Showdown hingegen würde es vielleicht auch reichen, wenn man einfach das Wort „Showdown“ einblendet und jeder denkt sich selbst was aus. Auch im hochsympathischen Spider-Man-Franchise gibt es keine Überraschungen mehr. Visuell auffällig sind die Martial Arts-Einlagen gegen Ende, doch bei genauerer Betrachtung recycelt da Regisseur Cretton Elemente aus seinem Film „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“. Ist das noch ein Verweis oder einfach nur mehr Einfallslosigkeit? Man weiß es oft nicht mehr ganz genau im MCU.
Fest steht, mit dem Titel „Brand New Day“ hat man sich ein bisschen gar weit aus dem Fenster gelehnt. Brandneu ist für mich nur, dass Peter Parker jetzt einen Herschel-Rucksack hat und keinen Jansport, aber das ist auch nicht gerade breaking news. Und zwar fällt Parker symbolschwer mal aus einem Kokon aus Spinnweben und eine Doku im Hintergrund erzählt von den drei Lebenszyklen von Spinnen und dass das Erreichen des letzten Zyklus einer Wiedergeburt gleicht. Aber auch das wäre ein zu großes Wort für „Spider-Man: Brand New Day“. Es bleibt dies das mit Abstand sympathischste Franchise im MCU, das hier eigentlich nur Radikalität antäuscht – was wäre, wenn wir Spider-Man und Peter Parker mal alles wegnehmen, worauf er sich in den letzten Filmen verlassen konnten? – um dann aber doch in die gewohnte MCU-Spur von Getöse, Gastauftritten und zusammenbrechenden Gebäuden abbiegen. Vielleicht liegt auch auf Marvel ein „Curse I cannot lift“.