Nach drei Tagen Festivalleben ist der deutsche Rapper OG Keemo der letzte von rund 70 Acts, der auf der Alten Rhein Bühne auftritt, der Main Stage am Szene Openair. Mit Funkvater Frank an den Decks und einem Backdrop mit der Aufschrift „Berserker“. So heißt OG Keemos aktuelle EP nämlich. Er feuert das Publikum an, „Schick dein Standort“-Chöre zu singen. Man kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn finden kann man einander hier um diese späte Uhrzeit am letzten Festivaltag sehr leicht. Die Publikumstraube, die sich um Mitternacht vor der Hauptstage einfindet, ist überschaubar und hat sich nach Roy Bianco & den Abbrunzati Boys gefühlt halbiert.
Familiäres Festivalfeeling trotz Hitze
Knapp 25.000 Besucher:innen haben vom Donnerstag bis Samstag das Festival am Alten Rhein in Lustenau besucht. Nach drei Festivaltagen hat man das Gefühl, nicht nur jedes Eck dieses acht Fußballfelder großen Festivalgeländes zu kennen, sondern auch alle Besucher:innen, denen man beim Streifzug durch den Campingplatz, im Strandbad, in der Supermarktschlange oder vor den Bühnen begegnet ist. Vielleicht weil dieses familiäre Festivalfeeling so ansteckend ist, vielleicht weil die diesjährige Ausgabe unter extremen Hitzevoraussetzungen stattgefunden hat und sich das Gelände trotz der 25.000 offiziellen Besucher:innen nie richtig „voll voll“ angefühlt hat. „Es ist angenehm und überschaubar. Nicht so überlaufen!“ meinte eine Besucherin. Bei Temperaturen zwischen 31 und 37 Grad musste man nämlich fast schon wie ein Vampir seine Wege am Gelände und die Aufenthaltszeiten vor der Bühne planen und von Schattenplatz zu Schattenplatz huschen, um die Hitze zu ertragen.
Die Regenschauer am späten Nachmittag waren an diesem Hitzewochenende für viele eine willkommene Abkühlung. Das Publikum am Szene Openair ist schlimmeres gewöhnt. „Wir hatten in den letzten zehn Jahren vier komplett regenfreie Editionen und in sechs Editionen haben wir mit unseren Besucherinnen und Besuchern gelitten“, sagt Hannes Hagen, Veranstalter des Szene Openair im FM4-Interview „Der Blick nach außen jetzt aufs Gelände zeigt mir, dass Leute schon widerstandsfähig sind.“ Er erinnert an die allererste Ausgabe des Szene Openair 1990, die wegen eines Gewitters abgebrochen wurde und Wochen später in einer überdachten Halle nachgeholt wurde. „Also wir sind wirklich von der ersten Stunde weg mit dem Thema Wasser, Wetter, Gewitter befasst und dieses Jahr ist es für die Verhältnisse, die wir auch schon hatten, ein ruhiges und unauffälliges Jahr!“
Live-Plattform für homegrown Acts
Von der ersten Stunde an ging es dem Festival auch um die Förderung lokaler Bands und das Schaffen einer Live-Infrastruktur für heimische Talente. Der Verein, der heute mit seinen 700 freiwilligen Helfer:innen das Szene Openair ausrichtet, wurde 1990 von Musiker:innen des Jazzseminars gegründet. Das Jazzseminar gibt es noch immer, TschauLebe! ist eine dort entstandene Cover-Formation, die dieses Jahr das erste Mal auf dem Szene Openair aufgetreten ist. Heimischen Musiker: innen eine Plattform geben, bedeutet auch, dass die Headliner von morgen gebucht werden: Cordoba78 zum Beispiel, die erst 24 Stunden vor ihrem Auftritt ihr Debüt-Album „Afterhour Kaltenbrunnen“ releast haben. Als ob das nicht Grund genug zum Feiern wäre, hat die Band bei ihrem Gig zum zweiten (und wie Sänger Carlo versicherte: letzten) Mal Platz gemacht für einen Heiratsantrag auf der Bühne. Die „Ghetto-Tech-Hyperpop“-Musikerin Vicky hat auf der Szene-Bühne ihre Headliner-Qualitys schon unter Beweis gestellt und Bibiza, der in Lustenau am Freitag aufgetreten ist, befindet sich sowieso in seiner „Rocknrollst★r“-Ära. Den werden wir ab 2027 eher nicht mehr auf einer österreichischen Festival-Bühne im Tageslicht spielen sehen.
Jedes Festival, so auch das Szene Openair, hat zwei Gesichter. Ein Doppelleben sozusagen. Am Kerngelände gibt’s die Livemusik und die kulinarische Ablenkung. Am Campingplatz die eigenen Partys, die eigene Musik. Die eigenen Regeln. Die ersten Beweisfotos Sonntag Früh vom Campingplatz zeigen, dass die Besucher:innen nach drei Tagen Nicht-Disziplin doch noch den guten alten Müllsack entdeckt haben.
Grünes Festival auf grüner Wiese
Als eines der größten Festivals in Westösterreich setzt das Szene Openair seit Beginn auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Zum Beispiel mit Recyclingstationen und Müllpfand. Das Festivalgelände ist während des Festivals erstaunlich sauber. Die Mülltonnen prall gefüllt. Pfand gibt es hier nicht nur auf die Getränkebecher, sondern auf jede Donut-Tüte und jeden Pizzateller. Die Einblendungen auf den Videowalls auf der Hauptbühne erinnern die Besucher:innen daran, keine Zigarettenstummel auf den Boden zu werfen und sich Taschenaschenbecher von den Bars zu holen, denn: ‚Ein einziger Stummel kann bis zu 40 Liter Grundwasser verunreinigen‘ ist da zu lesen. Die größte Auswirkung auf die Umwelt habe bei einem Festival die An- und Abreise: „Da gibt es auch viele Studien dazu, dass zum Beispiel ein eintägiges Festival ohne Camping einen viel höheren Impact hat als ein dreitägiges Festival, wo man nur einmal anreist und dann drei Tage bleibt.“ Für die An- und Abreise stehen Shuttlebusse zur Verfügung – und Fahrradparkplätze. Das Gelände liegt schließlich am Radweg. Hannes Hagen vom Szene Openair erklärt, das Wichtigste sei, die Besucher:innen zu motivieren, umweltbewusst zu handeln.
„Wir sind wirklich eine grüne Wiese! Es gibt Kanalanschluss, Wasseranschluss, einen kleinen Stromkasten und den Rest müssen wir selber hierherbringen und aufbauen“, erzählt Hannes über den Festivalalltag hinter den Kulissen. In den nächsten Tagen wird das Festivalgelände am Alten Rhein wieder in seinen ursprünglichen „grüne Wiese“-Zustand zurückversetzt. 700 ehrenamtliche Mitarbeiter:innen sind am Szene Openair im Einsatz. Viele davon konnte man beim Konzert von Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys ausgelassen feiern sehen. Für die Bella Crew und alle, die das Wochenende in Lustenau verbracht haben, hier eine Festivalhymne: