Im Sommer 2022 taucht eine Serie auf, die schnell in aller Munde ist. Stressig ist sie, sehr stressig, heißt es. Die Kamera bewegt sich unruhig durch eine kleine, schmuddelige Lokalküche und zeigt dabei Menschen, die kochen, streiten, sich anschreien. Fleisch wird in Pfannen geschmissen, Fett spritzt, manchmal klatscht auch was auf den Boden. Im Zentrum steht Carmen „Carmy“ Berzatto (Jeremy Allen White), ein erfolgreicher Sternekoch, der nach dem Tod seines Bruders aus New York in seine Heimat Chicago zurückkehrt, um das Familienbusiness, einen heruntergekommenen Sandwich-Laden, zu retten.

Dann ist da noch Cousin Richie (Ebon Moss-Bachrach), der ganz andere Vorstellungen von einem guten Lokal hat und dem Carmys abgehobener Führungsstil gar nicht schmeckt. Und die ambitionierte Sydney (Ayo Edebiri), die im The Beef, wie der Shop schlicht genannt wird, anheuert. Nach und nach lernen wir weitere Mitarbeiter:innen und Familienmitglieder der Berzattos kennen, die alle auf ihre Weise schräg und sympathisch sind und eine perfekte Chaostruppe bilden.

Höhen und Tiefen der Serie – und die besten Folgen

Christopher Storers Serie „The Bear“ hat in den vergangenen Jahren wie nur wenige andere Serien für Euphorie gesorgt. Einzelne Folgen haben Kultstatus erlangt. Die Folge„Fishes“ aus Staffel 2 etwa: Ein Weihnachtsessen mit Familie und Freund:innen wird zur nervenaufreibenden Hölle, sensationell darin allen voran die Performance von Jamie Lee Curtis als Carmys Mutter. Auch die High-Speed-Episode „Review“ aus Staffel 1 oder „Forks“ aus Staffel 2, in der Richie die meiste Zeit damit verbringt, Gabeln zu polieren, und an deren Ende Olivia Colman einen denkwürdigen Auftritt hat, zählen zum Besten, das die Serie hervorgebracht hat.

Aber auch für Kontroversen hat „The Bear“ gesorgt. Mit Staffel 3 und 4 hat die einst hochgelobte Serie deutlich an Schwung verloren und zu Recht hat man sich gefragt, wo das alles eigentlich noch hinführen soll. Staffel 3 war von unzähligen Rückblenden und Redundanz durchzogen und hat sich dabei erzählerisch kaum vom Fleck bewegt. Einer der wenigen Höhepunkt war die Folge „Napkins“, für die Ayo Edebiri einmalig die Regie übernommen hatte, die davon erzählt, wie Tina (Liza Colón-Zayas) nach langer und aufreibender Jobsuche im The Beef gelandet ist. Hier zeigt sich eine große Qualität der Serie: Sie nimmt auch ihre Nebenfiguren sehr ernst und gibt ihnen durch Backgroud-Storys mehr Tiefe.

Kommt Staffel 5 zu einem gelungenem Ende?

Heuer wurde dann bekannt, dass Staffel 5 die letzte Staffel von „The Bear“ sein wird. Noch bevor sie herauskam, ist dann aber noch eine einstündige Überraschungsfolge mit dem Titel „Gary“ erschienen. Die Folge funktioniert losgelöst als Prequel-Episode, die Protagonisten sind Richie und Carmys verstorbener Bruder Mikey (Jon Bernthal). Die beiden unternehmen einen Arbeitstrip in den benachbarten Bundesstaat, wo sie schließlich bei einem Saufgelage in einer Tagbar landen. Die Folge beleuchtet die komplexe und von Depression geprägte Freundschaft zwischen Richie und Mikey, ist flott erzählt und hat viel von dem ursprünglichen Geist von „The Bear“, der der Serie erst so viele Fans beschert hat.

Gute Voraussetzungen für die finale Staffel, die direkt da anschließt, wo Staffel 4 geendet hat. Es ist der Morgen, nachdem Carmy bekanntgegeben hatte, das Kochen an den Nagel zu hängen und Syd die Führung ihres mittlerweile zum Gourmetrestaurant aufgebauten The Bear zu überlassen. Die ganze Staffel spielt fast ausschließlich an einem Tag und zeigt die Crew dabei, wie sie sich trotz zahlreicher Widrigkeiten auf einen heillos überbuchten Abend im Restaurant vorbereitet. Gleichzeitig schüttet es draußen unablässig, selten verlässt die Kamera das Restaurant. Während Syd versucht, sich an ihre neue Rolle und die damit verbundene Verantwortung zu gewöhnen, hilft Carmy noch einmal aus.

Am Anfang wirkt Staffel 5 durch ihr stark eingeschränktes und düsteres Setting noch etwas starr und unterkühlt. Der Funke springt noch nicht ganz über. Aber von Folge zu Folge steigert sich die Intensität und es flackert auch hier und dort wieder der alte Charme der Figuren auf. Die Faks-Brüder (Matty Matheson und Ricky Staffieri) sind mit Wasserrohrbrüchen und einem Loch im Dach beschäftigt, Richie mit maximising, wie er es nennt, Carmys Schwester Sugar (Abby Elliott) mit roten Zahlen, Marcus und Luca (Lionel Boyce und Will Poulter) mit Desserts und einer Freundschaftskrise und Syd versucht alles zusammenzuhalten und dabei nicht die Nerven zu verlieren.

In „Caramel“, der vorletzten, knapp einstündigen Folge, geht dann das finale Service und damit das große Finale über die Bühne und alles greift so ineinander, wie es für ein gelungenes Ende einer geliebten Serie sein muss. Hektik, Chaos, Kuriositäten und das ein oder andere Freudentränchen. Serienmacher Storer gelingt nach längerer Durststrecke ein Abschluss, der sich sehen lassen kann. Die letzte Folge setzt dann in Sachen Emotionalität noch eins drauf. Am Schluss bekommen wir einen sehr berührenden Moment zwischen Carmy und Syd, der diese besondere Freundschaft und Arbeitsbeziehung noch einmal gebührend zelebriert.

Keine Songs, trotzdem viel Emotion

Ein Wermutstropfen der letzten Staffel ist, dass sie neben dem intensiven Score (von Christian Lundberg komponiert und von Hans Zimmer produziert) keine Songs featured. Die ikonischen Needle Drops in „The Bear“ waren lange Zeit fixer Bestandteil der Serie und haben die Stimmungen einzelner Szenen perfekt unterstrichen, ob hektisch-druckvoll mit „New Noise“ von Refused oder tragend-melancholisch mit Sufjan Stevens’ „Chicago“ und Wilcos „Via Chicago“. Der Soundtrack war ein zusätzlicher Protagonist. Dass man auf diesen im großen Finale verzichtet hat, ist schade, aber aufgrund des starken Abschlusses zum Glück verkraftbar.

„All good“ schreibt Carmy auf seinem Handy seinem verstorbenem Bruder Mikey am Ende der letzten Staffel. Und das ist es zum Glück auch. Trotz aller Höhen und Tiefen wird „The Bear“ noch lange eine Herzensserie bleiben, dessen liebenswerte Protagonist:innen Carmy, Sydney, Richie, Marcus, Tina und noch einige andere ich schon jetzt vermisse.