Es dauert keine paar Minuten, bis sich dieses spezielle Spielberg-Feeling einstellt. Orchestrale Musik ertönt zum Beginn von "The End Of Oak Street", die in ihrer aufgeweckten Euphorie bei Filmfans sofort Knöpfe drückt. Erinnerungen an wundersame Welten werden wach, an eine goldene Ära des Blockbusterkinos.
„Bitte lass deinen Soundtrack so wie die großartigsten Melodien von John Williams klingen“, dürfte Regisseur David Robert Mitchell seinem Komponisten gesagt haben. Und tatsächlich, Vollprofi Michael Giacchino („Lost“, „The Batman“), der gerade auch Spider-Mans aktuelle Abenteuer untermalt, gelingt ein kleiner Geniestreich. Der Score zu „The End Of Oak Street“ hört sich an wie eine Hommage an das Gesamtwerk von Filmmusik-Ikone John Williams.
Perfekt passend zu einem rasanten Sci-Fi-Action-Spektakel, das in jeder Szene versucht, sich vor „Poltergeist“, „E.T.“, „Close Encounters of the Third Kind“ oder „Jurassic Park“ zu verbeugen. Vor Hollywood-Klassikern aus den 1980er und 90er Jahren also, die untrennbar mit den Namen Steven Spielberg verbunden sind.
Nicht zu viel erklären, lautet das Motto
Dabei ist der aus Michigan stammende David Robert Mitchell kein bloßer Kopist. Mit seinem Durchbruchsfilm „It Follows“ revolutionierte er 2014 das Horrorkino. Während andere Regisseur:innen damals mehr Blut, mehr Jumpscares, mehr schnelle Schnitte forcierten, setzte Mitchell auf eine hypnotische Stimmung und unheilvolle Bedrohlichkeit. Vor allem brachte er das Geheimnis wieder in das Genre zurück. Ein undefinierbares und tödliches Etwas verfolgt in dem Hipster-Schocker eine junge Frau (Maika Monroe) und ihren Freundeskreis. Was genau hinter dem Schrecken steckt, der sich da in Schrittgeschwindigkeit nähert, verschweigt „It Follows“ bewusst.
Auch im Neo-Noir-Thriller "Under the Silver Lake" (2018) verbirgt sich hinter einer poppig-bunten Fassade ein Abgrund an Geheimnissen. Andrew Garfield stolpert darin in einer seiner besten Rollen als Amateurdetektiv durch Los Angeles. Zwischen durchgeknallten Partyszenarien und bizarren Villen in den Hollywood-Hills lauert ein verschwörerischer Untergrundkult. „We crave mystery because there’s none left“, fasst der junge Antiheld die Philosophie des Films und seines Regisseurs zusammen.
Weil der fantastische Mix aus Comedy und Düsternis floppte, dauerte es eine Weile, bis der Autorenfilmer Mitchell wieder ein neues Projekt verwirklichen konnte. Aber auch „The End Of Oak Street“, sein mit Abstand aufwändigster Film, folgt dem Motto: Ja nicht zu viel erklären, bitteschön. Eines Tages, das weiß man bereits aus den Trailern und der Werbekampagne, tauchen in der besagten Vorstadtstraße urzeitliche Monster auf. Ein kosmischer Unfall, munkelt die im Zentrum des Films stehende Familie Platt, nachdem in der Nacht zuvor seltsame Lichterscheinungen die Stromversorgung lahmlegten. Ganz egal, was dahintersteckt, Dinosaurier rennen plötzlich durch die Gassen von Suburbia und verspeisen gierig die Nachbar:innen unserer panischen Figuren.
Liebe für mysteriöse Plots und Genre-Meisterwerke
Bevor es zur drastischen Begegnung von Mensch und Monster auf dem gepflegten Vorstadtrasen kommt und der Soundtrack von beschwingt zu bedrohlich wechselt, lernen wir die Platts näher kennen.
Mutter Denise (Anne Hathaway) kann ihre Frustration nicht verbergen, ins Hausfrauendasein gedrängt schreibt sie nachts im Bastelkeller an einem Roman. Vater Greg (Ewan McGregor) wiederum ist es peinlich, dass er als Pizzabote arbeiten muss, weil die guten Jobs rar sind. Die Teenager-Kinder Audrey und Brian (Maisy Stella & Christian Convery) leiden unter den Streitereien ihrer Eltern, mobbende Schulkolleg:innen vervollständigen das Bild. Die Bilderbuchfamilie an der Oberfläche also, die von Krisen und Konflikten zerfressen ist, auch das kennt man von Steven Spielberg.
Für David Robert Mitchell kommt in „The End Of Oak Street“ vieles zusammen. Zum einen die Vorliebe für höchst mysteriöse Plots. Zum anderen seine innige Begeisterung für Genre-Meisterwerke wie „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ oder „Jurassic Park“. Beides, die Mystery-Obsession und die Spielberg-Vergötterung, teilt Mitchell mit seinem Produzenten JJ Abrams. Im Endeffekt, betonen die beiden ewigen Geeks in Interviews, wollten sie zusammen eine Twilight-Zone-Episode für die große Leinwand kreieren, auch diese legendäre Gruselserie hat ein gewisser Steven S. geschätzt.
Familienspaß mit Horrorbonus
Natürlich kann man den Versuch, einen Retro-Blockbuster zu drehen, der den Pfaden von 80er-Vorlagen pingelig folgt, als nostalgische Fingerübung abtun. Aber die kurzweiligen 100 Minuten, die man in der Oak Street verbringt, machen halt auch schon ziemlich Spaß. Übertrieben glatt und gefällig geht es trotzdem nie zu, Regisseur Mitchell steht zu seinen Horror-Roots und dehnt die Altersfreigabe (hierzulande ab 12) oft ziemlich erstaunlich.
Zum Entertainment-Faktor des Films tragen aber nicht nur die tadellos animierten Saurier bei. Anne Hathaway, die US-Schauspielerin, die neben Zendaya das Kinojahr 2026 wohl am meisten dominiert, begeistert in einer Rolle abseits filmischer Mutterklischees. Ewan McGregor balanciert als Papa Platt charmant auf dem Grad von Held und Antiheld. Man möchte eigentlich viel mehr Zeit mit dieser Familie verbringen. Dass es manchmal wirkt, als würden ganze Handlungsstränge fehlen, ist vielleicht der Hauptkritikpunkt an „The End Of Oak Street“.
Jedenfalls eine Empfehlung: Wer Filme (oder Serien wie „Stranger Things“) mag, in denen Schulkinder auf BMX-Rädern durch sonnige Straßen düsen, wo jeder Raum voller Vintage-Popkultur-Referenzen steckt, wer auf bläuliche Lichteffekte à la „Poltergeist“ steht, wer den Moment in „Jurassic Park“ feiert, wo der T-Rex zum ersten Mal auftaucht, wer beim „E.T.“-Thema sentimental wird: Ab ins größtmögliche Kino!