2001 haben fünf junge Musiker aus der Manhattan Upper Class den Rock gerettet. Das Garagen-Rock Debüt „Is This It“ von The Strokes erhält drei NME Awards, Doppelplatin in England und liefert mit „Last Night“ den perfekten Hedonismus-Party Hit für das neue Millenium.

Erst 20 Jahre später erhält die Band für ihr sechstes Album „The New Abnormal“, das während der Pandemie entstanden ist, einen Grammy Award. Produziert von dem Soundguru Rick Rubin, dem Mann mit dem weißen Rauschebart in seinen passend getauften Shangri-La Studios in Malibu. Nach sieben Jahren Pause experimentieren The Strokes mit Drummachines und neuen Sounds, wodurch das großartige Stück „The Adults Are Talking“ entsteht.

Zwischen Auto-Tune und Gitarren Riffs

2026 scheint das neue The Strokes-Album „Reality Awaits“ die Fangemeinde und so manche Kritiker-Riege zu spalten. Warum? Für die Antwort muss man sich nur den Eröffnungssong „Psycho Shit“ anhören, der wohl nicht umsonst diesen Namen trägt. Die schleppende Gitarre am Anfang wirkt schon recht düster. Doch wenn Julian Casablancas’ Stimme immer mehr Ausdruck bekommt und das Experimentieren mit Auto-Tune alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, fragt man sich schon: Ist das jetzt wirklich ernst gemeint?

Was am Anfang noch spannend klingt, wird im Verlauf des Songs mit viel Theatralik auf die Spitze getrieben, wenn Julian Casablancas zu verzerrten Gitarren-Soli durch den Stimmen-Modulator schreit. Zugegeben, auch auf den ersten Alben hat es der New Yorker Sänger geliebt, seine lakonische Art zu singen durch Effekte noch mehr unnahbar zu machen. Aber auf „Reality Awaits“ scheint es, als ob The Strokes damit ein Statement zur gegenwärtigen Weltsituation geben wollen. Die Künstlichkeit, das durch KI und Social Media verfremdete Leben, die Entfernung von der Realität. Oder aber es ist einfach ein experimenteller Spaß, geboren aus Langeweile der eigenen Beschränkung einer Gitarrenband.

Keine Sorge, es gibt auch The Strokes-typischere Songs, wie eines der Highlights „Going To Babble On“, in dem Julian Casablanca uns vermittelt, die Welt drehe sich viel zu schnell und man sei gefangen im Immergleichen. Man möchte eben nicht mehr weiter brabbeln wie bisher. Eine Bestätigung des neuen Sounds, dass die Strokes sich nicht mehr wiederholen wollen und sich gerne von „Last Night“ für immer verabschieden würden. Denn bei diesem Song klingt die Band fast wie die Franzosen Phoenix, wnn sie zu viel Daft Punk Synthie-Gitarren-Soli gehört hätten.

Von Costa Rica in die US Shopping Mall

Ein Grund dafür, dass „Reality Awaits“ so neu klingt, ist erneut Produzent Rick Rubin. Er hat die Band nach Costa Rica in seine Studios eingeladen und die fünf Musiker jeden Tag vor der Arbeit an konkreten Songs stundenlang jammen lassen, während Rotrücken-Totenkopf Affen und Kolibris ihnen über die Schultern geschaut haben, wie man in der kurzen Doku „In Transit: Part II“ sehen kann. Zum Sonnenuntergang und am hauseigenen Swimming-Pool mit Blick aufs Meer haben sich The Strokes und Rick Rubin dann die Früchte ihrer Arbeit angehört. Die Eroberung des neuen Sounds läuft aber nicht ohne Ecken und Kanten. Denn fast jeder Song kippt in der letzten Minute in aberwitzige, schräge Experimente.

Apropos Experimente: Der Song „Liar’s Remorse“ kommt ganz ohne Schlagzeug oder Percussions aus. Nur verhallter Auto-Tune Gesang, verhallte Gitarrenlinien und Orgelsound kreieren eine sonderbare „nicht von dieser Welt“-Atmosphäre. Und wo andere Songs in der letzten Minute abgedreht wirken, wird uns bei „Liar’s Remores“ verdeutlicht, dass The Strokes auch daraus einen veritablen Radio-Hit machen hätten können. Nur wollten sie das eben nicht.

Zwischen den traurigen und oft witzigen Gesangslinien verstecken sich dann auch noch kleine, gesellschaftspolitische Querschläge. Denn die Realität vieler Amerikaner:innen spielt sich immer noch in den Shopping Malls ab, zwischen täglichen Angst-Schlagzeilen und Pausenclowns, wenn die turbo-kapitalistischer Verkaufsmaschinerie zu apathischem „unpacking“ führt.

Sieht so die Zukunft aus?

Am Ende werden wir alle am Boden der Realität langen. Die Realität, mit denen uns The Strokes auf „Reality Awaits“ erwarten, ist geprägt von Desillusionierung, zerbrochener Liebe, Orientierungslosigkeit und vielleicht deshalb auch dem Verlust der Liebe.

„Falling Out Of Love“ ist trotz Auto-Tune eine wunderschöne Ballade geworden, die mit melancholischen Gesangslinien spielt, einen Herzschmerz-Refrain geschmackvoll auf einen harmonisch dunkleren Teil treffen lässt, der erneut nach Daft Punk klingt.

The Strokes lassen es sich 2026 nicht nehmen, uns vor der einsamen Zukunft zu warnen. Klar, wir fühlen uns zu Fangruppen zugehörig, kommen auf Harry Styles Konzerten zu Tausenden zusammen, aber ist das wirklich unsere zukünftige Solidaritätsgrundlage? Haben wir das nicht schon als Kinder vor vielen Jahren auch praktiziert? Vielleicht ist das auch zu viel Interpretation von dem Song „Lonely in the Future“ und es geht der Indiepop-Band nur um ein Bashing der Musikindustrie.

Trotzdem: Dieser clevere Hit bringt die Grundstimmung und unter der Oberfläche brodelnden Frage von „Reality Awaits“ auf den Punkt. Wollen wir in einer technikdominierten, immer künstlicher werdenden Welt aufwachen? In einer brave new reality? Wenn es nach den Strokes geht, ist die Antwort mit diesem Album ein klares Nein.