Ja, auch das F-Wort fällt einmal in diesem Film. Nach dem zehn Jahre dauernden trojanischen Krieg verspricht Feldherr Odysseus seinen Kampfgefährten endlich die Heimreise nach Ithaka. Die dazugehörige Aufforderung, wieder in See zu stechen, kommt flapsig daher. In der Pressevorführung sorgt das „Let’s leave this fucking place" aus antikem Mund für Kichern. Viel mehr gibt es dann auch schon nicht mehr zu lachen im beinahe dreistündigen Blockbuster "The Odyssey“.

Den fehlenden Humor könnte man vielleicht als eine Achillesferse von Christopher Nolan bezeichnen. Der Brite, der spätestens seit seiner „Batman“-Trilogie zu den größten Regiestars der Gegenwart gehört, schwört auf heiligen Ernst in seinen Filmen. Erst recht, wenn es um Homers Heldenepos „Die Odyssee“ geht, einen dramatischen Urstoff der Literaturgeschichte.

Andererseits setzten frühere Verfilmungen bewusst auf komische Momente. Während ihrer langen Irrfahrt in die Heimat überleben die griechischen Krieger manch gefährliche Situation nur durch raffinierte Finten. Im farbenfrohen Monumentalfilm „Ulisse“ von 1954 spielt Kirk Douglas einen verschmitzten König Odysseus, der finstere Bedrohungen oft lachend meistert. Den körperlichen Versuchungen, die Homer für seinen Helden parat hat, begegnet er mit einer Womanizer-Attitude der Fünfziger-Jahre.

Beides, Odysseus als gewitzter Blender und schamloser Frauenheld, hat in der Neuversion nichts zu suchen. Christopher Nolan will männliche Coolness eher demontieren, seine Figuren sind Obsessive, Getriebene, Verlorene auf einer Reise Richtung Erlösung. Von Guy Pearce im Durchbruchswerk „Memento“ über Christian Bale als Batman bis zu Leonardo DiCaprio in „Inception“ – kaum ein Filmemacher etablierte den gebrochenen Antihelden stärker im Mainstreamkino. Matt Damon als zerfurchter Odysseus fügt sich nahtlos in diese Riege ein.

Schuld und Sühne, Moral und Ethik

Im Grunde ist der König von Ithaka sogar ein naher Verwandter des Protagonisten in Nolans letztem Film davor. Im Oscar-Abräumer "Oppenheimer" (2023) zweifelt die historische Physiker-Figur an der Erfindung der Atombombe, als es zum ersten verheerenden Einsatz der Waffe in Japan kommt. Als Odysseus das ausgelöschte Troja sieht, die Leichenberge und rauchenden Ruinen, wird ihm das Ausmaß des Grauens bewusst, das er maßgeblich mitverursacht hat. Schuld und Sühne, das sind weitere Schlüsselthemen von Christopher Nolan, der mitten im Blockbuster-Bombast gerne Moral und Ethik verhandelt.

Die fatale, bewusst chaotisch und ohrenbetäubend inszenierte Schlacht, mit der alles beginnt, zeigt uns „The Odyssey“ erst gegen Ende. Nolan liebt nicht-lineare Plots, Zeitsprünge, verschobene Chronologien, in diesem Fall kommt ihm die Vorlage entgegen. Auch der Dichter Homer arbeitet in seinem Epos mit Rückblenden, Einschüben, Perspektivwechseln.

Wir sehen am Anfang zwar das trojanische Pferd im Sand stecken, als vermeintliches Dankesopfer, wir verfolgen, wie die berühmteste Kriegslist der Antike ihren Lauf nimmt. Das grausame Massaker der Griechen in der Stadt Troja, näher geschildert in der „Ilias“ von Homer, folgt dann im blutigen Detail aber erst im Finale von „The Odyssey“.

Dazwischen liegt eine Irrfahrt, die es in sich hat. Infernalische Stürme, menschenfressende Zyklopen, verstörende Begegnungen mit Zauberinnen und Sirenen dezimieren die Gefährten. Das klingt nach Fantasy-Klischees, aber wie immer vermeidet Nolan erkennbare Computereffekte um jeden Preis. Besonders der Angriff der Laistrygonen, monströser Riesenkrieger in Rüstungen, lässt einen im Kinosessel tiefer rutschen. Analoge Tricks verschmelzen mit digitaler Magie. Der Film versucht generell Gegensätze zu vereinen, auch inhaltlich Widersprüche produktiv zu verarbeiten und Brücken zu bauen.

Authentizität und künstlerische Freiheiten

„Das ist bisher die getreueste Verfilmung des Stoffs“, schwärmt Kollege Hans Wu nach der Vorführung, ein ORF-Historienspezialist, der auch in unserem dazugehörigen FM4 Filmpodcast zu Gast sein wird. Der für seine extreme Pingeligkeit berüchtigte Christopher Nolan hat natürlich jahrelang recherchiert, unzählige Homer-Übersetzungen gelesen und Experten kontaktiert.

Gleichzeitig nimmt sich der Regisseur, Autor und Co-Produzent künstlerische Freiheiten heraus, die weit über das F-Wort hinausgehen. Nicht nur, was Kostüme und Looks betrifft. Die Superstar-Besetzung spricht nicht im britischen Duktus der meisten Kostümschinken, der sich von „Gladiator“ bis „Game of Thrones“ durchgesetzt hat. Sondern so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. „Looking for my dad“, sagt Tom Holland als Odysseus’ Sohn Telemachos andauernd, es klingt wie Spiderman auf Vatersuche. Und stört keinesfalls.

Denn Nolan will, dass dieses 250 Millionen Dollar teure Spektakel Antike und Moderne verbindet. An atemberaubenden Schauplätzen rund um die Welt gedreht, unter heftigsten Wetterbedingungen, dringlich um ein Gefühl von Authentizität bemüht, atmet „The Odyssey“ den Geist von Homer.

Gleichzeitig hat der Intellektuelle Christopher Nolan einen diametralen Zugang zum Monumentalkino wie etwa (der mit ihm eng befreundete Regie-Hooligan) Zack Snyder („300“). Diversity ist so selbstverständlich für ihn wie komplexe Frauencharaktere oder die aufgeklärte Auseinandersetzung mit martialischen Stereotypen. Den rechten Kultur-Kriegern aus den Internet-Foren, die am liebsten den Diskurs über die Antike vereinnahmen würden, zeigt dieser Odysseus den Mittelfinger. Und bleibt doch historischen Männlichkeits-Konstrukten treu.

Die Pracht der Bilder genießen

Das Casting, im Vorfeld von Online-Trollen wie Elon Musk als übertrieben woke attackiert, gehört zu den großen Stärken des Films. Der Rapper Travis Scott leitet als düsterer Zeremonienmeister das schaurige Geschehen ein (und steuert zum gespenstischen Abspann-Song von James Blake Vocals bei), die stets begeisternde Zendaya verkörpert eine melancholische Göttin Athene. John Leguizamo, Himesh Patel oder die großartige Lupita Nyong’o holen aus Nebenrollen ein Maximum heraus.

Robert Pattinson scheint als diabolischer Anführer der Freier rund um Penelope geradezu prädestiniert für weitere Historienwerke, gerne auch in römischer Toga. Samantha Morton führt uns die bislang spannendste Version der Zauberin Kirke vor, inklusive einer krassen Bodyhorror-Einlage. Über Charlize Theron als Nymphe Kalypso darf man streiten, in einem Amazonenfilm wäre die toughe Darstellerin eventuell besser aufgehoben.

Im Zentrum stehen dennoch der oft unterschätzte Tom Holland als zerrissener, aber doch smarter Königssohn und seine vom tragischen Schicksal (beziehungsweise rachsüchtigen Göttern) geplagten Film-Eltern. Anne Hathaway, die schauspielerisch gerade den Lauf ihres Lebens hat, bringt die Tragik von Penelope geballt auf die Leinwand. Matt Damon, an dessen geeigneter Physis der Autor dieser Zeilen zugegeben zweifelte, überzeugt auf dem Schlachtfeld gleichermaßen wie in existentieller Zweifler-Pose.

Man kann sich aber auch einfach nur ins nächstbeste Großleinwand-Kino hocken, um die elegante Montage und die Pracht der Bilder zu genießen, die erstmals vollständig mit IMAX-Kameras eingefangen wurden. Dieser Film riecht förmlich nach Meeresgischt, Salzwasser und grünen Pinienwäldern, nach dem Mief finsterer Höhlen und definitiv nach Blut. Ist „The Odyssey“ der Höhepunkt in Christopher Nolans bisherigem Schaffen? Eher nicht, wage ich als Fanboy zu behaupten. Aber sicher ein Highlight im schwächelnden heurigen Blockbuster-Jahr. Beim Zeus, nichts wie rein ins Kino!