Designer und Dämonen

Der Autor Bret Easton Ellis wurde in den 1980er-Jahren praktisch über Nacht berühmt, als er noch Anfang 20 war und mit seinem Debütroman „Less Than Zero“ das Lebensgefühl einer abgestumpften, drogenumnebelten Jugend in L.A. porträtierte. Seitdem gilt er als eine der prägenden Stimmen jener Schriftstellergeneration, die kalte, konsumkritische Milieuschilderungen mit schockierender Direktheit verband.

Richtig berühmt-berüchtigt wurde der Autor dann Anfang der 90er mit „American Psycho“. Das Besondere daran war die Verbindung von stilisierter Yuppie-Satire und grafisch geschilderter Gewalt, erzählt aus der Ich-Perspektive des Investmentbankers Patrick Bateman – wobei bis heute unklar bleibt, wie viel davon Handlung und wie viel Wahnvorstellung ist. Der Roman löste einen regelrechten Skandal aus und wurde in manchen Ländern zeitweise nur unter Auflagen verkauft. „American Psycho“ wurde im Jahr 2000 mit Christian Bale in der Hauptrolle verfilmt.

Breat Easton Ellis’ aktueller Roman „The Shards“ ist insofern besonders, als Ellis ihn ursprünglich gar nicht wie üblich via Verlag veröffentlichte, sondern über mehrere Jahre hinweg als Hörbuch in Fortsetzungen auf seinem eigenen Patreon-Kanal vorlas, bevor daraus 2023 sein erster Roman seit 13 Jahren wurde. Es ist ein semiautobiografisches, metafiktionales Werk, in dem eine fiktionalisierte Version des jungen Ellis 1981 an der noblen Buckley Highschool ins Visier eines Serienmörders gerät.

Als Serie adaptiert hat „The Shards“ letztlich der einflussreiche US-amerikanische Serienschöpfer und Produzent Ryan Murphy, bekannt für provokante, genreprägende Shows wie „Nip/Tuck“ oder „American Horror Story“. Ursprünglich war das Projekt bei HBO angesiedelt, wo Luca Guadagnino als Regisseur im Gespräch war, bevor Ellis sich mit dem Sender überwarf und mit Murphy neu andockte.

Leere und Luxus

Ich weiß nicht, was schlimmer ist: das Benehmen und der Style der Hauptfiguren von „The Shards“ oder die Tatsache, dass sie von einem Serienkiller gejagt werden. Wir sind im Los Angeles des Jahres 1980 unter ultraprivilegierten Nepo-Babys. Eltern gibt es praktisch nicht, die arbeiten die ganze Zeit, nehmen Tabletten oder sind mit den Schulfreunden ihrer Töchter im Jacuzzi, während ihre Bälger mit Sportwägen herumcruisen, Pool-Partys in den Villen feiern, ganz viel koksen und dabei so hohl und leer sind wie der Koks-Stash von Fleetwood Mac nach einer Welttournee. Der Fleetwood-Mac-Song „Tusk“ ist übrigens neben Ultravox’ „Vienna“ bereits in der ersten Folge zu hören.

Der Originaltext von Bret Easton Ellis trägt uns als lakonisches Voice-over unseres Helden Bret, gespielt von Igby Rigney, durch die Pilotfolge. So zieht er uns in seine Gedankenwelt, die gleichermaßen faszinierend wie abstoßend ist. Menschen tragen keine Schuhe, sie tragen Gucci-Schuhe; sie fahren keine Autos, sondern Mercedes 450 SL Cabrios usw. usf. Bret ist noch nicht geoutet, hat eine Alibi-Freundin und verbringt sein letztes Jahr an der Highschool mit zwei weiteren gutaussehenden, beliebten Siegertypen und deren Freundinnen. Bret skizziert als Stimme aus dem Off die nahe Zukunft für sich und seine Freunde: „Eine Saison des Horrors und Mordens, die uns alle zerstören sollte.“

Neben Anspielungen auf die kommende Aids-Epidemie – ein neuer Schüler wird von Bret als zellenzerstörender Virus beschrieben – gibt es einen echten Serienkiller, der die Rich Kids ins Visier genommen hat: Haustiere verschwinden, Pentagramme tauchen an Haustüren auf, junge Frauen verschwinden und ihre Leichen tauchen verstümmelt am Tennisplatz wieder auf. Der Serienmörder wird von den lokalen Medien bald „der Trawler“ genannt. Die Stadt lebt in Angst, während Bret nachts an seinem Roman schreibt, ein Messer griffbereit. Als der Trawler sich männlichen Opfern zuwendet und Bret von einer geheim gehaltenen männlichen Ex-Affäre beschuldigt wird, ihn zu stalken, geraten die Freunde tiefer in den Strudel der Gefahr.

Regisseur Ryan Murphy hat die Serie, passend zur Metafiktion von Easton Ellis, mit Kindern von 80er-Ikonen besetzt: Kaia Gerber – die genauso aussieht wie ihre Mutter Cindy Crawford – als Klassensprecherin Susan und Homer Gere, Sohn von Richard Gere, als Robert, den schönen, unheimlichen Neuen, den Bret hasst und begehrt.

Privileg und Purgatorium

„The Shards“ ist eine Serie über privilegierte junge Menschen, die sich Versionen ihrer selbst geschaffen haben, die weder ihrem wahren Ich noch der Welt um sie herum entsprechen. Die Hauptfiguren verdrängen ihre Identität, ihre verbotenen Wünsche und ihre Unsicherheiten genauso, wie sie die äußere Bedrohung durch den Mörder verdrängen. Die inneren Dämonen und der reale Killer wachsen wie Geschwüre im Verborgenen weiter, bis zur totalen Eskalation. „The Shards“ sieht aus wie ein Gucci- oder Ralph-Lauren-Werbespot aus den 1980er-Jahren, gedreht in wunderschönen Designer-Villen unter immer blauem Himmel in L.A., nur eben mit Splatter-Einschüben.

Das rappte Kanye West 2004 auf seinem Debütalbum „The College Dropout“, bevor er selbst zu einer Figur wie aus einem Bret-Easton-Ellis-Roman wurde. Eine bessere Inhaltsangabe fällt mir 22 Jahre später für die verführerisch scheußliche Serie „The Shards“ nicht ein.