Jemand kommt zu Besuch ist wohl eine der kürzesten und vielseitigsten Ausgangslagen von Filmen und Theaterstücken. Egal ob angekündigt oder überraschend, kann man das Aufeinandertreffen von GastgeberInnen und Gästen als Thriller, Horror, Drama oder Komödie inszenieren. Olivia Wilde setzt mit ihrem neuen Film „The Invite“ auf Komödie und den Horror der sozialen Interaktion, wenn stellenweise Konventionen ignoriert werden. Innerhalb des „Jemand kommt zu Besuch“-Genres genießt das „Paare treffen aufeinander“-Szenario einen besonderen Stellenwert. Schon „Who’s afraid of Virginia Woolf“ oder „God of Carnage“ haben im an sich zivilsierten Rahmen von hübschen Wohnzimmern gesellschaftspolitische Themen ihrer Zeit, vor allem aber auch die Abgründe von Paarbeziehungen auf die Leinwand gebracht.
Da knallen dann Ansagen wie „I swear, if you existed, I’d divorce you“ durch den Raum und sind noch nicht mal die schmerzhaftesten Sätze. Auch „The Invite“ führt relativ früh einen Schmerz ein, nämlich die Rückenschmerzen von Joe (Seth Rogen). Sie sind ein bisschen Tschechows Rückenschmerzen, sie werden später nochmal essentiell werden (weil ich finde, dass schon der Trailer zuviel verrät und alle Reviews eigentlich auch, gibt es hier keine Spoiler – über eine Entwicklung im Film würde es viel zu schreiben geben, aber es ist so viel besser, wenn man die Chance hat, sie ohne Vorwissen zu erleben).
Clinch, Grinch und Cringe
Nach einer mühsamen Fahrt mit einem Klapprad durch die Straßen San Franciscos schleppt sich Joe ächzend und schnaufend in seine wunderschöne Wohnung und muss sich erst mal auf den Boden legen. Schuhe ausziehen ist das erste, was ihm seine Frau Angela (Olivia Wilde) zuruft. Keine Zeit für Freundlichkeiten oder eine Begrüßung, schließlich steht Besuch an. In einer wunderschönen Spilt Screen Montage sehen wir Joe sich zur Wohnung quälen, während Angela einkauft, das Essen vorbereitet und die Wohnung aufräumt, wir lernen die beiden getrennt voneinander kennen. Und als das Ehepaar dann aufeinandertrifft, hat man auch das Gefühl, dass die beiden vielleicht in ihren Split Screens, in denen sie alleine werkeln konnten, glücklicher waren. Jetzt aber scheint in der – nach der aus „The Drama“ wohl schönsten Wohnung des Filmjahres – nicht genug Platz zu sein für die Ressentiments, die sich in 15 Jahren Ehe angesammelt haben. Ob er denn den Wein eh nicht vergessen habe, fragt Angela, heute kommen doch die Nachbarn aus dem oberen Stock zu Besuch. Welcher Wein, welcher Besuch, welche Nachbarn, ist Joes Reaktion kurz zusammengefasst. Während Wilde die Leinwand mit der nervösen Energie einer Gastgeberin ausfüllt, die alles perfekt haben will, nutzt Rogen seine bekannte Screen Persona als freundlicher, aber sarkastischer Grinch hier für düsterere Zwecke als üblicherweise.
Und noch bevor die Gäste auftauchen, weit bevor im Abspann die Widmung „For Diane“ auftaucht, ist hier der Geist der frühen Woody-Allen-Filme spürbar. Mit Diane ist Diane Keaton gemeint – für Olivia Wilde nicht nur eine Inspirationsquelle, sondern auch eine Mentorin. Unter der Regie von Woody Allen drehte Keaton acht Filme, in den meisten von ihnen schnattern sich urbane Männer und Frauen durch Existenz- und Beziehungskrisen. In „Annie Hall“ fällt der Satz „I feel that life is divided into the horrible and the miserable“ und das würde Joe wohl jederzeit unterschreiben. Der Hit seiner Band ist schon viel zu lange her, er unterrichtet Musik an einer Schule, die er als shitty beschreibt und das Klavier in der Wohnung bleibt unangetastet. Nach frustrierendem Arbeitstag, Rückenschmerzen und generellem Weltschmerz jetzt also auch noch das: eine Dinnerparty mit den Nachbarn.
Selbst wird man auch schon ganz nervös, nicht nur weil die Anspannung und die fiesen Worte, die zwischen Angela und Joe hin- und herfliegen (und die den beiden schon gar nicht mehr als besonders fies auffallen) nichts für schwache Nerven sind, sondern auch, weil der Soundtrack von Devonté Hynes sich in Form eines auch eher nervösen Cellos dazwischen- und darübermischt. Während Joe Angela ankündigt, er werde die Nachbarn darauf ansprechen, dass ihm deren lauter Sex wahnsinnig auf die Nerven geht, klingelt es auch schon an der Tür. Die Spannung im Raum ist spürbar; als Pina (Penelope Cruz) und Hawk (Edward Norton) die Wohnung betreten, fragen sie, ob der Zeitpunkt auch wirklich passt. Sie hätten die beiden streiten gehört. Die beinah filterlose Ehrlichkeit von Hawk, der Sarkasmus von Joe, der in jedes Gespräch reingrätscht, die Nervosität von Angela und die zunächst fast mystisch wirkende Ruhe von Pina, das sind die Basis-Zutaten dieser Komödie.
Paare, die sich in die Haare kriegen
Theoretisch würde der Begriff Kammerspiel passen, denn der Film spielt – abgesehen von der Anfangssequenz – nur in dieser Wohnung, doch dem Wort Kammerspiel haftet so eine trockene Theaterhaftigkeit an – und davon ist „The Invite“ komplett befreit. Der Ursprung der Geschichte war aber ein Theaterstück: „Los Vecinos de Arriba“ von Cesc Gay aus dem Jahr 2020. Daraus wurde 2020 der Film „Sentimental“, dann folgten französische, italienische, schweizer und südkoreanische Adaptionen. Für „The Invite“ haben Rashida Jones und Will McCormack das Drehbuch geschrieben. Die beiden waren nicht nur kurz tatsächlich ein Paar, sondern auch haben schon 2012 mit „Jesse and Celeste Forever“ einen herrlichen Film über komplizierte Beziehungen geschrieben. Olivia Wilde arbeitet als Regisseurin mit ihren Schauspielpartner:innen über einige Wochen an dem Drehbuch, Figuren ändern sich, Monologe werden geschrieben, der Film wächst organisch mit den Darsteller:innen. Den bemerkenswerten Monolog von Hawk im letzten Drittel hat Edward Norton geschrieben; er will ihn Wilde nicht zeigen, bevor sie ihn drehen, Wilde stimmt zu und Norton ist so begeistert wie irritiert davon, dass sich eine Regisseurin auf so etwas einlässt.
In dieser Umschreib-Phase entsteht wohl auch die Ambivalenz der Figuren. Joe, Angela, Pina und Hawk sind nicht die üblichen Blaupausen für Hetero-Paare, die in Filmen und Serien gern zum Einsatz kommen; es sind sehr spezifische Figuren, für die die Zuseher:innen an unterschiedlichen Punkten Sympathie und Zustimmung empfinden. MIt ihnen wandern wir durch die Wohnung und in einer besonders beeindruckenden Szene sehen wir, wie sich Joe und Angela ändern, wenn sie mit jemand anderem zu tun haben. Joe und Pina rauchen einen Joint in Joes Arbeitszimmer und die Grantscherben-Hülle bröckelt ab. Angela zeigt Hawk die Wohnung – endlich ist da jemand, der sich auch für Inneneinrichtung interessiert – und gewinnt in den paar Schritten durch ihre Wohnung an Souveränität. Edward hat sogar eine Meinung zu den Wandfarben, Joe sieht nicht mal, dass es unterschiedliche Farben sind. Und Joe? In der Szene mit Pina kriegen wir sogar das Markenzeichen von Rogen zu hören, das kehlige Lachen.
Von Hawk ist Joe weniger begeistert und lässt ihn das spüren; für Angela scheint dieses Paar aus dem oberen Stock, das so lässig und in sich ruhend wirkt, wie ein unerreichbares Ziel. Ein fauleres Drehbuch hätte einfach die scheinbare Perfektion und Progressivität von Pina und Hawk mit einem halbguten Twist zusammenbrechen lassen. „The Invite“ aber will nicht einfach nur die Mär vom Gras, das auf der anderen Seite immer grüner ist, enttarnen. Es ist eine Comedy of Manners, die – wie Meister Larry David in „Curb your Enthusiasm“ – auch darauf setzt, wie Gespräche verlaufen, wenn man Floskeln und Höflichkeiten oder Konventionen beiseite lässt. Angelas Gesichtsmuskeln wissen schon gar nicht mehr, wohin sie noch zucken sollen, als Pina und Hawk von ihren Sexparties erzählen – für den Lärm wollen sie sich nämlich entschuldigen. Das nimmt Joe natürlich den Wind aus den Segeln, war doch das Ansprechen des nächtlichen Lärms der Trumpf, den er in der Tasche hatte, um den Abend stimmungsmässig entgleisen zu lassen.
Die Stimmung an diesem Abend ändert sich dauernd, eine harmonische Dinnerparty ist es es so gut wie nie, aber das wäre für uns ja auch längst nicht so interessant wie die Entgleisungen, Geständnisse, Zusammenbrüche und Erkenntnisse. „The Invite“ ist komisch und schmerzhaft gleichzeitig mit seinem Blick auf Paarbeziehungen, eingefahrenen Mustern und den Diskrepanzen zwischen wer wir sind, wer wir mal sein wollten und wer wir jetzt gerne wären. „The Invite“ kennt keine Tabus, aber viel wichtiger, es zeigt, was für eine virtuose Regisseurin Olivia Wilde ist. Das Kinojahr 2026 wäre nicht das gleiche ohne Pinas Erklärung der Perimenopause mit einer Hoden/Oliven-Metapher.