Wollen Kinder überhaupt noch Spielzeuge? Elternschaft in den 2020er Jahren scheint ein permanenter Kampf gegen Screentime zu sein. Jedes Jahrzehnt scheint seine eigenen Tücken zu haben. In den 1990er Jahren waren der Gameboy und das „Mad“-Magazin die Hauptfeinde. In den 1960er Jahren wurde meiner Mutter attestiert, sie werde nie einer Sprache mächtig sein, weil ihr Safe Space Entenhausen war. Ich kenne nur wenige Filme, die die Angst einer misstrauischen, älteren Generation gegenüber einer scheinbar verlorenen, jungen Generation so liebevoll, einfühlsam und charmant humorvoll entkräften wie der Film „Toy Story 5“, den man derzeit in den Kinos sehen kann.
Große Themen im Kleinen
Die Macher:innen wissen um diese immer wieder erneuerten Ängste, dass alles mit den Kindern von heute den Bach runtergeht, und holen mit ihren liebevoll bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Charakteren alle Jahrgänge ab. Hier werden im Kleinen große Themen verhandelt: Kindheit, Elternschaft, Aufwachsen, Familie, Einsamkeit und Unsicherheiten auf beiden Seiten – und das, obwohl Menschen nicht die Hauptrolle spielen. Wie gehen wir mit Technologie um? Welche Rolle spielt Nostalgie in unserem Leben? Wie können wir unseren Kindern das geben, was uns gefehlt hat, obwohl sich die Zeit geändert hat und sie vielleicht eine andere Art der Unterstützung brauchen?
Eine ganze Reihe solcher Fragen ist in diesen lustigen und leichtfüßigen, perfekt gemachten Animationsfilm verwoben. Die „Toy Story“-Franchise bietet eine einzigartige Perspektive auf die Verlassenseinsängste erwachsen werdender und seiender Menschen und erzählt dabei in beide Richtungen viel über Familie und die Angst vor Verlust.
Screentime als zentrales Thema
2026 besteht für viele mit Nachwuchs die Herausforderung darin, die Kinderseelen nicht an den Algorithmus zu verlieren, sondern sie zu Menschen zu erziehen, die zu Empathie, sozialer Interaktion und Interesse für die analoge Welt fähig sind. Diese Herausforderung zieht in „Toy Story 5“ in Form von Lilypad in das Kinderzimmer der achtjährigen Bonnie ein.
Bezeichnend für diese Mission, sich den Schwierigkeiten zu stellen, die neue Technologien mit sich bringen, sei für Tom Hanks (der Woody im Film seine Stimme gibt) eine Szene, in der man die Skyline einer Stadt sieht und in den Fenstern der Kinderzimmer nur das blaue Leuchten von Handys erblickt, alle Gesichter auf Displays gebannt. Dieses Bild, sagte Hanks, löse bei ihm regelrecht Angst aus.
Jessies Reise
All die Liebe und Emotionen, die man als Kind in seine Lieblingsspielsachen projiziert hat, werden hier zum Tableau, das die einzelnen Figuren so einzigartig und lebendig macht: Sheriff Jessie, Sheriff Woody, der inzwischen als selbstbestimmter Außenseiter lebt, Buzz Lightyear, Rex und Co.
Statt sich auf Woody und Buzz Lightyear (gesprochen von Tim Allen) zu konzentrieren, stellt der fünfte Teil von „Toy Story“ Jessie (gesprochen von Joan Cusack) ins Zentrum. Jessie war zu Beginn der Reihe ein Yodeling Cowgirl, ein Sidekick von Woody. Jetzt ist sie der Sheriff, die Anführerin der Spielsachen in Bonnies Zimmer, ihr treues Pferd Bullseye, eine Mischung aus Lassie und Chewbacca, steht an ihrer Seite. Ihre Vergangenheit, das tragische Verlassenwerden durch Emily, ihr erstes Kind, und die Jahrzehnte des Eingesperrtseins in einer Plastikbox bei einem Sammler hat seelische Narben hinterlassen.
„Toy Story 5“ knüpft an Jessies schmerzhafte Vorgeschichte aus „Toy Story 2“ an. Ihr jetziges Kind, die achtjährige Bonnie, wendet sich zunehmend von ihren klassischen Spielzeugen ab und lässt sich stattdessen von einem neuartigen, froschförmigen Tablet namens Lilypad einlullen, das verspricht, sie online beliebter zu machen.
Die Handlung ist zu Beginn recht verschachtelt, für ganz junges Publikum vielleicht eine zu komplizierte Heldinnenreise. Neben Bonnie und ihren Spielzeugen taucht auch Blaze auf, ein Kind, das inzwischen im früheren Haus von Emily lebt. Dazu kommen zahlreiche Nebenfiguren aus den Vorgängerfilmen sowie eine Gruppe außer Kontrolle geratener Hightech-Modelle von Buzz Lightyear. Auch Blazes ausrangierte Tech-Spielzeuge übernehmen eine Rolle: ein GPS-Nilpferd namens Atlas, eine Kamera namens Snappy und das von Conan O’Brien gesprochene, tragbare Toilettentrainingsspiel Smarty Pants. Sie alle helfen Jessie dabei, wieder zu Bonnie zu finden.
Update eines zeitlosen Themas
„Toy Story 5“ knüpft an das zentrale Motiv der Reihe an, die Vergänglichkeit von Kindheit und damit einhergehende Verlustangst, erweitert dieses Thema aber um eine aktuelle Facette: die Frage, ob digitale Technik das klassische Spielzeug im Grunde bereits verdrängt hat, was das mit Kindern macht und für das Lernen von sozialer Interaktion bedeutet. Die Rolle von Lilypad ähnelt dabei der Rolle, die neue, mit der Pubertät kommende Figuren im Pixar-Film „Alles steht Kopf 2“ spielen. Beide Filme zeigen, wie neue Kräfte die Kontrolle übernehmen, weil sie glauben, es besser zu wissen als die etablierten Begleiter.
Die Filme von Pixar sind allerdings zu klug und zu selbstreflexiv gestaltet, um sie in ein simples Schema „analoge Welt gut – digitale Technologie böse“ einordnen zu können. Da das Produktionsstudio Pixar selbst auf der Basis innovativer Technik arbeitet, kann der Film Technologie nicht eindimensional als Feindbild darstellen und strebt eine Balance zwischen Fantasie und technischer Innovation an. Die anfängliche erzählerische Dichte, die vielen Figuren und mehreren Handlungsstränge lichten sich, sobald der Film in der zweiten Hälfte durch die herzzerreißende Geschichte von Jessie und ihrer ersten Besitzerin Emily beginnt zu rühren.
Jessies Abenteuer machen zwei Drittel des Films aus. Es geht um ihren Versuch, Blaze und Bonnie zusammenzubringen. Sie glaubt, die beiden würden gut zueinander passen, weil sie durch ihre Fantasie und ihre Liebe zum Spielen zu Außenseiter:innen wurden. Jessies Suche zwingt sie auch dazu, ihre alten Ängste zu besiegen und Frieden mit der Technologie und den Veränderungen, die diese bringt, zu schließen.
Woody und Buzz in einer Altherren-Buddy-Komödie
Das übrige Drittel des Films widmet sich den alten Helden Woody und Buzz und stellt dabei Geschlechterstereotype infrage. Die freundschaftliche Rivalität der beiden männlichen Spielzeuge besteht nach wie vor, doch das Drehbuch beleuchtet auch ihre gegenwärtigen Ängste: Buzz ist zu nervös, um Jessie einen Heiratsantrag zu machen, und Woody macht sich Sorgen um seine wachsenden kahlen Stellen.
Stilistischer Wandel
Die Animation von „Toy Story 5“ markiert einen spürbaren Wandel gegenüber Teil vier. Statt auf den strengen Fotorealismus des Vorgängers zu setzen, wirkt der neue Look verspielter und wärmer, runder, ohne Details einzubüßen. Besonders die Animation von Jessies Gesicht hat mich begeistert, vor allem der Ausdruck ihrer Augen. Kritiker:innen loben, wie lebendig ihr wollartiges Haar und der Stoffbezug von Bullseye animiert wurden, doch für mich liegt die eigentliche Magie in Jessies Mimik und Blick. Darin spiegelt sich genau der neugierige, offene Charakter wider, der Jessie schon seit „Toy Story 2“ ausmacht, nur diesmal mit einer technischen Finesse, die diese Persönlichkeit noch greifbarer macht. Auch die Bewegungen der zahlreichen außer Rand und Band geratenen Hightech-Versionen von Buzz Lightyear sind bemerkenswert präzise choreografiert, jede Figur bewegt sich leicht unterschiedlich und wirkt trotz der großen Anzahl der buzzenden Buzzes nie beliebig oder maschinell.
Und, liebe Kinder, was haben wir gelernt?
Technik und ein naturverbundenes Leben müssen im Gleichgewicht bleiben. Das lehren uns die Plastikfiguren, die die westlich liberale Welt so gut abbilden. „Toy Story 5“ sagt nicht nur Kindern: Spielt und traut euch, echte Freunde zu finden, indem ihr zeigt, wer ihr wirklich seid. Diese Botschaft trifft nicht nur Eltern und Kinder. Sie spricht auch alle an, die sich Gedanken über Social Media machen. Dort zählt oft mehr, wie man wirkt und was man darstellt, als wer man ist. Einem errechneten Ideal nachzueifern, setzt einen Maßstab, den niemand erfüllen kann und der niemanden glücklich macht.