In der Tourismuszone Wörthersee, besonders in Hotspots wie Velden, sind Freiräume für junge Menschen rar gesät. Clubs, Bars und Pop-up-Galerien stehen unter dem Diktat des Tourismus. Mit Trash vollgeramschte Boutiquen und Boutique-Hotels, Junggesell:innenpartys, Pop-up-Galerien mit Warhol-Prints, Damen mit großen Lippen und Matcha im Plastikbecher, hin und wieder alkoholisierte Motorbootfahrer:innen, die die Inseln übersehen: Das ist Alltag in den Sommermonaten.

Seezugänge sind umkämpft, Kapital siegt, öffentlich zugängliche Badeplätze sind gut gehütete Geheimtipps der Locals. Es gibt so gut wie keinen Ort – bis auf einen – an dem junge Menschen und Kinder einfach abhängen können, ohne konsumieren und ihre Bedürfnisse dem Tourismus unterordnen zu müssen.

Ein Ort mit Seezugang, an dem sich Kinder- und Jugendarbeit mit sportlicher Kompetenz trifft, ist das Clubgelände des gemeinnützigen Vereins UWSC, des Union Wasserski- & Wakeboardclubs Velden. Das Gelände gehört der Gemeinde Velden und wird seit über 40 Jahren vom UWSC genutzt. Nun ist dieser Ort in Gefahr. Man glaubt es kaum: Die Gemeinde Velden braucht Geld und zögert den Pachtvertrag des gemeinnützigen Vereins zu verlängern.

Community-Spirit und lokale Nachwuchsförderung

Der UWSC Velden besteht seit 75 Jahren und ist der älteste Wasserskiclub Österreichs. Am 12. September wird im Rahmen des Austrian Wakeboard Cups Geburtstag gefeiert. Generationen von Staatsmeister:innen, fast alle lokale Kids, haben hier trainiert. Der amtierende Champion Nico Juritsch ist 13-facher Staatsmeister im Wakeboarden und trainiert heute selbst den Nachwuchs.

Julia Wachter surft und ist im Vorstand des Clubs, sie gestaltet den Ort als möglichst Hierarchie-freien Ort, der Kids größt möglichen Raum zur Selbstbestimmung und Entfaltung lässt, weil durch diesen DIY Community Spirit entstehen wunderbare Dinge, erklärt sie, das hat sie als Mitorganisatorin und Veranstalterin des Acoustic Lakeside Festivals gelernt. Ich habe letztes Jahr beobachtet wie sie mit drei Girls zwischen 8 und 13 den Ölwechsel bei dem 400 PS Clubboot gemacht hat, eine der jungen Ladies mit Schraubenzieher und Ölflecken am Bikini meine Tochter. Es war eines der Highlights meines Sommers.

Das Spannende: Der UWSC hat ein Finanzierungsmodell, das es Kindern und jungen Menschen ermöglicht, diesen kostenaufwändigen Sport zu moderaten Preisen zu erlernen und auszuüben. Auf dem Clubgelände gibt es Appartements, die vermietet werden, um das Training der Kinder und Jugendlichen zu vergünstigen.

Damit ist es seit diesem Jahr vorbei: Die Mieteinnahmen fließen nicht mehr an den Club, sondern direkt an die Gemeinde Velden. Wie man Training und Spritkosten künftig auf einem für alle erschwinglichen Niveau halten könnte, wird gerade fieberhaft überlegt. Immer noch gibt es für Kinder aus dem Ort in den Ferien einmal pro Woche ein Gratistraining. Trainiert werden die Kids von Jugendlichen im Buddy-System: 8- bis 14-Jährige werden von 16- bis 20-jährigen Champions wie Emilia oder Moritz trainiert, mit einer Mischung aus Mentoring, Kompetenz und Freundschaft.

Es ist ein Paradies. Das Equipment wird zur Verfügung gestellt, das Clubhaus wird gemeinsam in Schuss gehalten, auf dem Boot läuft Neunziger-Hip-Hop. Und sollte einer oder eine der jungen Läufer:innen tatsächlich mal spektakulär stürzen, sind die Trainer:innen innerhalb von Sekunden mit einem ebenso spektakulären Salto im Wasser, um sie zurück ins Boot zu hohlen. Es hat den Spirit eines DIY-Skateparks und ist eine kulturelle Institution. Auch die Wettkampferfolge geben diesem Konzept von unentgeltlicher Jugendarbeit recht.

Im Team ein Pionier des inklusiven Wassersports

Florian Dungl ist seit einem Badeunfall querschnittsgelähmt. Die schwere Verletzung der Halswirbelsäule führte zu einer Tetraplegie, einer Lähmung vom Brustbereich abwärts, die auch die Funktion seiner Hände stark einschränkt. Der Extremsportler ist zweifacher Weltmeister im adaptiven Wakesurfen und gilt weltweit als Pionier des inklusiven Wassersports. Er ist die erste Person, die nach einer solchen Verletzung erfolgreich surft. Bei der Wakesurf-WM 2023 in Salt Lake City holte er sich die Goldmedaille im Adaptive Surfing. Auch er trainiert in den Sommermonaten beim UWSC Velden und schwärmt vom Spirit dieses Ortes: „Es ist eine zweite Heimat und die Menschen dort sind Familie.“

Jede Woche stellt die Crew außerdem eine nächtliche Wasserskishow auf die Beine – für die Zuseher:innen in der Bucht des Urlaubsorts gratis, von den Kids und Trainer:innen selbst organisiert. Vor dem Schloss Velden läuft dann nicht mehr Schlager, sondern für eine Stunde Drum’n’Bass und Electro Swing, Nintendocore und Led Zeppelin. Man sieht Super-Mario-Chases mit Skiern auf dem Wasser, spektakulärer als auf der Switch. Der 13-fache Staatsmeister Nico Juritsch macht Wakeboard-Saltos als Thor, er ist wirklich und leibhaftig God of Thunder on Water. Es ist Spektakel, sportlich beeindruckend und garniert mit liebevollen popkulturellen Referenzen.

Tycoon Tornado und Millionärsbadewanne

Der UWSC Velden ist ein Paradies mit Community-Spirit und täglichem Wassersporttraining, ein Zuhause für über 80 Kids, die hier Wassersportarten trainieren und baden können. Der Mitgliedsbeitrag ist geringer als eine Saisonkarte für ein Wiener Freibad.

Damit soll jetzt Schluss sein. Bürgermeisterin Dr. Margit Heissenberger hat den Pachtvertrag nur noch für diesen Sommer verlängert. Wie es danach weitergeht, ist ungewiss. Rundherum schießen unterdessen Millionärsanwesen wie Schimmelpilze aus dem Boden. Eine benachbarte Luxusappartmentanlage steht seit Jahren leer, Andreas Gabalier und seine Nachbar:innen dürfen ihre offiziell als Hotel errichteten, tatsächlich aber als Privatwohnungen genutzten Appartements seit Jahren nicht mehr betreten.

Verlängerung des Pachtvertrags ungewiss

Die Bürgermeisterin hat bisher auf Vorschläge des Clubs, wie es weitergehen könnte, nicht reagiert. Fünfzig-seitige Konzepte mit dem gemeinwohldienenden Nutzungsplänen wurden ignoriert, stattdessen wurde von der Bürgermeisterin ein Gutachten eingeholt für wieviel Geld das Seegrundstück, das der Gemeinde Velden gehört, anderweitig verpachtet werden könnte. 9.000 Euro im Monat könnten demnach verlangt werden, das ergäbe eine Jahresmiete von über 100.000 Euro, unbezahlbar für einen gemeinnützigen Sportverein. Außerdem wurde von einer Immobilienfirma bereits ein Kaufangebot über sechs Millionen Euro für das Grundstück gestellt.

Alles ist in der Schwebe: Der Gemeinderat ist voll des Lobes für die Arbeit des UWSC Velden, die Bürgermeisterin reagiert auf Kooperationsangebote aber nicht. 2027 sind Wahlen.

Auf dem Steg und auf dem Wasser trainieren die Kids weiter und feiern das Leben Tag für Tag, in diesem vielleicht letzten Sommer in einem der letzten frei zugänglichen, selbstorganisierten Freiräume an einem See, der bald zur privaten Badewanne von Superreichen werden könnte.