Eine Diskette aus den 1980er Jahren liegt unter dem Mikroskop. Ihr Plastik ist zerkratzt. Das Laufwerk, das sie einst lesen konnte, wird längst nicht mehr gebaut. Trotzdem steckt in ihr ein Stück österreichischer Kulturgeschichte. Das Technische Museum Wien hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau solche digitalen Schätze für die Nachwelt zu retten – durch Sammeln, Restaurieren und neue Methoden der „Software Conservation“.

Wer das SoftwareLAB des hauseigenen Software Archive and Collection betritt, landet zwischen Restaurierungsatelier und Computerwerkstatt. Am Tisch stehen alte Videospiele, gespeichert auf Disketten, Kassetten, CD-ROMs und sogar Lochstreifen. Um sie auch heute noch abspielen zu können, stehen diverse historische Rechner von den 1980er bis Nullerjahren im Regal. Generalüberholte Speziallaufwerke können die Games mit aktuellen Computern verbinden. Selbstgebastelte Werkzeuge aus dem 3D-Drucker helfen beim Reinigen. Hier im Technischen Museum Wien wird unser digitales Kulturerbe gesichert, das sonst vielleicht verloren gehen würde.

„Software als wichtiges Kulturgut muss dringend erhalten werden. Damit wir verstehen, wie sie unseren Alltag beeinflusst und wie kreativ sie in Kunst, Videospiel-Entwicklung und Forschung eingesetzt wird“, sagt Nika Maltar, Österreichs erste angestellte Software-Konservatorin. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat die Slowenin herausgefunden, dass österreichische Bundesmuseen bisher kaum Videospiele und Game Art sammeln. Daher hat sie 2021 mit dem Software Archive and Collection begonnen, eine Sammlung für österreichische Indie-Videospiele aufzubauen.

Indie-Spiele made in Austria

Im Fokus stehen Games der österreichischen Studios Neo Software, Max Design und JoWooD. Sie sind für Maltar deswegen interessant, weil sie als Indie-Entwickler begonnen haben, danach aber kommerziell erfolgreich wurden. In ihrer Hand hält sie das Text- und Grafik-Adventure-Game „Der verlassene Planet“ (1989), das erste kommerziell erfolgreiche Spiel für den Commodore 64 made in Austria. Entwickelt hat es Neo-Software-Gründer Hannes Seifert, der danach internationale Hits wie „Whale’s Voyage“ (1993) landete und das Studio Rockstar Vienna aufbaute.

Doch die heimische Gaming-Landschaft umfasst für Maltar auch Arbeiten aus der Demoszene, Alternative-Controller-Games und Kunstproduktionen, die mit Game Design experimentieren. „Die Sammlung macht sichtbar, dass diese Szene durch engagierte Communitys entstanden ist und bis heute lebendig gehalten wird. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam mit diesen Communitys ihre Geschichte und ihre Werke zu sammeln sowie ihre Perspektiven, Erfahrungen und Expertise in die Erhaltungsprozesse einzubeziehen“, sagt Maltar.

Während Ölgemälde Jahrhunderte überstehen können, altern digitale Werke überraschend schnell. So kann es sein, dass ihre Hardware nicht mehr hergestellt wird, Programmiersprachen veralten oder Server bereits offline sind. Auch rechtliche Hürden wie ein Kopierschutz oder ungeklärte Urheberrechte erschweren das Restaurieren. Um solche Probleme besser zu verstehen, kooperiert das SoftwareLAB eng mit heimischen Indie-Game-Studios, Tech-Unternehmen und der lokalen Videospielcommunity.

Neuer Job: Software Restaurator:in

„Software Conservation ist ein junges Feld, das Nachwuchs braucht. Doch diese Ausbildung existiert in Österreich bisher nicht“, sagt Maltar. Deshalb kooperiert das Technische Museum Wien nun auch mit der Universität für angewandte Kunst Wien. Bisher lernten dort Studierende der Restaurierung und Konservierung das Bewahren von Leinwand, Stein und Holz. Neuerdings sollen sie sich auch auf Software spezialisieren, um das Restaurieren von Quellcode, Dateiformaten und Betriebssystemen zu erlernen.

„Das ist echte Grundlagenforschung“, sagt Institutsleiterin Martina Griesser-Stermscheg. Sie kam vom Technischen Museum Wien an die Universität für Angewandte Kunst Wien. „Viele Methoden müssen wir erst entwickeln, um Software überhaupt als Kulturgut erhalten zu können. Österreich ist hier noch besonders weit hinten.“ Das Restaurieren von digitaler Kultur werde sich aber verändern, denn junge Menschen unterscheiden nicht mehr zwischen materieller und immaterieller Kultur, zwischen Hardware und Software.

Am Lehrplan der neuen Spezialisierung „Software Conservation“ stehen: Computerarchäologie, Programmieren, Lizenzrecht, digitale Ethik und natürlich: Restaurierung. „Wir suchen experimentelle Zugänge, Software zu erhalten. Dabei orientieren wir uns stark an der Gaming-Community“, meint Koordinatorin Viviane Kübler. Zentral sei die Zusammenarbeit mit Softwareentwickler:innen, Hacker:innen und Kollektiven, die Software in ihrer Freizeit bewahren.

Vom Gemälde zur Emulation

Wie komplex digitale Restaurierung sein kann, zeigt Studentin Sofia Schweiger anhand eines digitalen Kunstwerks der österreichischen Medienkünstlerin Ursula Endlicher. Ihr Netzkunst-Game „Sticky Snacks“ (1994) musste erst von einer Diskette auf einen aktuellen PC transferiert werden, um den Zustand erfassen zu können. Damit das Spiel dort spielbar wird, wurde es in eine Emulation eingebettet und seine Bildschirmauflösung erhöht. Eine Emulation imitiert mittels Software die alte Hardware, für die das Spiel ursprünglich programmiert wurde. So können Oldtimer-Computer als virtuelle Maschinen weiterleben und Programme laufen lassen, die sonst nicht mehr spielbar wären.