Die Liste dessen, was William Orbit alles musikalisch so machte, ob für sich oder für andere, ist lang und beeindruckend: er arbeitete unter anderem mit Madonna, Blur, U2, All Saints, No Doubt, Beth Orton, Finley Quaye, Britney Spears, Beck, Chris Brown und Pharrell Williams. Vor allem war er der Producer seiner Generation, ein Mark Ronson, ein Jack Antonoff.

William „Orbit“ Wainwright wäre im Dezember 70 Jahre alt geworden. Lange hatte er sich seine jungenhafte Art und ein recht jugendliches Aussehen erhalten, zuletzt aber nicht mehr. William Orbit hatte vor ein paar Jahren Probleme. Im Alter von über 60 Jahren hatte er begonnen, wieder Drogen zu nehmen. In Interviews – als er wieder okay zu sein schien – ging er sehr offen damit um. Seinen Humor hatte er immer noch: „Das war nicht so eine gute Idee“, meinte er. William – ich durfte ihn einen persönlichen Freund nennen – kam schon als Teenager in Kontakt mit Drogen, hatte damit aber aufgehört und duldete später in seinen Guerilla-Studios in London, als ich dort in den 90s aushalf, auch keine. Niemand, der mit ihm arbeitete oder das Studio für sich nutzte, durfte dort Drogen nehmen.

Der Produzent für die Stars

Bevor William Orbit producer to the stars wurde, war er ein North London Dance Producer, der sich einen Namen als Remixer für Prince, Madonna, Sting, die Nu-Metal-Band Limp Bizkit und viele weitere gemacht hatte. William Orbit war einer der ersten, der diese Kunst praktizierte – und er verstand sie wie nur wenige sonst. Er hatte auch britischen HipHop produziert, etwa den Rapper Derek B. Mit seinem House-Projekt Bassomatic veröffentlichte er Anfang der 90er Jahre ein Album, das in den britischen Charts erfolgreich war, samt der Hit-Single „Fascinating Rhythm“.

Ich hörte damals House, soulful House wie Chicago Deep House, obwohl Gitarrenmusik immer schon meine große Liebe war. Und weil ich zu dieser Zeit gerade meine ersten Radio-Schritte machte, meinte Werner Geier (Ö3 Musicbox), wenn ich ohnehin öfter nach London reise, könnte ich doch einen gewissen William Orbit interviewen. Der Kontakt war via Plattenfirma rasch hergestellt; ich machte mich auf nach London und traf auf einen großen, schlaksigen, jungenhaften, freundlichen gebürtigen Londoner mit einem riesengroßen Musikwissen. Wir blieben in touch, wurden Freunde.

Crouch End und die Guerilla Studios

In seinem Haus/Tonstudio im Nordlondoner Stadtteil Crouch End werkte William. Herunten waren das Studio – die Guerilla Studios –, die Küche und ein kleiner Garten mit einem großen Baum. Im oberen Stock war das Büro von Guerilla Studios, dazu noch ein großes Zimmer mit vielen Sachen und noch ein kleines, sowie das Badezimmer. Im Büro saß eine höfliche ältere Dame, die ihre Arbeit aber dann beendete, soweit ich mich erinnere, weil sie in Pension ging. Jemand anderer war nun da, Rob. Als Rob aber dann beschloss, er wolle sein Glück in den USA versuchen, meinte William, dass ich doch dessen Wohnung mieten könne, während der weg war. Eine tolle Gelegenheit, (noch) mehr Zeit in London zu verbringen. Es war eine schöne Wohnung, auf zwei Etagen, ein Council Flat mit French Windows, einem Garten und einer schönen Küche, nur die Heizung fehlte, es gab nur einen Gaskamin im Wohnzimmer. Ach was, dachte ich, wird schon nicht so kalt werden.

Die Wohnung war jedenfalls sehr günstig, unfassbar günstig, Rob wollte vor allem, dass jemand da ist, während er in den USA war. Und so fuhr ich rauf nach Crouch End, wenn ich in London war – ich pendelte weiter zwischen Wien und London – um in Williams Studio auszuhelfen. Im Büro gab es dort ohnehin gerade niemanden. Rauf mit der Piccadilly Line bis Finsbury Park, dann weiter mit dem Bus, vorbei an den Geschäften aus aller Welt – exotischer Fisch, indische Farben, you name it – und dann noch ein Stück fahren und aussteigen beim kleinen Uhrturm. Vorbei an The Church, einer früheren kleinen Kirche, die ein Aufnahmestudio war (Bob Dylan war der Besitzer, inzwischen gehören Gebäude und Studio dem englischen Producer Paul Epworth, der Mumford And Sons, Florence + The Machine und andere produziert hat), vorbei am Haus von Annie Lennox und hinein in die kleine Straße, wo William war.

Enter Madonna

Es war 1996 und William Orbit arbeitete nächtelang in seinem Tonstudio durch. Er wusste, er würde es nun schaffen, so richtig schaffen. Und so war es. Eines Tages rief eine Frau aus den USA an. Ich nahm das Telefon ab, es war die damalige Managerin von Madonna. Sie sagte, „Hi, it’s Liz Rosenberg, are you William’s manager?“ Nein, war ich nicht, bloß eine junge Frau aus Vienna, Austria, die bits and pieces im Studio ihres lieben Freundes William machte. Aber William gab mir immer das Gefühl, gut zu sein bei dem was ich machte. Er schätzte meine Radioarbeit schon, als das noch nicht so viele Menschen taten. William mochte gutes Radio richtig gerne – von BBC World Service über die kalifornische Radiostation KCRW („Morning Becomes Eclectic“) bis zu FM4.

Als die Zusammenarbeit mit Madonna fixiert war, packte William sein Studio in Flight Cases und ließ alles nach Los Angeles bringen. Aus Guerilla Studios wurde Guerilla Beach in Malibu.

About William

William Orbit war nicht das, was man einen „little Englander“ nennt, er blickte weit über Tellerränder hinaus. Wir blieben immer in touch, mal mehr, mal weniger. Außer in den letzten Jahren. William Orbit hatte mit über 60 wieder begonnen, Drogen zu nehmen und sprach dann auch in Interviews über seinen erneuten Drogenkonsum. Nach einem Spitalsaufenthalt schien er aber wieder im Besitz seiner mentalen und körperlichen Kräfte zu sein.

Es war eine gemeinsame Freundin in Los Angeles, seine langjährige Vertraute und oftmalige Mitmusikerin Laurie Mayer-Conning, die mich per Mail informierte: „About William“. Ich musste es mehrmals lesen, weil ich es erst nicht glauben wollte.

Das gigantische Werk des William Orbit

William war großzügig, freundlich, höflich, hatte ein riesengroßes Wissen über allerlei Dinge, er hatte Humor, Begeisterung, er war feinfühlig, er war ein Visionär, ein Durchhalter, er war resilient, trotz immer wieder großem Stress und auch einer durchaus dunklen Seite. Ich glaube, letztlich, irgendwie, ich sag es auf Englisch: It had taken a toll on him. Sein Leben, seine Arbeit, sein Lebenswerk. Es war viel, sehr viel, vielleicht zu viel – für ihn.

Da war seine große Freude, als er fast wie ein kleiner König Hof hielt in seinem Stadthaus an einem schönen Platz im zentralen Westen von London, gleich neben Tony Blair; da war er nach Jahren in L.A. wieder zurück in London; als er für die Queen deejayte, als er Sinfonien komponierte, die britische Orchester dann auf die Bühne brachten, als er Maler wurde… Er war noch immer wie ein kleiner Junge, der sich seinen Traum erfüllt hatte. Aber eine gewisse Rastlosigkeit war da auch da, und vor wenigen Jahren veröffentlichte er wieder ein Album, mit Gastmusikerinnen wie Georgia. Überspitzt formuliert: mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Was (mir) bleibt sind schöne Erinnerungen an ihn und natürlich sein schier gigantisches Werk – von seinen eigenen Sachen (Torch Song, Bassomatic, Strange Cargo, seine Klassik-Platten) über seine Remixes für andere Künstler:innen bis zu seinen Produktionen von Musik anderer Musiker:innen, bei denen so unverkennbar seine Handschrift zu sehen/hören war, ohne dass er diese Künstler:innen jedoch erdrückte. Es wäre schön gewesen, wenn er noch mit einer jungen Künstlerin wie FKA Twigs zusammenarbeiten können hätte, sie schätzte seinen Sound. Ein Kreis hätte sich geschlossen. Laut seinen eigenen Angaben hatte er zuletzt ein komplettes Album für Madonna fertig komponiert, eine Art „Ray Of Light 2“, aber daraus wurde im Endeffekt nichts.

Rest easy, William! Shine on you sweet and crazy diamond!